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Full text of "Der Ursprung des russischen Staates: Drei Vorlesungen"

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Der Ursprung des russischen Staates. 



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Der Ursprung 



des 



Russischen Staates. 



Drei Vorlesungen 



Dr. Wilb. Thoiiiseii, 

Professor der vergleichenden Sprach forsch ang in Kopenhagen. 



Vom Verfasser durchgesehene deutsche Bearbeitung 

von 

Dr. L. Bornemann. 



Gotha. 

Friedrich Andreas Perthes. 
1879. 



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Vorwort. 

Eine Aufforderung seitens der Ilchester-Stiftung 
zur Förderung des Studiums der slawischen Sprache, 
Literatur und Geschichte veranlasste Professor Wil- 
hß\m Thomsen, im Mai 1876 zu Oxford Vor- 
lesungen über „T%e relations between ancient Bussia 
and Scandinavia^ and the origin of ihe Bussian 
state'^ zu halten, die auf Kosten derselben Stiftung 
gedruckt sind (Oxford and London: James Parker 
and Co. 1877^ 8^). In klarster und anziehendster 
Darstellung giebt der Verfasser, was bisher in einer 
weitschichtigen Literatur, zum besten Theile in den 
ebenso weitläufigen und unübersichtlichen als ge- 
lehrten Büchern des russischen Akademikers Kunik 
zerstreut war; selbstständige Forschungen, durch 
welche die Sache wesentlich gefördert wird, blicken 
überall durch. So hat das Buch in England und 
Frankreich wie im Norden verdiente Anerkennung 
gefunden; in Deutschland ist es trotz einer ehren- 
vollen Besprechung (von Professor Maurer, Jenaer 
Literatur-Zeitung 1878, S. 256 f.) bisher mit Un- 
recht unbeachtet geblieben. 



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VI 

Die vorliegende Bearbeitung ist auf freundliche 
AnregTing des Göttinger Docenten der Geschichte 
Dr. K. Höhl bäum entstanden. Sie weist in fast 
ailen Theilen wesentliche Erweiterungen und Verän- 
derungen auf, die ich der liebenswürdigen Theil- 
nahme des Herrn Verfassers verdanke. Einige Ab- 
schnitte (z. ß. den Bericht Ibn Fadhlans, S. 29 flf.) 
habe ich ausführlicher gegeben, als sie den engli- 
schen Zuhörern zugemuthet werden konnten; immer- 
hin aber glaube ich auch den deutschen Lesern 
(mit Prof. Schiern in der Historisk Tidskrift, 
1878, p. 169 sqq.) diese klassische Schrift mit Ci- 
ceros Worten empfehlen zu sollen: nihil est in 
historia pura et ülustri brevitate dulcius. 

Wem die Literatur minder zugänglich ist, den 
möchte ich wenigstens auf ßüdingers S. 8 t A. 1 
angeführten Aufsatz über die Staatengründungen 
der Normannen und auf Bestushew Rjumins 
Geschichte Kusslands, Bandl (übersetzt von Sc hie- 
mann, Mitau l87t) verweisen; die Aufsätze über 
die Ethnographie Russlands in Petermanns Mit- 
theilungen (1877, S. 1 ff. 141 ff.; 1878, S. 325 ff. 
und Ergänzungsheft Nr. 54; dazu mehrere Karten), 
zu denen dies Buch den geschichtlichen Unterbau 
bis ins 11. Jahrhundert liefert, sind bekannt und 
verbreitet. 

Hamburg, den 1. Mai 1879* 

Dr. L. Bornemann. 



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Inhalt. 

Seite 

Erste Vorlesung. Die Bewohner Altrusslands und die Grün- 
dung des russischen Staates 1 

Zweite Vorlesung. Die skandinawische Abstammung der 

Altrussen 39 

Dritte Vorlesung. J^ame und Geschichte des skandiua- 

wischen Elements in Russland 91 

Anliang. Altrussische Eigennamen 137 

Register .152 



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Beriehtigungren. 



S. 3, Z. 


12 lies Vertfientt statt Werk. 


„ 11, ,. 


3 der Anra. 2 lies St. PÄtersbourg. 


« 20, „ 


3 der Anm. 1 lies Liatfprand. 


« 60, „ 


3 lies Liadprand. 


M 64, „ 


3 lies unabtiohtlioh sUtt unarktisch 


„ 59, „ 


21 lies cpöpo^. 


M 64, „ 


1 der Anm. 1 lies Strom-. 



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Erste Vorlesung. 



Die Bewohner Altrusslands und die (Gründung des 
russischen Staates. 



Thomsen, ürspr. d. rnss. Staates. 



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Bei dem ersten Aufdämmern geschichtlicher Kunde finden 
wir das weite Gebiet des jetzigen europäischen Kusslands oder 
wenigstens das weite Innere desselben wesentlich von denselben 
Nationalitäten bewohnt, die noch heute den Grundstock seiner 
Bevölkerung ausmachen, nemlich theils von Slawen, theils von 
finnischen und tatarischen Stämmen. Allein das Verhältnis 
dieser verschiedenen Nationalitäten zu einander war damals 
ganz anders als heutzutage; das erdrückende numerische und 
politische Ueberge wicht, welches das slawische Element über 
die anderen gewonnen hat, ist das Werk verhältnismässig 
junger Zeiten, während die Gründung eines russischen Staates 
das Werk keines dieser Stämme ist. 

Verweilen wir einen Augenblick bei den Anfängen des 
Slawenthums in Kussland und den Bevölkeruugsverhältnissen 
jenes au^edehnten Gebietes in der Periode, wo uns zuerst 
der Name Kussland begegnet. 

Die Slawen ^) sind ein Glied der grossen Völkerfamilie 
der Arier oder Indogermanen, die seit unvordenklicher Zeit den 
bei weitem grössten Theil von Europa bewohnen. Natürlich 
haben die Slawen in unserem Welttheil ebenso lange gelebt 
wie irgend eins ihrer Brudervölker; aber von ihren allernächsten 
Verwandten und Nachbarn, den Litauern und den Letten, 
abgesehen, föUt auf keinen arischen Stamm so spät das Licht 



i) Vgl. Schafarik, Slawische Alterthümer, übersetzt von Mosig 
V. Aehrenfeld (Leipzig 1843 f.) I, 22 ff. 119 u. a. Krek, Einleitung 
in die slawische Literaturgeschichte (Graz 1874) I, 33 ff. 61 ff. 

1* 



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der Geschichte wie auf die Slawen. Ihre Wohiiplätze waren 
von den Brennpunkten antiker Kultur so abgelegen, dass 
Griechen und Römer mit ihnen kaum in unmittelbare Be- 
rührung kommen konnten; und da sie stets, wie es ja noch 
der Fall ist, ein an und für sich friedliebendes Volk gewesen 
sind, so haben sie sich nie sehr um die Verhältnisse ihrer 
Nachbarländer gekümmert. Deswegen sind die Slawen so spät 
auf der Bühne der Geschichte erschienen. 

Erst als die Kömer in Germanien Fuss gefasst hatten, 
erfuhren sie durch die Germanen von dem Dasein der Slawen ; 
da erst finden wir diese bei den alten Klassikern erwähnt. 
Der erste lateinische Schriftsteller, welcher deutlich auf sie 
anspielt, ist der ältere Plinius (gest. 79 n. Chr.); und der 
drückt sich sehr vorsichtig folgendermassen aus^ „ Einige sagen, 
die Länder jenseit der Weichsel würden von den Sarmaten, 
den Venedi u. s. w. bewohnt." ^) Etwas später finden wir 
die Veneti wieder von dem römischen Geschichtsschreiber 
Tacitus in seiner Beschreibung Germaniens (Cap. 46) erwähnt; 
er schwankt, ob er dies Volk zu den Germanen zählen soll 
oder nicht, neigt aber zu der ersten Meinung, weil sie in 
ihrer Lebensweise den Germanen sehr ähnlich wären. Seit- 
dem erscheint der Name der Slawen in den historischen und 
geographischen Werken des* Alterthums etwas häufiger. 

In der antiken Literatur erscheinen die Slawen allgemein 
unter dem Namen Venedi oder Veneti {Venadi, Vinidae, 
OvereSai). Mit diesem Namen, den die Slawen selbst nicht 
kennen, haben die deutschen Stämme von Anfang an diese 
ihre östlichen Nachbarn bezeichnet, Wenden; und die An- 
wendung dieser Benennung durch die römischen Schriftsteller 
ist ein Beweis dafür, dass, was sie über die Slawen wussten, 
durch die Germanen ihnen zuging. Die altdeutsche Form 
jenes Namens war Wineda, und jetzt nennt man bekanntlich 
Wenden die Ueberreste einer ehemals ausgedehnten slawi- 
schen Bevölkerung in der Lausitz, während die Slowenen in 



1) Plin. Hist. nat. IV, 14, 97: Quidam haec habitari ad Vistulam 
usque fluvium a Sarraatis, Venedis, Seins, Hirns traduni 



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Kärnten, Krain und Istrien Winden heissen; die angel- 
sächsische Form WinedaSj Weonodas findet sich in König 
Alfreds Orosius als Bezeichnung der Wenden cwier Sla- 
wen im Süden der Ostsee, und unter dem Namen Vender 
(altnordisch Vindr) war im Norden, besonders in Dänemark, 
während des Mittelalters (11. und 12. Jahrhundert) dieses 
wilde, heidnische Volk bekannt. Auch die finnischen Stämme 
am Ufer der Ostsee und des bottnischen Busens entlehnten 
in alter Zeit diesen Namen von den Skandinawen oder den 
Goten und gebrauchen ihn noch für Russland, das bei den 
Finnländern Venäjä, Venää oder Venät, bei den Estländem 
Wene heisst '). Wenn die Slawen selber je ihre ganze Völker- 
gruppe mit einem gemeinsamen Namen bezeichnet haben, so 
war es wahrscheinlich kein anderer als der, den wir heute 
brauchen, Slawen, ursprünglich Slowenen. In Wirklichkeit 
indes nannte sich jeder der zahlreichen Stämme, in welche 
die Slawen schon in alten Zeiten zerfielen, mit einem beson- 
deren Namen, und selbst der Name Slowenen tritt geschicht- 
lich nie als Gesammtbezeichnung, sondern nur als Name 
verschiedener, weit von einander entfernter Einzelstämme 
auf. 

Die ältesten Quellen , aus denen wir Kunde von den 
Wenden oder Slawen schöpfen, setzen sie einmüthig an die 
Weichsel. Von diesem Flusse, der ihre Westgrenze gebildet 
haben muss, dehnten sie sich ostwärts bis zum Dnjepr und 
weiter aus. Im Süden bildeten die Karpathen ihre i&renze; 
im Norden reichten sie vielleicht über die Düna in das spä- 
tere Nowgorod; wahrscheinlicher freilich ist, dass ihre Nieder- 
lassung in dieser Gegend erst etwas später, nemlich gleich- 
zeitig mit ihrer weiteren Ausbreitung nach Westen vor sich 
gegangen ist. 

In den ausgedehnten Waldungen und Sümpfen, welche diese 



1) Vgl. V. Thomsen, Den gotiske sprogklasses indflydelse pa den 
finske (Köbenhavn 1869), S. 109. 159. Deutsche Uebersetzung von 
E. Sievers, Ueber den Einfluss der germanischen Sprachen auf die 
finnisch -lappischen (Halle 1870), S. 126. 183. 



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entlegenen Erdstriche bedecken, haben die Slawen wohl wäh- 
rend der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt in Frieden 
und Euhe gewohnt, in eine Anzahl kleinerer Stämme oder 
Sippen getheilt, auf die Befriedigung ihrer eigenen Bedürf- 
nisse ohne Belästigung der Nachbarn bedacht und von den 
Ereignissen unberührt, welche damals den grössten Theil 
Europas erschütterten. Jedenfalls ist uns geschichtlich nichts 
überliefert, was zu der Annahme berechtigte, dass die Slawen 
an den wichtigen Ereignissen jener Periode theilgenommen 
hätten. 

Im dritten oder vierten Jahrhundert wanderten die Goten 
von den Südküsten der Ostsee durch den Westen des heutigen 
Kusslands. Einer ihrer Führer, der Eroberer Ermanarich, der 
hier far kurze Zeit ein mächtiges Königreich gründete, zwang 
auch die Slawen, sich unter sein Joch zu beugen. Aber die 
Goten wandten sich bald südwärts, und ihre Beziehungen zu 
den Slawen Kusslands hatten ein Ende. 

Ich darf hier nicht versäumen auf einen interessanten 
kleinen Fund hinzuweisen, welcher schon 1858 gemacht wurde, 
aber erst neuerdings bekannt geworden ist und nach meiner 
Meinung sicherlich von jenen gotischen Einwanderern her- 
stammt. Es ist eine Lanzenspitze mit kurzer Runeninschrift, 
die in der Nähe von Kowel in Wolynien gefunden ist ^). Die 
Buchstaben dieser Inschrift sind die sogenannten älteren Ku- 
nen, und als die Zeit> deor sie angehören muss, ist damit deut- 
lich das dritte oder vierte Jahrhundert unserer Zeitrechnung 
g^eben. Sie enthält blos den Namen eines Mannes, ohne 
Zweifel des Besitzers, welcher wahrscheinlich E(?)larid8 ge- 
lesen, werden muss. Nach der gewonnenen Zeitbestimmung 



1) A. Szumowski in der polnischen Zeitschri^b Wiadomo^d Ar- 
cheologiczne III, 49— -61 (Warschau 1876), mit einem Briefe des dänischen 
Runologen Dr. L. Wimrner über die Runeninschrift. Die Lanzenspitze 
selber hat in Arbeit imd Ver/Jerung ausserordentliche Achnlichk^it mit 
einer, die in der Nähe von Müncheborg (Provinz Brandenburg) gefunden 
und in Professor G. Stephens' Old Northern Runic Mtmutnente, voi. II 
11868), p. 880 dargestellt ist. 



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und der sprachlichen Form des Namens ist es ganz umnöglich, 
in diesem Fund etwas anderes als ein Denkmal der gotischen 
Einwanderung in diese Länder zu erblicken. 

Es dauerte indes nicht lange, da wurde den Slawen ihre 
ursprüngliche Heimat zu eng; ihre Menge konnte in den 
alten Grenzen nicht Platz finden, vielleicht trieb sie auch ein 
Anstoss von aussen : kurz, sie breiteten sich nach Westen aus, 
dahin, wo die grossen Wanderungen des vierten und fünften 
Jahrhunderts für die neuen Einwanderer hinlänglichen Baum 
geschafft hatten. 

Auf zwei getrennten Wegen rücken von jetzt ab die 
Slawen in hellen Haufen vor. Auf der einen Seite gehen sie 
über die Weichsel und ergiessen sich über die Landstriche 
zwischen den Karpathen, der Ostsee und der Elbe, deren 
frühere, germanische Bevölkerung theils ausgewandert, theils 
durch innere Streitigkeiten und durch den verderblichen 
Xampf gegen das römische Reich gelichtet war. Auf eben 
diesem Wege kamen die Polen und wahrscheinlich auch die 
Tschechen Böhmens und Mährens in die Gebiete, die sie seit 
jener Zeit bewohnt haben. An den übrigen Stellen dieses 
Westgebietes wurden die Slawen später in den blutigen Kriegen 
mit den Deutschen meist au^erottet, so dass es da nur noch 
wenige Abkömmlinge von ihnen gibt. 

Der andere Weg, auf dem die Slawen vorrückten, führte 
südwestwärts, die Donau entlang. Das sind die sogenannten 
Süd-Slawen: die Bulgaren, Serben, Kroaten und am west- 
lichsten die Slowenen. Vor tausend Jahren indes besassen 
die Slowenen in dieser ihrer neuen Heimat eine noch ausge- 
dehntere Ländermasse als jetzt; im Süden fanden sich slawische 
Golonien bis tief in die griechisch-türkische Halbinsel, und 
nordwärts umfassfte ihr Gebiet ein grosses Stück des alten 
Daciens und Pannoniens, die Gegend, in der etwas später die 
Ungarn ihre Heimat fanden. 

Diese Süd -Slawen haben bei der Entwicklung der ganzen 
Rasse eine wichtige Rolle gespielt, sofern sie das Bindeglied 
zwischen christlicher Civilisation und ihren heidnischen Bruder- 
ötämmen abgaben. Den Donau-Slawen (vornehmlich in Pannonien) 



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predigten die beiden Brüder aus Thessalonich, Cyrillus und 
Methodius, die Nationalheiligen der Slawen, gegen Ende des 
neunten Jahrhunderts das Evangelium in ihrer (bulgarischen ?) 
Muttersprache und gründeten eine blühende Literatur. Mit 
der Verbreitung des Christenthums zu den anderen Süd- und 
Ost-Slawen fand diese Literatur eine neue Heimat, und bis 
vor wenigen Jahrhunderten war dieses Altslowenische in etwas 
veränderter Gestalt die einzige Schriftsprache dieser Völker. 
Heutzutage ist es noch bei den Gottesdiensten der griechischen 
Kirche in Gebrauch. 

Von den in ihrer alten Heimat, dem heutigen Westruss- 
land, zurückgebliebenen Slawen hören wir einige Jahrhunderte 
wenig oder gar nichts. Das erste Schriftstück, tirelches uns 
ausführlich von ihnen berichtet, ist die alte russische Chronik, 
die den Namen des Mönches Nestor (gest. c. 1115?) trägt, 
aber in den früheren Theilen zweifelsohne ältere Aufzeich- 
nungen benutzt. Die Skizze der alten Geschichte Russlands 
bis um das Jahr 1110, welche der Vater der russischen Ge- 
schichte in diesem Werke hinterlassen hat, ist für uns äusserst 
werthvoU. Der Verfasser beginnt mit einer Beschreibung der 
slawischen Stämme, die das heutige Eussland im Anfang der 
russischen Geaehichte, d. h. im neunten Jahrhundert, bewohn- 
ten, und wir erfahren, dass die Slawen zu jener Zeit ebenso- 
wenig ein einheitliches Volk bildeten als, wie wir oben sahen, 
bei ihrem ersten geschichtlichen Auftreten; sie zerfielen in 
eine Anzahl von Stämmen, die von einander unabhängig waren 
und sämmtlich nicht allzu grosser Ordnung ihrer gesellschaft- 
lichen Zustände sich rühmen konnten. 

Diese Stämme waren nach Nestor die Slowenen (oder 
Slawen xar H^o/riy) um den Ilmensee, mit der Hauptstadt 
Nowgorod ; südlich davon die Kriwitschen um die Quellen der 
Wolga, der Düna und des Dnjepr, mit der Hauptstadt Smo- 
lensk; davon westlich ein verwandter Stamm, die Polotschanen 
an dem Polotaflüsschen und der Düna, mit der Hauptstadt 
Polozk. Gehen wir weiter nach Süden, so finden wir in dem 
Striche westlich vom Dnjepr zuerst die Dregowitschen, dann 
die Drewlänen und weiterhin die Polänen, die zu den wich- 



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tigsten von allen gehören, und deren Hanptstadt Kijew später 
so berühmt geworden ist ; ausserdem einige minder bedeutende 
Stämme. Oestlich vom Dnjepr begegnen wir nur ein paar 
Slawenstämmen, nemlich den Badimitschen südlich von Smo- 
lenst, den Wätitschen in der Gegend der Oka, am östlichsten 
von allen, und zuletzt den Seweränen, die den Polänen 
gegenüber wohnen. 

Man sieht, dass zu jener Zeit nur ein einziger Stamm, 
die Wätitschen, in die Mitte des heutigen Kusslands reichte; 
die Slawen können nicht viel östlicher gesessen haben als vier- 
hundert Jahre vorher, wo diese Gegenden die gemeinsame 
Heimat der ganzen Kasse waren. Ferner mache ich auf die 
Thatsache aufmerksam, dass der Name Bussen noch völlig 
unbekannt war und noch auf keinen der von Nestor erwähn- 
ten Slawenstamme Anwendung fand. 

Werfen wir einen Blick über die Grenzen der Slawen- 
welt hinüber, so finden wir den grösseren Theil des heutigen 
ßusslauds mit finnischen und tatarischen Stämmen bevölkert. 
Der breite Steppengürtel, der den südlichen Theil dieses Lan- 
des bedeckt und im Alterthum hauptsächlich von den Scythen 
bewohnt war, gehörte damals Horden tatarischer oder türkischer 
Abkunft, die mehr oder weniger als Nomaden lebten. Die 
Chasaren waren im Beginn der russischen Geschichte der 
wichtigste unter diesen Stämmen. In der zweiten Hälfte des 
siebenten Jahrhunderts bildeten sie einen Staat mit der Haupt- 
stadt Bit an der Wolga, nahe bei dem jetzigen Astrachan. 
Auch eine ihrer Festungen, SarTcel, „Weissenturm", wird er- 
wähnt, die mit Hülfe griechischer Baumeister um 835 wahr- 
scheinlich am Unterlauf des Don gebaut war. Allmählich 
fiel der grössere Theil des jetzigen Südrusslands mit seiner 
bunten Bevölkerung in ihre Hände, und auch die Slawen- 
stämme an ihrer Grenze, die Polänen, Seweränen und Wä- 
titschen, wurden ihnen tributpflichtig. Ein lebhafter und aus- 
gedehnter Handel blühte unter ihrem Schutze ; und selbst die 
Aufmerksamkeit der Griechen zog der Staat des chasarischen 
„Chagan", wie ihr Fürst sich betitelte, auf sich. Eine cha-. 
sarische Chagantochter war die Mutter des byzantinischen 



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_ 10 

Kaisers Leo IV. (gest. 780), der den Beinamen „derChasar" 
erhielt, und Chasaren dienten im 9. Jahrhundert zahlreich in 
der kaiserlichen Garde. Es war den russischen Fürsten vor- 
behalten, die Chasaren allmählich zurückzudrängen, bis im 
Jahre 969 durch die Eroberung und Zerstörung ihrer Haupt- 
stadt Itil ihre Macht endgültig gebrochen wurde, nachdem 
ihre Festung Sarkel vier Jahre vorher von dem russischen 
Fürsten Swätoslaw genommen war. 

Nördlich von den Chasaren, an der Wolga entlang, be- 
sonders auf dem linken Ufer dieses Stromes, wohnten einige 
andere tatarische Stämme. Die bedeutendsten darunter waren 
die Bulgaren an der Wolga und Kama. Dies Volk wird 
von Geschichtsschreibern sehr häufig erwähnt, und wir er- 
fahren, dass sie nicht, wie mancher ihrer Bruderstämme, No- 
maden waren, sondern feste Wohnsitze hatten. Sie beschäftigten 
sich mit Ackerbau und ebenfalls mit Handel, was in der That 
ihre Hauptbeschäftigung war, und ihre Hauptstadt Bulgar, 
in der Gegend des heutigen Kasan, wurde von zahlreichen 
Kaufleuten besucht, die auf der Wolga dorthin gelangten. 
Zwischen dem Slawen-Gebiet und der Wolga, sowie durch den 
ganzen Norden des weiten russischen Reiches hin wohnte eine 
Anzahl finnischer Stämme, von denen einige noch heute exi- 
stiren, obwohl sie jetzt mehr oder weniger mit Russen ver- 
mischt und sicherlich nicht so zahlreich sind als ehemals. 
So erwähnt Nestor ganz im Süden die Mordwinen (Mordva), 
die jetzt zwischen Oka und Wolga sitzen. Nördlich davon, 
in den jetzigen Gouvernements Wjatka und Kasan, finden sich 
noch Nestors Tscheremissen (Öeremisa), Gefhen wir nach 
dem Nordwesten über, so finden wir nördlich von den Slawen 
von Nowgorod, um den finnischen Meerbusen und den Ladoga- 
See herum, verschiedene finnische, den Bewohnern Finnlands 
nahe verwandte Stämme, welche die russischen Chroniken unter 
dem gemeinsamen Namen TscJmden zusammenfassen. Durch 
diese und die lettischen und litauischen Stämme südlich von 
ihnen, westlich von den Kri witschen und Polotschanen, • wurden 
die Slawen vollständig von der Ostsee und ihren Buchten ab- 
gesperrt. 



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_ n 

Die Stämme dagegen, welche nach Nestor den Slawen 
zunächst im Osten wohnten, sind ganz verschwunden, indem 
sie nach und nach von der slawischen Nationalität verschluckt 
wurden. So nennt er einen Stamm, die Muromen {Muroma), 
die nahe bei der Oka, nordwestlich von den Mordwinen, lebten 
und wahrscheinlich diesen nahe verwandt waren. Dieser Stamm 
ist längst ausgestorben. Sein Name indes lebt noch in dem 
Namen einer alten Stadt, Murom an der Oka. Nördlich davon 
wohnten die Merm (Merja) und weiter nordwärts die Wessen 
( Ves'), zwei Stämme, die ohne Zweifel einst gross und bedeutend 
waren. Jordanes in seiner Geschichte der Goten nennt die 
Vasinobroncas (?), Merens, Mordens (?) (d. i. die Wessen, 
die Meren und die Mordwinen) unter den Völkern, die einst von 
dem gotischen Eroberer Ermanarich unterjocht waren. Der 
Name der Wessen begegnet uns ausserdem bei arabischen 
Schriftstellern als Wisu, Nach Nestor bildeten die beiden 
Seen Rostow und Kleschtschino ^) (oder Pereslawl) den Mittel- 
punkt des Gebiets der Meren *), während die Wessen unweit 
des Sees Bjelo-osero gewohnt hätten. 

Es ist nicht nöthig, länger bei der Namenliste anderer 
Stämme zu verweilen; diese wenigen Bemerkungen genügen, 
eine allgemeine Anschauung der ethnographischen Beziehungen 
zu geben, welche im neunten Jahrhundert in den Ländern, 
die man heute Kussland nennt, bestanden. Wir sehen jenes 
weite Gebiet von einer Anzahl Stämme verschiedener Her- 
kunft — Slawen, Finnen, Türken — bevölkert, die durch 
kein gemeinsames Band vereinigt wurden und alle insgemein 
nur wenig civilisirt waren. Erst um die Mitte des neunten 
Jahrhunderts wurde der russische Staat gegründet, der erste 
Kern des mächtigen Eeiches, das hernach alle jene bunten 
Völkerrassen in einen Staatskörper vereinigt hat. 



1) Alter Name für Pleschtschejewo (so Petennann): Stuckenberg, 
Hydographie Russlands V, 333. 

2) Die reichen Resultate einer Reihe archäologischer Nachforschungen 
in diesen Gegenden bei A. Ouvaroff, Etüde sur les peuples primitifs de 
la Russie. Les Meriens. Trad. du Russe par M. F. Malaque. ^^t. Peters- 
boorg 1875. 



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12 

„ Im Jahre 859 ", sagt Nestor *), „kamen die Waräger 
von jenseit der See und forderten Tribut von den Tschuden 
und von den Slawen, den Meren, den Wessen und den Kri- 
witschen; die Chasaren dagegen erhoben Tribut voji den Po- 
länen, den Seweränen und den Wätitschen." • 

Dann fahrt er fort: „Im Jahre 862 trieben sie die 
Waräger über die See und zahlten ihnen keinen Tribut, und 
sie begannen sich selbst zu regieren, und es gab kein Recht 
unter ihnen, und Sippe erhob sich gegen Sippe, und es 
gab inneren Kampf zwischen ihnen, und sie begannen Krieg 
zu fuhren gegen einander. Und sie sagten zu einander: Lasst 
uns nach einem Pursten suchen, der uns beherrschen kann 
und urtheilen, was Recht ist. Und sie gingen über die See 
zu den Warägern, zu den Bussen (Bus'), denn so hiessen diese 
Waräger: sie hiessen Bussen, wie andere Swien (Schweden) 
heissen, andere Nurmanen (Nordmannen, Norweger), andere 
Anglänen (Engländer, oder Angeln von Schleswig?), andere 
Goten (wahrscheinlich die Bewohner der Insel Gottland). Die 
Tschuden, die Slawen, die Kriwitschen und die Wessen sagten 
zu den Russen: Unser Land ist gross und reich, aber es ist 
keine Ordnung drin; kommt ihr und herrscht und gebietet 
über uns. Und drei Brüder wurden erwählt mit ihrer Sippe, 
und die nahmen alle Russen mit sich, und sie kamen. 
Und der Aelteste, Rurik, liess sich nieder in Nowgorod*), 
und der zweite, Sineus, am Bjelo-osero, und der dritte, Tru- 
wor, in Isborsk. Und das Russenland, die Nowgoroder, wurde 
nach diesen Warägern genannt; dies sind die Nowgoroder von 
warägischem Blute, früher waren die Nowgoroder Slawen. 



1) Clironica Nestoris edidit Fr. Miklosich {Viudübonae 1860) 
p. 9 — 10. Letopis' po Lavrontijovskomu spisku , izd«inije arcbeogra- 
ficeskoj kommissii (Chronik nach der Laurentias- Handschrift, von der 
archäographischcn Commission herausgegeben), Sanktpeterburg' 1872, 
S. 18 f. 

2) Nach einigen Handschriften (z. B. codd. Hypaticus und Radzivi- 
lianus) liess sich Rurik zuerst in Ladoga (am Wolchow, unweit der 
Mündung dieses Flusses in den Ladoga-See) nieder und zog erst nach 
dem Tode seiner Brüder nach Nowgorod. Siehe Letopis' po Ipatijevs- 



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13 

Allein nach Verlauf von zwei Jahren starb Sineus und sein 
Bnider Truwor, und Kurik übernahm die Herrachaft und ver- 
theilte die Städte unter seine Mannen, einem Polozk, einem 
anderen Kostow, einem dritten Bjelo-osero." 

Das ist Nestors kindlich einfache Schilderung von der 
Gründung des russischen Staates. Liest man sie ohne Vorur- 
theil oder Deutelei, so wird man nicht zweifeln können, dass 
das Wort Waräger hier als eine gemeinsame Bezeichnung 
der Bewohner von Skandinawien gebraucht wird, und dass 
Russen der Name eines einzelnen skandinawischen Stammes 
sein soll: dieser Stamm sei unter Buriks und seiner Brü- 
der Führung über die See gekommen und habe einen 
Staat gegründet, dessen Hauptstadt zeitweilig Nowgorod 
war; und dieser Staat wäre der Kern des jetzigen russischen 
Reiches. 

Weiter erzählt uns Nestor, dass in demselben Jahre zwei 
von Ruriks Mannen, „die nicht von seinem Geschlechte 
waren", Askold-und Dir, sich von ihm trennten, um nach Con- 
stantinopel zu gehen. Sie gingen den Dnjepr abwärts; aber 
als sie in Kijew, der Hauptstadt der Polänen, ankamen, die 
damals den Chasaren zinspflichtig waren, zogen sie vor da zu 
bleiben und gründeten in jener Stadt ein unabhängiges Pürsten- 
thum. Zwanzig Jahre später (882) wurde dies Pürstenthum 
durch Ruriks Nachfolger Oleg erobert: durch eine Kriegslist 
bemächtigte er sich der Stadt und todtete Askold und Dir; 
uild seitdem blieb Kijew, „ die Mutter aller russischen Städte ", 
wie sie hiess, die Hauptstadt des russischen Staates und der 
Mittelpunkt des russischen Namens. 

Einige minder wichtige Einzelheiten in- Nestors Bericht 
m^en zweifelhaft sein oder einer kritischen Sichtung be- 
dürfen; in der dritten Vorlesung will ich auf diese Frage 



komu spisku, izdanije archeograficeskoj kommissii (Chronik nach der Hy- 
'patius-Handschrift, von der archäographischen Commrssion herausgegeben), 
Sanktpeterburg' 1871. Bielowski, Monumenta Poloniae historica (Lem- 
berg 1864) I, 564. A. L. Schlözer, Nestor, Russische Annalen (Göt- 
tingen 1802) I, 188 if. 



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14 

zurückkommen. Aber dieser Umstand ändert nichts an der 
Hauptsache, der ausdrücklichen Angabe, dass der Stamm, 
welcher den russischen Staat gründete und ihm seinen^ Namen 
gab, skandinawischer Herkunft war. 

Allerdings ist es in yielen Fällen eine schwere Aufgabe 
für den Kritiker, den ursprünglichen Wortlaut des sogenann- 
ten Nestorschen Textes herzustellen, well die russischen Chro- 
niken in eigenthümlicher Weise auf uns gekommen sind: 
jeder Abschreiber hat nach Belieben im Texte Aenderungen 
und Zusätze gemacht ; und die ältesten Handschriften, die wir 
besitzen, stammen aus dem vierzehnten Jahrhundert. Allein 
die Angabe der Chroniken über die Entstehung des russischen 
Staates ist einer von den feststehenden Punkten darin. Sie 
ist nicht blos allen Abschriften gemeinsam, sondern sie zieht 
sich wie ein rother Faden durch die ganze alte russische Ge- 
schichte und muss deshalb aus dem Original der Chronik 
stammen, wie sie spätestens im Anfang des zwölften Jahrhun- 
derts verfasst ist. Die Annahme, dass im Laufe von höchstens 
zweihundert Jahren die üeberlieferung bis zu solchem Grade 
hätte geßllseht werden können, dass die ältesten Chronisten 
vollständig im Irrthum waren, ist widersinnig. 

Seit der Zeit, wo die historisdie Kritik sich zuerst mit 
Nestors Bericht abgegeben hat, d. h. seit dem Beginn des 
vorigen Jahrhunderts, hat die weit überwiegende Mehi*zahl der 
Forscher im grossen und ganzen die Richtigkeit desselben an- 
erkannt, zumal eine Menge von Argumenten sich nach und 
nach aus anderen Quellen ergab, die in der zwingendsten Weise 
die Üeberlieferung der russischen Chroniken stützten. Ich erwähne 
aus jener langen Reihe nur beispielsweis Namen wie Gottl. Siegfr. 
Bayer, Gerh. Priedr. Müller, Thunmann, Schlözer, Jos. Müller, Zeuss, 
Krug, Karamsin, Solowjew, Schafarik, Miklosich, Smith *), fenier 



1) Die wichtigeren Schriften sind: Bayer, De Varagis, in Oommen- 
tarii Acad. Petr. IV; D e r s. , Origines Ruissicae, ebenda VIII. — G. P. M ü 1 1 e r ,* 
Origines gentis et noniinis Rnssorum, 1 749. — Thunmann, Untersuchungen 
über die Geschichte der östlichen europäischen Völker. Leipzig 1774. — 
V. S chlözer, Nestor. Bussische Annalen in ihrer sla wonischen Grundsprache, 



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16 

Pogodin^ der die Abstaaannmng der alten Bussen vod den Skandi- 
nawen in rerscbiedeneii rnsstsoh geschriebenen findiern ') warm 
yertbeidigt, und vor alleii B. Eunilt, der in seinem epoche- 
machenden Werke: „Die Berufung der schwedischen Bodsen 
durch die Finnen und Slawen", i Bde., Petersburg 1844—45, 
sowie nachher in äusserst zahbreicheu kleineren Abhandlungen ') 
höchst wichtige Beitrage zu einer allseitigmi Belenchtung aller 
Einzelheiten der Frage geliefert hat Qs ist sdbstTerständlich, 
dass auch in dieser „normannischen Schule", wie sie in Buss- 
land heisst, gewisse Yerschiedenheiten der Auffassung hervor- 
traten; darunter ist gewiss die eigenthümlichste die besonders 
von den norwegisehen Historikern Eeyser und Munch ') ver- 



verglichen, übersetzt und erklärt. 5 Theile. Göttingen 1802 — 1809. — 
Jos. Müller, Altmssische Geschichte nach Nestor. Berlin 1812. — 
ZeuBB, Die Deutschen und die Nachbarstämme. München 1837. — 
Krng, Forschungen in der älteren Geschichte Bnsslands. 2 Bde. Beters- 
harg 1842. — Karamsin, Geschichte des mssisehen Beiohes, 1816. In 
deutscher üebersetzung Riga 1820—27 und Dresden u. Leipzig 1828—31. — 
Solowjew, Geschichte Busslands von den ältesten Zeiten an. 24 Bde. 
1851 — 1873. — Schafarik, Slawische Alterthümer, tibersetzt von 
Mosig V. Aehrenfeld. 2 Bde. Leipzig 1843 f. — Miklosich, Ausgabe 
der Chponica Newtons. Vindobonae 1860. — C. W. Smith, Nestors 
rvssiike KrWke, ov«rsat og lorklaret. Ejöbenhavn 1869. 

1) Z. B. proischoidenii Bnai (üeber die Herkunft dßt Bussen), 
Moskau 1825. Sammlung seiner Abhandlungen und Vorlesungen: Igsle- 
dovanija, zamedanija i lekcii o drevnej russkoj istorii (Untersuchungen, 
Bemerkungen und Vorlesungen über die alte russische Geschichte). 7 Bde, 
Moskau 1846—5$, von denen Bd. I (Nestor), Bd. II (die Waräger) und 
Bd. Ili (die nonmoiische Periode) hierher gehören. 

s) Z. B. bei Krug a. a. 0. , im Moskvitänin' [Index im „ Zeitgenossen " 
(SovremennikO XXI], in den M6langes Busses, in den Gelehrten Mitthei- 
limgen der ersten und dritten AbtheilUDg (im „Bulletin" und in den 
msräsclien „Zapiski") d^ St. Petersburger Akttilemie; zuletzt in Dorns 
Gaspia (Mtooires de racad6mie, VII« «^e, T. XXIII. 1877) bunt zer- 
streut. 

>) Eeyser, Om Nordmsmdenes Heri^omst og Folkeslsegtskab, in Sam- 
lisger til det norske Folks Sprog og Historie VT, Christiania 1839, und 
wied^ in sdnen Samlede Afhandllnger (Christiania 1868), p. 177 ff. 
Munch, Om Nordboemes Forbindelser med Bussland o^ tSgraendsende 
Lande (1849),' in seinen Samlede Afhandllnger U, Christiania 1874. D ers.. 



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16 

fochtene, aber völlig unhaltbare Theorie, nach welcher die 
Bussen nicht ein aus Schweden ausgewanderter, sondern ein 
von Alters her in Bussland angesessener nordischer Stamm 
waren. 

Bis in die neueste Zeit hatten sich nur wenige Stimmen 
gegen jene Auffassung erhoben. So gefiel es Ewers, einem 
deutschen Gelehrten ^) , die Waräger , welche den rassischen 
Staat gründeten, zu Chasaren zu machen, während einige 
slawische Gelehrte, z. B. schon im vorigen Jahrhundert der 
bekannte russische Schriftsteller Lomonossow % sie als Slawen 
aus Preussen oder Holstein ansahen. Aber alle ihre Grunde 
wurden leicht zurückgewiesen und fanden nur wenig Glauben. 
Die Abstammung der alten Bussen von den Skandinawen 
schien zur Befriedigung aller nüchternen, russischen und frem- 
den, Forscher unwiderlegbar festgestellt. Indes in Büssland 
selber wollte eine Partei diese Ansicht noch immer nicht an- 
nehmen — sie hätte ja damit den fremdländischen Ursprung 
des russischen Namens anerkannt — , und im Jahre 1859 
brach gegen die normannische oder skandinawische Schule ein 
Sturm los. Seitdem ist in Bussland eine ganze Sündfluth von 
Büchern und Flugblättern erschienen, alle mit dem Zweck, 
das Ansehen des ehrwürdigen Nestor zu untergraben und die 
skandinawische Schule niederzuwerfen ^). Das ist wirklich der 
einzige Punkt, in dem die verschiedenen Verfasser überein- 
stimmen; im übrigen weichen ihre Ansichten wesentlich von 
einander ab. Während z. B. M. J. Kostomarow in seinem 
Werke „ üeber den Ursprung der Bussen " *) zu beweisen 
sucht, dass die Waräger von 862 Litauer waren, und andere 



Det norske Folks Historie I, Christiania 1852. (Uebersetzt von Olaossen 
u. d. T.: Die nordisch-germanischen Völker, Lübeck 1853. Das heroische 
Zeitalter der nordisch - germanischen Völker und die V^ikingerzüge, 
Lübeck 1854.) 

1) Vom Ursprünge des russischen Staates, Riga und Leipzig 1808. 

2) Altrussische Geschichte (bis 1054). Uebersetzt Riga und Leipzig 1768. 
S) Literatur der „ Warangomachia " bei Kunik in Dorns Caspia, 

S. 279—284. 409-418. 

4) naöale Rusi, im „Zeitgenossen'* (Süvremennik') 1860. 



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17 

me für Goten halten — eine Ansicht, vor der nicht genug 
gewarnt werden kann, da sie heillose Verwirrung stiftet — , 
befürwortet die Mehrzahl slawische Abstammung der (alten) 
Russen und nimmt in geradem Widerspruch gegen das ein- 
müthige Zeugnis aller Nachrichten an, dass sie immer in Süd- 
russland gelebt hätten. 

Es würde nur langweilen, länger bei den Einzelheiten 
dieser Literatur zu verweilen. Wirklich nur ein verschwin- 
dender Theil derselben hat wissenschaftlichen Werth. Ich 
nenne nur einen Schriftsteller aus dieser Schule, dessen Werk 
mindestens den Eindruck ernsten Nachdenkens und grosser 
Kenntnis macht, S. Gedeonow ^). Bei weitem die meisten 
von diesen Schriftstücken haben keinen Anspruch darauf, 
wissenschaftlich genannt zu werden: alle wirklich wissen- 
schaftliche Methode geht in den vagsten und willkürlichsten 
Phantasieen unter, die oflFenbar mehr durch urtheilslosen 
nationalen Fanatismus als durch das ernste Bestreben, die 
Wahrheit zu finden, eingegeben sind. Jeder unparteiische 
Leser muss den Eindruck empfangen, dass sie nur darauf aus- 
gehen , um jeden Preis die unliebsame Thatsache aus dem 
Wege zu räumen, dass der Ursprung des russischen Staates 
einer fremden Fürstenrasse zu verdanken sei, — als ob solch 
ein Umstand für eine grosse Nation irgendwie entehrend sein 
könnte. 

Die neuen Theorieen, die ich hier berührt habe, haben 
selbst in Russland Widerspruch gefunden. Die alten Kämpen, 
Pogodin und besonders Kunik, sind wiederholt in die Schran- 
ken getreten, ihre geliebte Sache zu führen, und haben in 
einem Werk nach dem anderen die vagen Phantasieen ihrer 
Gegner bekämpft; andere nicht minder massvolle Gelehrte 



1) Varjagi i Ena', istorißeskoje izsledovanije (Waräger und Bussen, 
eine historische Untersuchung) (Sanktpeterburg' 1876), 2 Bde. Theilweise 
schon früher gedruckt u. d. T.: Otiyvki iz' izsledovanij o vaijazkom' 
voprose (Bruchstücke aus Untersuchungen über die Warägerfrage), als 
Beilage zu den Zapiski imperat. akademii nauk' (Abhandlungen der Aka- 
demie der Wissenschaften) (Sanktpeterburg' 1862) I— II. 

Thomaen, ürRpr. d. russ. Staates. 2 



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18 _ 

sind ohne Zagen ihrem Beispiele gefolgt. Es ist anzuerkennen^ 
dass der Eriticismos der Anti-Nonnannisten anf einige Ein^ 
zelheiten der Fmge neues Licht geworfen bat. Aber die 
HauptfVage isrt dabei ganz unberührt geblieben, und der Haupt- 
sache nach ist die Theorie vom sksndinawischen Ursprung der 
Russen noch um kein Haar breit wanken gemacht. 

Es darf indes nicht Wunder nehmen, dass Leute, welche 
die Frage nicht selber gründlich und unparteiisch zu beur- 
theilen im Stande sind, einen anderen Eindruck von dem 
Skeite empfangen haben. So ist der Anti- Normannismus 
beinahe Glaubensartikel bei russischen Patrioten geworden 
und hat gar, als wäre er eine unbestreitbare Thatsaehe, in 
gewisse Schulbücher der russischen Geschichte seinen Weg ge^ 
fanden. Andererseits haben die vielen verschiedenen Ansicht 
ten, die vorgebracht sind, für die Augen mancher Leute die 
Frage so dunkd und verwickelt gemacht, dass sie an der 
Möglichkeit verzweifeln, sie könne je au%eklärt werden. Unter 
solchen Umständen ist es gewiss Zeit, dass die Frage nach 
dem Ursprung der Bussen einer neuen Untersuchung nach den 
Grundsätzen modemer Wissenschaft unterworfen wird und dass be- 
sonders die skandinawische Philologie Beiträge zu ihrer Lösung 
liefert. Diese Aufgabe habe ich mir in diesen Vorlesungen 
gestellt. Ich hoffe im Stande zu sein, dieses Thema ohne 
Parteilichkeit und nationales Vorurtheil zu behandeln und zu 
allseitiger Befriedigung zu zeigen, dass der Stamm, welcher 
im neunte Jahrhundert den russischen Staat gründete, und 
auf welchen der Name Bussen ursprünglich angewandt ward^ 
wirklich „Normannen''' oder Skandinawen schwedischer Ab- 
kunft waren* 

Dies ist nicht ma die ausdrückliche Ueberlieferung in 
Bussland selber, die in klarster und unbestreitbarster Sprache 
uns in den Chroniken gegeben wird; sondern sie wird gleich- 
falls, unmittelbar oder mittelbar, durch eine Menge von Be- 
weisen aus anderen Quellen, linguistischen, historischen und 
archäologischen, gesichert. 

Insbesondere zwei Literaturen enthalten sehr wichtige 
Angaben über die Bussen und bieten uns deshalb, zusammen 



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19 

mit d€n heiinischen Chroniketi, die wichtigste Belehrung Aber 
unsem Gegenstand: die Literatur des byzantinischen ßeiches 
und die der Araber. 

Von ihrem ersten Erseheinem in Rttssland an imterhielteH 
die Russen einen lebhaften Verkehr mit Griechenland *). Die? 
griechische Form des Namens „Bussen^* ist Bhos CPto?), ym^ 
neben seit der Mitte des zehnten Jahrhunderts vereinzelt die? 
Form Rhusioi (Povmotj Kusii) vorkommt; bis dahiß ist aus- 
sehÜjessHch die Form 'Pcog itt Gebrauch. Zum ersten Mal 
begegnet dieser Name 839 in einer Stelle, auf die ich 
in der zweiten Vorlesung zurückkomme. In der That gibt eö 
keine Andeutmig, die uns zu der Annahme führen könnte, 
äass die Griechen mit dem Volke, das sie Bhos nennen, vor 
dieser Zeit in Berührung gekommen wären; in enger» Be»- 
nehung treten sie gar erst bedeutend später :eino Thotsache, 
welche wenigstens die anwähenide Kichtigkeit der Nestorschen 
Zertbestimisanng bezeugt. 

Die Anti-Normanmsten haben zu beweisen gesucht, das» 
griechische Schriftstücke von dem DaseCn der Rösaeti viel 
früher wössten; und weil sie Nestors chronologische Unglaub- 
würdigkeit bewiesen zu haben meinen, so folgern sie, seine 
ganze Behauptung sei reine Erfindung. Allein von ier ün-^ 
richtigkeit eines solchen Schlusses abgesehen, sind die beige- 
brachten Gründe vollständig unhaltbar. Ich komme damit 
auf die Stelle des griechischen Schriftsteller Theophanes 
Isaakio& (gest. 81 7)^ mit der vielerlei aufgestellt ist. Er be- 
richtet, dass der griechische Kaiser Constantin Kopronymos 773 
einen Krieg gegen die Donau- Bulgaren unternommen hätt^. 
Er sandte zuerst ein grosses Heer auf 2000 Galeeren aus, und 
dann fuhr er selbst ab an Bord einiger anderer Galeeren, die 
Ttt ^ova*a /«iUij'^ia genannt werden *). Diese qovom x^Xapät6o 



1) Vgl. Kambaud, L'Empiie Qrec an dixitoe w^ckf (Pari» 
1870), p. 364 sq. Gibbon, The Hifftory of tlieDecline and FaU of tbc 
Boman Empire, eh. LV, 3. 

2* 



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20 

sind gedeutet „die russischen Galeeren". Allein wir bemerken, 
dass das Wort Qovoiog in der Bedeutung Busse oder russisch 
sich jedenfalls nicht vor der Mitte des zehnten Jahrhunderts 
findet; bis dahin hiess dies Volk stets 'Pw^, davon die 
adjectivische Form ^Wixoc. Sodann wird ausdrücklich gesagt, 
die Russen hätten keine xfXaySm (eine sehr grosse Art Schiflte), 
sondern nur kleine Schiflfe oder Boote ^). Die Sache ist ein- 
fach die: Qovatog ist ein gewöhnliches griechisches Wort, 
welches roth bedeutet. Wir erfahren anderswo, dass zu jener 
Zeit die Schiffe der griechischen Kaiser roth bemalt waren ^), 
und der Ausdruck t« Qovma x.^'ki.vSia hat ganz und gar nichts 
mit den Bussen zu thun, sondern bedeutet einfach „die rothen 
(oder kaiserlichen) Galeeren" im Gegensatz zu den gewöhn- 
lichen Kriegs- (oder Transport-) Galeeren des Heeres *). Folg- 
lich beweist dieses Argument nichts *). Es ist unbestreitbar, 
dass, soweit wir wissen, die Griechen zum ersten Male 838 
oder 839 mit den Russen in Berührung gekommen sind, und 
dies ist zugleich das einzige Mal, dass der Name Russen in 
einer Urkunde vor Ruriks Zeit erwähnt wird ^). 

Aber fast dteissig Jahre vergingen, ehe die Griechen 



Big T« QovGia x^Xävdux dnsxiyriae ngog to iX&BTv sig toy Javoißioy 
notafjioy. Theophanis Chronographia ex recensione Jo. Classeni (Bonnae 
1839) I, 691. 

1) Rusorum etenim naves ob parvitatem sui, ubi aquae miuimnni 
est, transeunt, quod Grecorum cheländia ob profanditatem sui facere ne- 
queunt. Liutprand, Antapodosis V, 15 (Mon. Germ. bist. Script. III, 331). 

8) Eiq Qovaiov dyqdgiov sia^gx^to, CoDstantinns Porphyrogenitus, 
De administrando Imperio c. 51. 

s) Aucb der Eömer Anastasias, der in der zweiten Hälfte des neun- 
ten Jahrhunderts die Chronographie des Theophanes ins Lateinische über- 
setzte (Historia ecclesiastica ex Theophane) und selber sich in Constan- 
tinopel aufhielt, gibt die fragliche Stelle so wieder: et ingressus ipse in 
rubea cheländia motus est ad intrandum Danubium amnem. (Theoph. 
€hronogr. [Bonn 1841] II, 243.) 

*) VgL Kunik in Dorns Caspia, S. 222 ff. Einige andere vermeint- 
liche Beweise ähnlicher Art, aber noch haltloser, sind, wie ipir scheint, 
von Kunik völlig widerlegt, besonders in seiner Abhandlung: zapiske 
l^otskago toparcha in den Zapiski imp. akad. nauk', vol. XXIV 1874. 

6) Vgl. Rambaud, L'Empire Grec au dixi^me si^le, p. 371. 372. 



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21 

mit diesem kühnen und blutdürstigen Kriegerstamme, zu 
ihrem Kummer, nähere Bekanntschaft machten. Die Süssen 
hatten an den Ufern des flmensees und des Dnjepr eben Fuss 
gefasst, da fühlten schon die angrenzenden einheimischen Stämme 
die Macht dieser erobernden Einwanderer; und der Qlanz und 
Eeichthum Gonstantinopels selber, der strahlenden Hauptstadt 
des Orients, der Erbin römischer Macht und Bildung, zog 
sofort ihre lüsternen Augen auf sich und machte zeitweilig 
die Eaiserstadt zum ersehnten Ziel ihrer. Züge. 

Es scheint mir keinem Zweifel unterliegen zu können, 
dass dies Ziel schon von Anfang an Askold und Dir vorschwebte, 
als sie sich (862?) von fiurik trennten und südwärts zogen. 
Aber erst ein paar Jahre später, als sie sich Eijews bemäch- 
t^ und dadurch eine passende Operationsbasis gefunden 
hatten, wurde dieser ihr Plan wirklich ausgeführt. 865 bra- 
chen sie von Kijew auf, zogen den Dnjepr hinab, gingen 
über das Schwarze Meer, verwüsteten höchst grausam die 
Küsten und Inseln des Schwarzen Meeres und der Propontis 
und erschienen plötzlich mit einer Flotte von 200 Segeln vor 
der friedlichen und nichtsahnenden Hauptstadt, die bisher 
höchstens in freundlichem Verkehr mit ihnen gestanden und nur 
gerüchtweis von ihren Baubzügen gegen die Nachbarstämme 
gehört hatte. Die Bestürzung in der Stadt war allgemein. 
Niemand scheint an Vertheidigung gedacht zu haben ; sondern, 
der Kaiser und der Patriarch Photlos voran, nahmen die Ein- 
wohner ihre Zuflucht zu Ceremonieen und Gebeten an die 
Jungfrau Maria. Und wirklich wurde die Stadt wie durch 
ein Wunder gerettet. Ein Sturm brach plötzlich los, der die 
Schiffe der heidnischen Bussen vernichtete, so dass nur wenige 
dem allgemeinen Verderben entrannen. Für uns interessant 
ist der Umstand, dass ausser den Berichten der Chroniken 
über diesen Zug zwei unmittelbare Urkunden darüber er- 
halten sind, die uns einen Einblick in die Verhältnisse gewähren. 
Vor einigen Jahren wurden zwei Predigten des Patriar- 
chen Photios „auf den Angriff der Ehos'* (elg tov efoäoy twv 
^Füg) in Bussland aufgefunden; und ein Bundschreiben von 
ihm an die orientalischen Bischöfe, Ende 866 mit besonderer 



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22 

Itöcksicbt auf dasselbe Ereignis geacbrieben, ist noch vorban- 
den. In diesem Scbreiben erwähnt «r das YoU: der Bboa, 
Fon dem (um mit seinen eigenen Worten zu reden) ,,Qfk 
nele erzäblt baben, ein Volk, welcbes alle anderen an Wild- 
heit und Blutdurst übertrifft. Nach Unterwerfung der Völker 
ringsum treibt sie jetzt ihr Stolz dazu« ihre Hände gar g«gen 
das römiaehe Beieh zu <erfaeben.*' ^ Er setzt hinzu: ,, Dieselben 
Leute haben jetzt ihr heidnisches und ungdttliches Wesen 
gelassen, haben sich zum Christentbum bekehrt und einen 
Bischof empfangen^'; jedoch ist es ziemlich zweifelhaft, ob 
diese Bekehrung irgend von Bedeutung und Bmffr gewesen ist '). 

Der nächste Zi^ der Bussen wurde 907 von Oleg an der 
Spitze einea^ Flotte von 2000 Segeln unternommen und mit 
besserem Erfolg gekrönt. Auch diesmal verwfi^eten sie die 
Küsten und Vorstädte Constanünopels grauMun; da aber die 
Griechen den Zugang zur Stadt von der Seeseite versperrt 
hatten, so konnten die Bossen nicht hinein, bis Oleg nach 
dem Berichte Nestors, unserer einzigen Quelle für diesen Feld- 
zug, seine Schiffe aufe Land zog und mit Bädern versah. Der 
Wind blies in die Segel, und so segdten sie auf trockenen 
Lande auf die Stadt zu. Dieses seltsame Schauspiel erschreckte 
die Griechen: sie sandten zu Oleg und boten ihm soviel Tri- 
but an, wie er haben wolle. Da wurden sie zur Bezahlung 
einer gewaltigen Suouue und zu einem für die Bussen sehr 
vortheilhaften Frieden gezwungen. Vier Jahre später wurden 
die Friedensbedingungen in einem Vertrage genauer festge- 
stellt, dessen Wortlaut uns von Nestor überliefert wird. 

Olegs Nachfolger war Igor, der seinerseits zwei Züge 
gegen die Oriechen unternahm, von denen mehrere Quellen 
berichten. Der erste fiud 941 statt und galt besonders den 
asiatischen Küstenstrecken des Schwarzen Meeres. Aber er 



1) T6 ncc^ noXXoii noXkdxig ^QvXXovf4e^ov (e&voc) xtä eis t^fiO" 
z^ra xaX fAutitpoviav mlyrag divregovs TaiTÖfieyoy, xovxo dtj ra xaXov" 
fXBvov t6 'PdSSi ot dtj xal xaza tP/S 'P(o/n۟x^g d^^f^Si Tovg n6g^^ avtwv 
dovXtaadfjLtyoiy xdxtl^Bv vniqoyxa (pQovtifAiaiO&e'yTis , /**?«? dvtfjQav, 
Photii S^stolite ed. Richard Montacutios (Londini 1651), p. 58. 

2) Ygi. Bambaud, L'Empire Grec au dinöme siäde, p. 382 sq. 



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23 

«ndete sehr unglücklich. Die kaiserliche Flotte überfiel Igor, 
(üad namentlich richtete das hlrühmte griechische Feuer 
förchterliohe Verheerung unter seinen Schiffen an und jagte 
«einen Leuten panischen Schrecken ein, so dass nur ein kleiner 
Theil von ihnen heimkehrte, um den Landsleuten den Au&gang 
4es Zuges zu erzählen. 

Bachedurstig sammelte Igor ein gewaltiges Heer von 
üttterthanen und Soldtruppen und erschien 944 wieder mit 
einer zahlreichen Flotte an den griechischen Küsten; diesmal 
gewsmn er einen leichten Sieg. Sobald die Griechen von der 
Annähenuog der russischen Armee Kunde hatten, demüthigten 
sie sidi wieder und erkauften mit einer ungeheuren Sunmie 
einen Frieden, der durdi einen neuen Vermag bestätigt 
wurde. 

Während der folgenden hundert Jahre wurden von den 
Exussen noch einige Züge gegen das griechische Beich, doch 
mit wenig ^folg, unternommen; nach 1043 hörten diese An- 
griffe d^ Bässen ganz auf. 

Indes nicht Mos als Seeräuber und Krieger kamen die 
Rossen mit den Griechen in Berührung. Was sie weit mehr als 
die unsichere Aussicht auf Beute und Tribut nach Constantinopel 
zog, war der Handel ^). Zu Anfang jedes Sommers kamen regel- 
nä8^ grosse Flotten russischer Kaufleute in der griechischen 
Hauptstadt an. Als Waaren brachten sie hauptsächlich aller- 
lei Felle mit, die sie von den unterworfenen Stämmen erhal- 
ten hatten, auch Sklaven, Honig u. s. w.; dafür versah Grie- 
•chenland sie mit Luxusartikeln, Gold- und Silberschmucksachen,, 
Seide und anderen kostbaren Stoffen, insbesondere einem, der 
dawisch p€UDolok\ altnordisch pell heisst, wahrscheinlich eine 
Art Brokat; sie führten auch die Weine und Früchte des 
Südens aus u. a. m. Von der Ausdehnung und Wichtigkeit 
dieses Handels haben wir in verschiedenen Quellen eine Menge 
Zeugnisse; ich werde unten die Analyse eines sehr interessanten 
Abschnitts darüber von einem erlauchten griechischen Schrift- 
steller, Kaiser Constantin Porphyrogennetos selbst, geben. Die 



1) Vgl. Rambaud, L'Empire Grec, p. 386—387. 



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24 

beiden erwähnten Verträge zwischen den Bussen und den 
Griechen legen eben£Eills füf die grosse Bedeutung des russi- 
schen Handels Zeugnis ab, sofern ihr Hauptzweck der ist, 
die Handelsprivilegien der Russen festzusetzen; es wäre sogar 
möglich, dass die späteren Züge der Russen gegen Griechen- 
land hauptsächlich die Sicherung dieser Privilegien bezweckten ^)* 

Nimmt man hinzu, dass die Russen vom Anfang des 
zehnten Jahrhunderts an oft in der griechischen Armee und 
Flotte dienten *) , so wird man erkennen , dass die Griechen 
viel Gelegenheit hatten, mit diesem Volke bekannt zu werden. 
Kein Wunder also, dass wir die Rhos ausnehmend oft bei 
byzantinischen Schrifstellern erwähnt finden, und dass wir dem 
Verkehre der Russen mit den Griechen einige der durch- 
schlagendsten Beweise für ihre skandinawische Nationalität 
verdanken, auf die ich in der zweiten Vorlesung kommen 
werde. 

Neben den Griechen steht eine andere Gruppe von Schrift- 
stellern, die uns hinsichtlich der alten Russen viel Aufklärung 
bieten. Ich meine die arabischen oder vielmehr die muham- 
medanischen Autoren; der Name, unter dem sie die Russen 
erwähnen, ist Bus (u**}^) ^). 

Das Bild dieses Stammes bei den orientalischen Schrift- 
stellern entspricht genau demjenigen, das uns die griechischen 
Autoren gaben. Wir sehen sie da als ein äusserst thätiges^ 
rastloses und tollkühnes Volk, welches, allen Gefahren und 
Beschwerden trotzend, vorwärts drang bis weit in unbekannte 
Gegenden des Ostens. Bald treten sie auf als friedliche Kauf- 
leute, bald als blutdürstige Krieger, die wie ein Blitz über 
die nichtsahnenden Bewohner herfallen, sie plündern und mor- 



1) Vgl. Kam band, L'Empire Grec, p. 374 sq. 

8) Kunik in Dorns Caspia, S. 36. Kam band, L'Emj)ire Giec, 
p. 387—390. 

8) Die Angaben über die Bussen und die Slawen, die sich bei mu- 
hammedanischen Autoren finden, sind gesammelt und ins Eussiscbe über- 
setzt von A. Harkawy in seinem Buch: Skazanija musul'manskicb* pisa- 
telej Slavjanach' i Russkich'. SobraF, perevjor i objasnil' A. J. Harkavy. 
St. Petb. 1870. 



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25 

den oder in die Oefangenschaft fuhren. Ungleich den anderem 
kriegerischen Stämmen, die in jenen Zeiten der Schrecken 
ihrer Nachbarn waren, rückten sie nie zu Lande, sondern stets^ 
zur See heran, und Schiffe waren ihre einzigen Transport- 
mittel. Von dem Gebiet um die Wolgaquellen kamen sie 
stromabwärts und handelten mit den Bulgaren; auf dem Dnjepr 
erreichten sie das Schwarze Meer, welches von etwa 900 bi& 
1223 gar den Namen russisches Meer trug, „weil", wie der 
Araber Massudi (um 940) sagt, „niemand ausser den Bussen 
darauf fahrt". Allein Halt machten sie da noch nicht. Auf 
der Wolga, welche sie manchmal von dem Schwarzen und 
dem Asowschen Meer aus erreichten, indem sie den Don 
Mnaufsegelten und von da zu jenem Strome hinübergingen, 
brachen sie sich Bahn zum Easpischen Meer. Sie suchten 
diese Gegenden zuerst um 880 heim. Während der nächsten 
hundert Jahre unternahmep die Bussen, oft in grossen Schwär- 
meu, mehrere Züge hierher; so lesen wir bei Massudi, dass 
sie im Jahre 913 mit einer Flotte von 500 Schiffen, zu je 
100 Mann, im Easpischen Meere erschienen. 

Es verdient angemerkt zu werden, wie früh die Züge der 
Küssen in diese Länder begannen, und wie schnell ihr Name 
auch im Osten bekannt und gefurchtet wurde. Unbegreiflich 
ist das aber gar nicht, wenn wir uns erinnern, dass schon 
865 die Bussen es unternommen hatten, Constantinopel anzu- 
greifen. Es verstreichen ja doch beinah zwanzig Jahre seit dem 
Jahre der Gründung des russischen Staates, das Nestor angibt,, 
bis die Völker des Morgenlandes mit diesem Volk Bekannt« 
Schaft machten. 

Anderei-seits dürfen wir nicht übersehen, dass vor dieser 
Zeit die Bussen von orientalischen Schriftstellern nicht er- 
wähnt werden. Allerdings gab es unter den Arabern vor 
dieser Zeit sehr wenige historische und geographische Autoren ; 
nichtsdestoweniger erwähnen mindestens fünf oder sechs Schrift- 
steller die Slawen ^). Und sollten damit vielleicht zunächst 



1) Der gebräuchliche arabische Name der Slawen ist SMab, Plural 
Säkdlibah, eine offenbar von dem griechischen IxXaßoi abgeleitete Form.. 



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26 

rmr die Südslawen gemeint sein, so ist doch jedenfalls auf- 
fällig, dass wir nirgends eine Silbe über die Bussen finden^ 
die doch, wenn die Anti-Normannisten Beeilt haben, schon da- 
mals weit über die Orens^ Busslands hinaus bekannt ge-^ 
wesen sein müssen« Die ältesten muhammedaniscben Schrift- 
steller, bei denen sie erwähnt werden, schriebe um das 
Jahr 900 ^). 

Manche dieser Autoren haben uns h(ychst aniiehende 
Schilderungen der Sitten und Gewohnheit^ im alten Bussh 
bmd hinterlassen. Einer der ältesten untet diesen Schrift- 
stellern ist Ibn Dustah (um 912 n. €hr.) ^). Er erzählt: „IMe 
Bussen wohnen auf einer sumpfigen, von einem See umgebe- 
nen Insel, drei Tagereisen (etwa 15 deutsche Meilen) im 
üm&ng, mit Mortotea und Wildem bedeckt; sie ist äusserst 
ungesund und so sumpfig, dass die Erde schwankt, wenn man den 
Fuss auf den Boden setzt. Sie haben einen Fürsten, der ChaJcan- 
Mus heissi Sie greifen die Slawen an, kommen zu ihnen zu SchifE, 
gehen ins Land, nehmen sie gefangen und bringen sie zu den 
€hasaren und Bulgaren und verkaufen si« da. Sie haben keine 
Kornfelder, sondern leben von dem, was sie den Slawen rauben. 



1) Die Anti-Normunkten meinten eine weit Mhere Besiehua^ 
auf die Kassen gefunden zu haben. In der persischen Uebersetzong des 
Geschichtswerks von dem Araber Tabary wird unter dem Jahre 643 von 
einem Volke mit Namen Bus erzählt, „den Feinden aller Welt, besonders 
■der Araber", wie da zu lesen. Diese Stelle ist als Beweis vorgebracht, 
dass die Bussen lange vor der von Nestor angegebenen Zeit ii^endwo im 
Norden des Schwarzen oder des Easpischen Meeres gewohnt hätten. In- 
des die fragliche Stelle beweist nichts; denn es ist nachgewiesen, 
dass diese Angabe über die Bus im arabischen Original nicht steht. 
Sie wurde später von dem persischen Uebersetzer eingeschoben, der um 963 
schrieb, und zu dessen Zeit die Nationen des Orients reichliche Gelegen- 
heit gehabt hatten, mit den Bussen Bekanntschaft; zu machen. Siehe 
Dorn, Oaspia S. 28 ff. undKanik, ebenda & 283 ff. 

2) Herausgegeben von Ohwolson unter dem Titel : Izvestija o Oho- 
zarach', Burtasach', Bolgarach', Mad'jarach', Slavjanach' i Russach' Ibn- 
Dasta. Sanktpeterburg' 1869. Vgl.Harkawy a. 0. S. 260 ff. und Cata- 
logus codicum manuscr. orientalium qui in museo Britannico asservantur 
(London 1871, fol.), part II, p. 604—607. 



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27 

Wird einem von ihnen ein Sohn geboren, so nimmt der 
Vater ein entblösstes Schwert, legt ee vor dem Nenge* 
bomen und «agt: „Ich hinterlasse Dir kein Eigenthnm; nur 
was Du mit Deinem Schwerte gewinnst, ist Dein/^ Sie haben 
weder festes Eigenthnm, noch Stfidte, noch Felder; ihre einz^e 
Beechäftigung irt Handel mit allen Arten von Fellen; den 
£rlös steckeil sie in ihre Gürtel. Die Männer tragen goldene 
Aunbättd^. Ihre Sklaven behandeln sie gut. Städte haben 
sie in grosser ZsiA (!), und sie wohnen geräumig. Ihren Gästen 
erweisen sie Achtung; hülfesucbende Fremde, sowie alle, die 
mit ihnen häufiger in Berührung kommen, schützen sie vor 
Beleid^Bg und Bedrückung durch ihre Landsleute. Beleidigt 
oder bedrückt einer unter ihnen einen Fremde, so helfen sie 
dem letzteren und schützen ihn. Wenn einer von ihren 
Stämmen Hülfe bedarf, so ziehen alle ins Feld; sie trennen 
ttch nicht, sondern streiten einmtthig gegen den Feind, bis 
sie^ihn besiegen. Hat einer mit einem andern Händel, so 
rechten sie vor dem König; und wenn der Kön^ sein Urtheil 
ge&llt hat, so wird, was er befiehlt, vollzogen. Ist aber keine 
von beiden Parteien mit der Entscheidung zufrieden, so be* 
fiehlt er ihnen, mit ihren Schwertern die Sache auszufechten: 
der , dessen Schwert am schärfsten ist, behält Becht. Zu 
diesem Kampfe finden sieh die Verwandten beider ein und 
wohnen ihm bei. Die Widersacher schreiten zum Kampf; 
und wer seinen Gegner besiegt, gewinnt den Process. Sie 
haben Weissager, von denen manche über die Fürsten gebie« 
ten, als seien sie die Obersten der Russen. Bisweilen fordern 
ae von jene» beliebige IMnge, wie Weiber, Männer, Pferde, 
fsim C^fer für ihren Schöpfer, und einem solchen Befehl der 
Weissager muss man unbedingt nachkommen. Der Weissager 
nimmt den Menschen oder das Thier, legt ihm eine Schlinge 
um den Hals, hängt das Opfer an einem Baume auf, wartet 
bis es ausathmet, und sagt dann, dies sei ein Opfer zu Gott. — 
Sie sind muthig und tapfer. Wenn sie ein anderes Volk 
angreifen, so lassen sie nicht eher los, als bis sie es ganz ver- 
nichtet haben ; sie berauben die Besiegten und machen sie zu 
Sklaven. Sie sind gross, sehen gut aus und zeigen grosse 



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28 

Kühnheit in ihren Angriffen ; jedoch bewähren sie ihre Kuhn» 
heit nicht zu Pferde, sondern unternehmen alle ihre Züge 
und Angriffe zu Schiff. — Sie tragen weite Hosen. Zu jedem 
Paar gebrauchen sie hundert Ellen Zeug. Haben sie diese 
Hosen angezogen, so sammeln sie am Knie die Falten und 
binden sie dort fest. — Sie tragen stets ihre Schwerter bei 
sich, weil sie einander nur wenig trauen, und weil Hinterlist 
unter ihnen ganz gewöhnlich ist; hat einer Eigenthum er» 
werben, so beneidet ihn, wie klein auch der Werth sein mag, 
sein eigner Bruder oder Kamerad sofort und lauert auf Ge- 
legenheit, ihn zu tödten und zu berauben. — Stirbt ein her- 
vorragender Mann, so machen sie ihm ein Orab in Gestalt 
eines grossen Hauses, legen ihn hinein, und zusammen mit 
ihm legen sie in dasselbe Grab seine Kleider sowie die 
goldenen Armbänder, die er getragen, ferner einen Vorrath 
Lebensmittel und Gefässe mit Getränken und Geld. Endlich 
legen sie das Lieblingsweib des Verstorbenen lebendig in idas 
Grab, schliessen den Zugang, und die Frau stirbt so darin." 

Vorläufig möchte ich einzig auf den Gegensatz aufmerk- 
sam machen, der in Ihn Dustah's Bericht zwischen den Bussen 
selber und den Slawen, mit denen sie Krieg führen, hervor- 
tritt. Ferner sei bemerkt, dass Ihn Dustah's Schilderung der 
Küssen in Wirklichkeit nicht ganz ihrer damaligen Lebens- 
weise entspricht: denn damals wohnten sie in Kijew und nicht 
auf einer ungesunden Insel ; und damals war ihr Staat politisch 
vollkommen organisirt, sie waren nicht mehr Käuber, wie er 
sie geschildert hat. 

Mir scheint es, wir haben hier einen Bericht zweiter, 
vielleicht gar dritter Hand, dessen Quelle ^) aus der Zeit vor 
der endlichen Niederlassung der Bussen in Kijew datirt; zu 
dieser Zeit mögen die Wohnsitze und die Lebensweise der 
Bussen so gewesen sein, wie er sie beschreibt. Wenn der 



^) Oder Quellen; denn, dass Ibn Dostah mindestens zwei Quellen 
gehabt hat, liegt auf der Hand: vgl. z. B. die Bemerkung, dass die 
Russen weder Grundbesitz „ noch Städte " noch Felder haben, und gleich 
darauf die andere, dass sie „ Städte in grosser Anzahl haben ". 



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29 

Verfasser sagt, ihre Fürsten Messen Ckakan-Rüs, so finde ich 
darin eine Andeutung, dass er seinen Bericht mittelbar oder 
unmittelbar von den Ghasaren bekommen hat; denn Chakan 
ist ein türkischer oder tatarischer Titel, der eben von 
den Ghasaren selber für ihre eigenen Fürsten gebraucht 
wurde ^). 

Ein anderer arabischer Autor, der uns einen sehr merk- 
würdigen, aber in einigen Punkten sicherlich übertriebenen 
und unkritischen Bericht über die Bussen gibt, ist Ihn Fadhlan. 
S21 und 922 wurde er vom Kalif Muktadir als Gesandter zu 
den Wolga- Bulgaren geschickt, und während seines dortigen 
Aufenthaltes hatte er oft Gelegenheit, die Bussen zu sehen, 
wenn sie die Wolga herunterkamen um mit den Bulgaren zu 
handeln. Von dieser Beise hinterliess er eine Beschreibung, 
von der sich Bruchstücke in Jakuts Wörterbuch geographischer 
Homonymen unter dem Artikel Bus finden *). 

„Ich sah die Bussen'', sagt Ihn Fadhlan, ,,wie sie mit 
ihren Waaren angekommen waren und sich am Flusse Itil 
(Wolga) gelagert hatten. Nie sah ich Leute von ausgewachse- 
nerem Körperbau; sie sind hoch wie Palmbäume, fleischfarben 
und roth. Sie tragen keine Kamisole, auch keine Kaftans. 
Bei ihnen trägt der Mann ein grobes Gewand, das er um 
^ine seiner Seiten herumwirft, so dass ihm eine Hand frei 
bleibt. Jeder führt eine Axt, ein Messer und ein Schwert 
bei sich. Ohne diese Waflfen sieht man sie niemals. Ihre 
Schwerter sind breit, wellenförm^ gestreift und von fränki- 
scher Arbeit. Auf der einen Seite derselben befinden sich, 
von der Spitze bis zum Halse, Bäume, Figuren und derglei- 
chen mehr dargestellt. Die Weiber haben auf der Brust eine 
kleine Büchse angebunden, von Eisen, Kupfer, Silber oder 



^) Vgl. A. Hatzuk in Trudy pervago archeolog. s'ezda v' Moskve. 
1869. I, 145 f. 

2) Fr ahn, Ihn Foszlan's und anderer Araber Berichte über die 
Russen älterer Zeit. St. Petersburg 1823. — J. L. Rasmussen, De 
Orientis commercio cum Russia et Scandinavia medio aevo (Hauniae 
1825); p. 32 sq. 



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30 

Ck>ld, dem Verhältnisse des Vermögens ihres Mannes und 
seinen Umständen angemessen. An dem Büchschen ist ein 
Ring und an dem ein Messer, ebenfolls auf der Brust befestigt. 
Um den Hals tragen sie goldene und silberne Ketten. Werm 
der Mann nemlich zehntausend Dirhem (Silberstöcke) besitzt, 
lässt er seiner Frau eine Kette machen ; hat er zwanzigtausend» 
so bekommt sie zwei Halsketten; und so erhält seine Frau» 
so oft er zehntausend Dirhem reicher wird, eine Kette mehr. 
Daher befindet sich oft eine ganze Menge Ketten an dem 
Halse einer russischen Frau. Ihr grösster Schmuck besteht 
in grünen Glasperlen von der Art, wie sie sich auf den Schiffen 
finden. Sie übertreiben's damit, zahlen einen Dirhem för so 
eine ©lasperle und reihen sie für ihre Weiber zum Hals- 
bände« — Sie sind die unsaubersten Menschen, die Gott g^ 
schaffen hat . . . Sie kommen aus ihrem Lande, legen ihre 
Schiffe im Itil, welche» ein grosser Fluss ist, vor Anker und 
bauen sich an dessen Ufern grosse Häuser von Holz. In so 
einem Hause leben ihrer zehn oder zwansig, auch mehr oder 
weniger, zusammen. Jeder von ihnen hat eine Buhebank» 
worauf er und mit ihm seine Mädchen und die Schönen, die 
zum Verhandeln bestimmt sind, sitzen. Jeden Tag waschen 
sie sich regeUiiltesig mit dem schmutzigsten und unreinlichsten 
Wasser, das es nur geben kann, Gesicht und Kopf. Alle 
Morgen nemlich kommt das Mädchen und bringt eine grosse 
Schale mit Wasser, die sie vor ihren Herrn stellt. Der wasch* 
sich darin Get^iefat und Hände, auch alle seine Haare wäscht 
er und kämmt sie mit dem Kamm in die Schüssel aus. 
Darauf schnauzt er sich und spuckt ins Geßtes und lässt 
keinen Schmutz zurück, sondern thut ihn in dies Wasser ab» 
Wenn er, was nöthig wsar, verrichtet, trägt dos Mädchen die 
Schüssel zu dem, der ihm zunächst ist. Der macht's wie 
jener. Sie aber fährt fort, die Schüssel von dem einen weg 
zu dem andern Mn zu tragen, bis sie bei allen^ die im Hause 
sind, herumgewesen ist, von denen jeder sich schnauzt, in die 
Schüssel spuckt und Gesicht und Haare in derselben wäscht. — 
Sobald ihre Schiffe an diesen Ankerphtz gelangt sind,, geht 
jeder von ihnen an's Land, hat Brot, Fleisch, Zwiebeln,, Milch 



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ai 

und berauseb^ul Getränk bei sich^ und begibt sich zu einena 
angerichteten hohen Holze, das wie ein menschlich Gesicht 
hat vlM von kleinen Statnea umgebe ist, hinter welchen 
sich noch andere hohe Hölzer aufgerichtet befinden. Er tritt 
zu der grossen hölzernen Pigar, wirft sich tor ihr zur Erde 
nieder und spricht: ^0 mein Herr, ich bin aus fernem Lande 
gekommen, führe so und so Yiel Mäddien mit mir und von 
Zobeln so und so viel Felle." Und wenn er so alle seine mit- 
gebrachte Handelsware angezählt, fährt er fort: „Dir hab' 
ich dies Geschenk gebracht"; legt dann, was er gebracht, vor 
die hölzerne Statue, und sagt: „Idi wünsche, Du bescherest 
mir einen Käufer, der brav G(dd- und Silberstueke hat, der 
mir abkauft alles, was ich möchte, und der mir in keiner 
meiner Forderungen zuwider ist." Dies gesagt, geht er weg. 
Wenn nun sein Handel schlecht geht, und sein Aufenthalt 
sich zu sehr verzieht, so kommt er wieder und bringt ein 
zweites und abermals ein drittes Geschenk. Und hat er noch 
immer Schwierigkeiten, zu erreichen, was er wünscht: so 
bringt er einer von jenen kleinen Statuen ein Geschenk dar 
und bittet sie um Fürsprache, indem er sagt: „Dies sind ja 
unsers H^rn Frauen und Töchter." Und so filhrt er fort, 
jede Statue, eine nach der andern, besonders anzugehen, sie 
ztr bitt^, um Fürsprache anzuflehen und sich vor ihr in De^ 
muih zu verbe«igen. Oft geht dann sein Handel leicht und 
gut, und er verkauft aU seine raitgebmchte Waare. Da sagt 
er: ,^Mein Herr hat mein Begehr erf&llt: jetzt ist es meine 
Pflicht ihm zu vergelten." Darauf nimmt er eine Anzahl 
Rinder und Schafe, schlachtet sie, gibt einen Theil des Fki- 
aehes^ an^ die Armen, trägt den Rest vor jene grosse Statue 
und vor di» «m sie herumstehendiea kleinen und hängt die 
Köpfe der Binder und Schafe an jenes Holz auf, das in der 
firde au%ericbtet steht. In der Nacht aber kommen die 
Hunde und verzehren alles. Dann ruft der, der es hinlegte, 
aus: „Mein Herr hat an mir Wohlgefallen: er hat mein G»e- 
scfaenk verzehrt." — Wird einer von ihnen krank: so schlagen 
sie ihm, entfernt von sich, eiu Gezelt auf; in dasselbe legen 
^ ihn und tessen neben ihm etwas Brot und Wasser zurück. 



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32 

I^ahe zu ihm treten sie dann nie, sprechen auch nicht mit 
ihm; ja, was noch mehr ist, sie besuchen ihn nicht einmal 
in all der Zeit, besonders wenn es ein Armer oder ein Sklave 
ist. Wenn er geneset oder von seinem Krankenlager aufsteht : 
BO begibt er sich zu den Seinigen zurück. Stirbt er aber, so 
verbrennen sie ihn; jedoch, ist*s ein Sklave, lassen sie ihn, 
wie er ist, bis er endlich eine Beute der Hunde und Raub- 
vögel wird. — Ertappen sie einen Dieb oder Räuber: so 
führen sie ihn zu einem hohen, dicken Baume, schlingen ihm 
-einen dauerhaften Strick um den Hals, knüpfen ihn damit an 
denselben auf und lassen ihn hangen, bis er durch Wind und 
Regen aufgelöst in Stücke zerßllli — Man sagte mir, sie 
trieben mit ihren Oberhäuptern Dinge, wovon das Verbrennen 
noch das geringste ausmache. Ich wünschte diese näher 
kennen zu lernen, als man mir endlich den Tod eines ihrer 
Crossen berichtete. Den legten sie in sein Grab und versahen 
-es über ihm mit einem Dache fßr zehn Tage, bis sie mit dem 
.Zuschneiden und Nähen seiner Kleider fertig waren. Zwar, 
ist es ein armer Mann, so bauen sie für ihn ein kleines Schiff, 
legen ihn hinein und verbrennen es. Beim Tode eines Reicheu 
aber sammeln sie seine Habe und theilen sie in drei Theile. 
Das eine Drittel ist für seine Familie, für das zweite schnei- 
den sie ihm Kleider zu, für das dritte kaufen sie berauschend 
Oetränk, um es an dem Tage zu trinken, wo das Mädchen 
sich dem Tode preisgibt und mit ihrem Herrn verbrannt wird. 
Sie überlassen sich aber dem Genuss des Weins auf eine un- 
sinnige Weise und trinken ihn Tag und Nacht hindurch. Oft 
stirbt unter ihnen einer mit dem Becher in der Hand. Wenn 
^in Oberhaupt von ihnen gestorben ist, so fragt seine Familie 
dessen Mädchen und Knaben: „Wer von euch will mit ihm 
sterben?" Dann antwortet einer von ihnen: „Ich". Wenn 
•er dies Wort ausgesprochen, so ist er gebunden, und es bleibt 
ihm nicht freigestellt, sich jemals zurückzuziehen ; und wollte 
er es ja, so lässt man ihn nicht. Grösstentheils aber sind es 
die Mädchen, die es thun. Als daher jener Mann, dessen ich 
oben erwähnte, gestorben war, so fragten sie seine Mädchen: 
-„Wer will mit ihm sterben?" Eine von ihnen antwortete: 



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33 

„Ich". Da vertraute man sie zween Mädchen an, die mussten 
sie bewachen und sie überall, wohin sie nur ging, begleiten, 
ja bisweilen wuschen sie ihr sogar die Ffisse. Die Leute 
fingen dann an, sich mit der Sache des Verstorbenen zu be- 
schäftigen, die Kleider für ihn zu schneiden und alles, was 
sonst erforderlich ist, zuzubereiten. Das Mädchen trank indes 
alle Tage, sang und war fröhlich und vergnügt. Als nun der 
Tag gekommen war, an dem der Verstorbene und das Mädchen 
verbrannt werden sollten, ging ich an den Fluss, in dem sein 
Schiff lag. Aber dies war schon ans Land gezogen, vier 
Eckblöcke von Chalendsch- und anderem Holze wurden för 
dasselbe zurechtgestellt und um dasselbe herum wieder grosse, 
menschenähnliche Figuren von Holz. Darauf zog man das. 
Schiff herbei und setzte es auf das gedachte Holz. Die Leute 
fingen indes an, ab- und zuzugehen, und sprachen Worte, die 
ich nicht verstand. Der Tote aber lag noch entfernt in seinem 
Grabe, aus dem sie ihn noch nicht herausgenommen hatten. 
Darauf brachten sie eine Buhebank, stellten sie auf das Schiff 
und bedeckten sie mit wattirten, gesteppten Tüchern, mit 
griechischem GoldstoflF und mit Kopfkissen von demselben- 
Stoffe. Alsdann kam ein altes Weib, das sie den Todesengel 
nennen, und spreitete die erwähnten Sachen auf der Ruhebank 
aus. Sie ist es, die das Nähen der Kleider und die ganze 
Ausrüstung besorgte, sie auch, die das Mädchen tötet. Ich 
sah sie: es war ein Teufel mit finsterem, grimmigem Blicke. 
Als sie zu seinem Grabe kamen, räumten sie die Erde von 
dem Holze, schafften dies selbst weg und zogen den Toten in 
dem Leichentuche, in welchem er gestorben war, heraus. Da 
sah ich, wie er von der Kälte des Landes ganz schwarz ge- 
worden war. Mit ihm aber hatten sie in sein Grab berau- 
schend Getränke, Früchte und eine Laute gethan, welches 
alles sie nun auch herauszogen. Der Verstorbene aber hatte 
sich, die Farbe ausgenommen, nicht verändert. Ihn bekleide- 
ten sie dann mit Unterbeinkleidern, Oberhosen, Stiefeln, einem 
Kurtak und Chaftan von Goldstoff mit goldenen Knöpfen und 
setzten ihm eine goldstoffne Mütze, mit Zobel besetzt, auf. 
Darauf trugen sie ihn in das auf dem Schiffe befindliche 

Thomflen, Urspr. ä. rnss. Staates. 3 



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34 

Qezelt, setzten ihn auf die mit Watte gesteppte Decke, unter- 
stützten ihn mit Kopfkissen, brachten berauschend Getränk, 
Früchte und Basilienkraut und legten das alles neben ihn. 
Auch Brot, Fleisch und Zwiebeln legten sie vor ihn hin. 
Hierauf brachten sie einen Hund, schnitten ihn in zwei 
Theile und warfen die ins Schiff; legten dann alle seine 
Waffen ihm zur Seite ; führten zwei Pferde herbei, die sie so 
lange jagten, bis sie von Schweiss troffen, worauf sie sie mit 
ihren Schwertern zerhieben und das Fleisch derselben ins 
Schiff warfen. Alsdann wurden zwei Ochsen herbeigeführt 
und ebenfalls zerhauen und ins Schiff geworfen. Endlich 
brachten sie einen Hahn und ein Huhn, schlachteten auch 
die und warfen sie ebenfalls dahinein. Das Mädchen, das sich 
dem Tode geweiht hatte, ging indes ab und zu und trat in 
eines der Zelte, die sie dort hatten. Da legte sich der In- 
wohner desselben zu ihr und sprach: „Sag Deinem Herrn, 
nur aus Liebe zu Dir that ich dies.'^ Als es nun Freitag 
Nachmittag war, so führte man das Mädchen zu einem Dinge 
hin, das sie gemacht hatten und das dem vorspringenden Ge- 
sims einer Thür glich. Sie setzte ihre Füsse auf die flachen 
Hände der Männer, sah auf dieses Gesims hinab und sprach 
dabei etwas in ihrer Sprache, worauf sie sie herunterliessen. 
Dann Hessen sie sie wieder aufsteigen, und sie that wie das 
erste Mal. Wieder liess man sie hinunter und zum dritten 
Male aufsteigen, wo sie sich wie die beiden ersten Male be- 
nahm. Alsdann reichten sie ihr eine Henne hin, der schnitt 
sie den Eopf ab und warf ihn weg. Die Henne aber nahm 
man und warf sie ins Schiff. Ich erkundigte mich beim 
Dolmetscher nach dem, was sie gethan hätte. Das erste Mal, 
war seine Antwort, sagte sie: „Sieh, hier sehe ich meinen 
Vater und meine Mutter'*; das zweite Mal: „Sieh, jetzt sehe 
ich alle meine verstorbenen Anverwandten sitzen"; das dritte 
Mal aber: „Siehe, dort ist mein Herr, er sitzt im Paradiese. 
Das Paradies ist so schön, so grün. Bei ihm sind Männer und 
Knaben. Er ruft mich; so bringt mich denn zu ihm." Da 
führten sie sie zum Schiffe hin. Sie aber zog ihre beiden 
Armbänder ab und gab sie dem Weibe, das man den Todes- 



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35 

eogel nennt und das sie morden wird. Auch ihre beiden 
Beinringe zog sie ab und reichte -sie den zwei ihr dienenden 
Mädchen, die die Töchter des Todesengels genannt sind. Dann 
hob man sie au& Schiff, liess sie aber noch nicht in das Ge- 
zelt. Nun kamen Männer herbei mit Schildern mxA Stäben 
and reichten ihr einen JBecher berauschende Getränks. Sie 
nahm ihn, sang dazu und leerte ihn. Hiermit, sagte mir der 
Dolmetsdier, nimmt sie von ihren Lieben Abschied. Darauf 
ward ihr ein anderer Becher gereicht. Sie nahm auch den 
und stimmte ein langes Lied an. Da hiess die Alte sie eilen, 
den Becher zu leeren und in das Zelt, wo ihr Herr lag, zu 
treten. Das Mädchen aber war bestürzt und unentschlossen 
geworden; sie wollte schon ins Gezelt gehen, streckte jedoch 
(nur) den Kopf zwischen Zelt und Schiff. Stracks nahm die 
Alte sie beim Kopfe, brachte sie ins Gezelt und trat selbst 
mit ihr hinein. Sofort begannen die Männer mit den Stäben 
auf ihre Schilder zu schlagen, auf das kein Laut des Ge- 
schreies gehört würde, der andere Mädchen erschrecken und 
al^eneigt machen könnte, dermaleinst auch den Tod mit 
ihren Herren zu verlangen. Dann traten sechs Männer ins 
Gezelt und wohnten sanmit und sonders den Mädchen bei. 
Darauf streckten sie sie an die Seite ihres Herrn. Und es 
fassten sie zwei bei den Füssen, zwei bei dem Händen. Und 
die Alte, die der Todesengel heisst, legte ihr einen Strick um 
den HaJs, reichte ihn zwei von den Männern hin, um ihn 
zuzuziehen, trat selbst mit einem grossen, breitklingigen 
Messer hinzu und stiess ihr das zwischen die Bippen hinein, 
worauf sie es wieder herauszog. Die beiden Männer aber 
würgten sie mit dem Stricke, bis sie tot war. Nun trat 
nackend der nächste Anverwandte des Verstorbenen hinzu, 
nahm ein Stück Holz, zündete das an, ging rückwärts zum 
Schiffe, das Holz in der einen Hand, die andere Hand auf 
seinem Hintertheile haltend , bis das unter das Schiff gelegte 
Holz angezündet war. Darauf kamen auch die übrigen mit 
Zündhölzern und anderem Holze herbei; jeder trug ein Stück, 
das oben schon brannte, und warf es auf jenen Holzhaufen, 
ßald ergriff daö Feuer denselben, bald hernach das Schiff, 

3* 



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36 

dann das Gezelt und den Mann und das Mädchen und alles, 
was im Schiffe war. Da blies ein fürchterlicher Sturm, wo- 
durch die Flamme verstärkt und die Lohe noch mehr ange- 
facht wurde. Mir zur Seite befand sich einer von den Bussen, 
den hört* ich mit dem Dolmetscher, der neben ihm stand, 
sprechen. Ich fragte den Dolmetscher, was ihm der Russe 
ges^t, und erhielt die Antwort: „Ihr Araber, sagte er, seid 
doch ein dummes Volk: ihr nehmt den, der euch der gelieb- 
teste und geehrteste unter den Menschen ist, und werft ihn 
in die Erde, wo ihn die kriechenden Thiere und Wünner 
fressen. Wir dagegen verbrennen ihn in einem Nu, so dass 
er unverzüglich und sonder Aufenthalt ins Paradies eingeht. " 
Dann brach er in ein ^unbändig Lachen aus und setzte darauf 
hinzu: „Seines Herrn (Gottes) Liebe zu ihm macht's, dass 
schon der Wind weht und ihn in einem Augenblicke weg- 
raffen wird. " Und in Wahrheit, es verging keine Stunde, so 
war Schiff und Holz und Mädchen mit dem Verstorbenen zu 
Asche geworden. Darauf fahrten sie über dem Orte, wo das 
aus dem Flusse gezogene Schiff gestanden, etwas einem runden 
Hügel ähnliches auf, errichteten in dessen- Mitte ein grosses 
Buchenholz und schrieben darauf den Namen des Verstorbenen 
nebst dem des Königs der Bussen. Alsdann begaben sie 
sich weg." 

Indes so interessant diese verschiedenen Berichte über die 
Bussen, als Zeugnisse von den Sitten und Gewohnheiten des 
alten Busslands, sein mögen, so werfen sie doch nur wenig 
Licht auf die Frage nach der Nationalität der Bussen. Der 
vage Sinn, welchen die orientalischen Völker nach und nach 
dem Namen Rüs beilegten, ist ein Grund dafür. Denn es 
ist augenscheinlich, dass sie diesen Namen sehr bald nicht 
blos auf die eigentlichen Bussen, sondern auf alle Völker an- 
wandten, die zum russischen Königreich gehörten, mochten es 
nun Skandinawen, Slawen oder Finnen sein, also auf alle, die 
jenseit der Bulgaren und Chasaren wohnten und von dort 
her zu ihnen kamen. 

Ein deutliches Zeugnis för diese Anwendung des Wortes 
ist eine Angabe, die sich bei einigen arabischen Schriftstellern 



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des zehnten Jahrhunderts findet (wohl zuerst entweder bei 
Abu-Ischak aUsstachri oder bei Abu-Said al-Balchi, beide um 
950 n. Chr.) ^). Sie sagen also: „Die Bus zerfallen in drei 
Stämme. Der eine wohnt nahe bei den Bulgaren, und ihi 
König hat zur ßesidenz eine Stadt Namens Kujabah (Kijew), 
die grösser als Bulgar ist. Der zweite und entlegenste Stamm 
heisst Seläwijah; der dritte heisst Artaniah (oder Barmar- 
niah ?), und sein König lebt in Arta (?)." Der erste dieser 
drei Stämme sind offenbar die eigentlichen Küssen in Kijew; 
der zweite Slawen, hauptsächlich die von Nowgorod; mit dem 
dritten ist wahrscheinlich ein finnischer Stamm gemeint, aber 
welcher einzelne nun, ist zweifelhaft; entweder die Ersar- 
Mordwinen (?) oder die Permier, altnordisch Bjarmar {?), 
angelsächsisch Beormas. 

Bei der Unsicherheit, die in der Terminologie der orien- 
talischen Autoren herrscht, beziehen sich ohne Zweifel manche 
Notizen, die sie uns über die Sitten und Gewohnheiten in 
Russland geben, nicht eigentlich auf die Russen selber, son- 
dern bald auf den einen, bald auf einen anderen der Stämme, 
die unter diesem Namen zusammengefasst wurden. Jede be- 
liebige Theorie über die Nationalität der Russen hat deshalb 
scheinbare Stützen in orientalischen Schriftstellern finden 
können. Unter diesen Umständen muss man diese Werke mit 
grosser Vorsicht brauchen, um so mehr, da sie sicherlich viele 
Uebertreibungen oder Misverständnisse enthalten. Es ist je- 
doch unbestreitbar, dass einzelne Angaben nur auf die Skan- 
dinawen passen und deshalb mit Recht zur Stütze von Nestors 
Bericht verwandt werden können. Hierauf komme ich später 
zurück. 



1) Frähn, Ibn-FoszlaD, p. 141 sqq. Harkawy, Skazanija etc., p. 193. 
197 sqq. 276 u. a. Chwolsonin Trudy pervago archeolog. s'ezda v' Mos- 
kve 1869, I, p. 133 sq. 



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Zweite Vorlesung. 



Die skandinawische Abstammung der Altmssen. 



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In der ersten Vorlesung habe ich eine üebersicht über 
die Bevölkerungsverhältnisse Altrusslands zu geben versucht, 
Nestors Bericht über die Gründung des russischen Staates 
mitgetheilt und, nach griechischen und orientalischen Quellen, 
eine Schilderung seiner Gründer hinzugefügt. 

Jetzt soll aus anderen Quellen die in Frage gezogene Angabe 
Nestors über die skandinawische Abstammung der Russen ge- 
sichert werden. Ich bekenne offen, dass das meiste, was ich 
beibringe, keineswegs neu ist ; aber in Anbetracht des Wider- 
spruches, der gegen jene Ansicht erhoben ist, kann es nicht 
oft genug wiederholt werden; und von einigen Einzelheiten 
unseres Gegenstandes hoffe ich auch neue, richtigere An- 
schauungen geben zu können. 

Ich habe schon erwähnt, dass die griechische Form des 
Namens Russen Bhos, ^^Pwg (oder Ehusioi, ^^Povaioi) ist, und 
dass die byzantinische Literatur seit dem Ende des neunten 
Jahrhunderts häufig auf die Rhos Bezug nimmt. Ohne Zwei- 
fel waren die Griechen mit diesem Volke gut bekannt und 
wussten es gewiss von anderen Nachbarvölkern, namentlich 
von den Slawen wohl zu unterscheiden. Allein wenn wir nach 
der wirklichen Nationalität des Volkes fragen, das die Griechen 
ßhos nannten, so gibt die byzantinische Literatur selber keine 
ausdrückliche und positive Antwort. Bisweilen kommt für sie 
die Bezeichnung Scythen (Ixv&ai) oder Tauroscythen {Tulv 
Qooxv&al) vor; aber das ist kein volksthümlicher, sondern ein 
gelehrter Name, der, ohne Beziehung auf ihre Nationalität, 
einzig darauf Rücksicht nimmt, dass sie im Lande der alten 



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42 

Scythen, nördlich vom Schwarzen Meere, wohnen. Ein paar 
byzantinische Schriftsteller geben uns eine etwas bestimmtere 
Andeutung, sofern sie bei Erwähnung des Zuges von 941 die 
Rhös als ein Volk fränkischer d. h. germanischer Basse be- 
zeichnen; denn in dieser allgemeinen Bedeutung wird der 
Name Pranken von den Byzantinern öfters gebraucht ^). 

Doch können wir diesem Mangel zum Glück anderweitig 
abhelfen. Ich beginne mit einer Uebersicht über eine Reihe 
Stellen aus mittelalterlichen Schriftstellern Westeuropas, die 
uns genaue Kunde über die ethnographische Bedeutung des 
griechischen Wortes Rhös geben. Ihr einmüthiges Zeugnis 
ist, dass die Griechen mit diesem Namen dasselbe Volk be- 
zeichnet haben, das im übrigen Europa unter dem Namen 
Normannen so wohl bekannt war. 

Am frühsten finden wir die Rhos in den sogenannten 
Annales Bertiniani unter dem Jahre 839 erwähnt *). Der be- 
betrefifende Theil dieser Jahrbücher (welcher die Jahre 835 — 861 
umfasst) stammt von dem Bischof Prudentius von Troyes her, 
einem gelehrten und gewissenhaften Manne, dessen Arbeit zu 
den besten und zuverlässigsten jener Zeit gehört. Er erzählt 
uns, wie im Jahre 839 zu Kaiser Ludwig dem Frommen 
griechische Gesandte vom byzantinischen Kaiser Theophilos 



1) Leontios (continuator Theophanis) erwähnt bei Beschreibung des 
Zages von 941 ol 'Pw^ — ol xccl JqofAitai XByofACVOij oV ix yivovg rdiv 
^Qayywv Xtt&dnavrai. Genau dieselben Ausdräcke braucht Georg'ios 
Hamartolos in einer unedirten Handschrift der vatikanischen Biblio- 
tliek (Gedeonow, Varjagi iRus' 11, 471) und der sogenannte Symeon 
Logothetes, der sicher den Leontios ausgeschrieben hat. Vgl. Eunik^ 
Berufung der schwedischen Rodsen II, 394 ff. 409 ff. Ueber den byzan- 
tinischen Gebrauch des Wortes Franken vgl. K unik a. a. 0., S. 388 und 
in Doms Caspia, p. 29. Den Namen Dramitai (von dem jQÖfAog 
UxMecas an der Dnjeprmtindung) erklärt Kunik, Berufung 11, 405, 
zapiske gotskago toparcha in den Zapiski Akad. nauk' XXIV, 114 ff., 
und in Doms Caspia, p. 400. 

8) Auf diese Stelle hat zuerst aufmerksam gemacht Bayer in seinen 
Origines Kussicae (Comment^tiones Academiae Scient. Petropolitanae VIU 
[1736], p. 388); seitdem ist sie unzählige Male besprochen. Siehe beson- 
ders Eunik, Die Berufung der schwedischen Bodsen U, 195 ff. 



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43 

kamen, die einen Brief nebst kostbaren Geschenken über- 
brachten. Der Kaiser empfing sie sehr ehrenvoll zu Ingel- 
heim am 18. Mai. Mit ihnen, fährt Prudentius fort, schickte 
Theophilos einige Leute, „die angaben, dass sie — d. h. ihr 
Volk — Bhos hiessen, und die ihr eigener König, Chacanus 
mit Namen, zu ihm, wie sie versicherten, in freundschaftlicher 
Absicht gesandt hätte *^; jetzt bäte er den Kaiser in besagtem 
Briefe, sie unter seinem Schutze durch sein ganzes Reich 
reisen zu lassen, da er nicht zugeben würde, daßs sie auf 
demselben Wege, auf dem sie gekommen, heimkehrten, weil 
sie durch rohe und barbarische Stämme von entsetzlicher 
Wildheit hindurch müssten. Als Ludwig aber genauer nach 
dem Grunde ihriBS Kommens fragte, erfuhr er, dass sie schwe- 
discher Nationalität wären; und da er vermuthete, sie wären 
nicht in freundschaftlicher Absicht ^ sondern vielmehr als 
Spione gekommen, so beschloss er sie bei sich zu behalten, 
bis er festgestellt hätte, ob ihre Absichten ehrlich seien oder 
nicht. Davon benachrichtigte er den griechischen Kaiser durch 
seine Gesandten ^). 



1) Venemnt legati Graecomm a Theophilo imperatore directi . . . 
ferentes cum doDis imperatore dignis epistolam; quos Imperator qninto 
decimo Kai. Junii in Ingulenheim honorifice suscepit . . . Misit etiam 
cum eis quosdam qui se, id est gentem suam, Ehos vocari dicehant, 
quos rex illorum, Chacanus vocabulo, ad se amicitiae, sicut asserebant, 
causa direxerat, petens per memoratam epistolam, quatenus benignitate 
imperatoris redeundi facultatem atque auxilium per imperiura suum to- 
tum habere possent, quoniam itinera, per quae ad iUum Constantinopolim 
venerant, inter barbaras et nimiae feritatis gentes immanissimas habu- 
erant, quibus eos, ne forte periculum inciderent, redire noluit. Quorum 
adventus causam imperator diligentius investigans, comperit eos gentis 
esse Sueonum, exploratores potius regni illius nostrique quam amicitiae 
pelitores ratus, penes se eo usque retinendos judicavit, quod veraciter 
iuvenire posset, utrum fideliter eo necne pervenerint; idque Theophilo per 
memoratos legatos suos atque epistolam intimare non distulit, et quod 
eos illius amore libenter susceperit; ac si fideles invenirentur, et facultas 
absque illorum periculo in patriam remeandi daretur, cum auxilio remit- 
tendos; sin alias, una cum missis nostris ad ejus praesentiam dirigendos, 
nt, quid de talibus fieri deberet, ipse decernendo efficeret. (Monnm, 
Germ. Hist. Scr. I, 434.) 



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44 

Der Sina dieser Stelle ist doch ganz klar. Das Volk, 
dessen König zum griechischen Kaiser Gesandte schickte, und 
von dessen Dasein die Griechen vielleicht zum ersten Male 
dadurch Kenntnis erhielten, nannte man in C!onstantinopel 
Rhös. Ob sie in ihrer eigenen Sprache wirklich diesen Namen 
brauchten oder nur von anderen Völkern so genannt wurden, 
ist eine Frage, auf die ich später zurückkomme; hier ist sie 
ohne Belang, unter demselben Namen, Bhös, empfahl sie 
Kaiser TheophUos seinerseits Ludwig dem Frommen in dem 
(natürlich griechisch geschriebenen) Briefe, den er den Ge- 
sandten mitgegeben hatte. Dass Prudentius auf diesen Brief 
Bezug nimmt, beweist seine Schreibung Ehos, welche der 
griechischen Form 'PcSc genau entspricht ^). Da jedoch da- 
mals dieser Name im ganzen Westen noch unbekannt war, 
so war es geboten, die Gesandten genauer auszufragen; und 
das Ergebnis war, dass diese Leute, die im Briefe des griechi- 
schen Kaisers Ehos genannt waren, als Schweden sich heraus- 
stellten und folglich zu einem Zweige jener Normannen ge- 
hörten, welche den Franken damals nur zu gut bekannt waren 
und mit gutem Grunde verdächtig erschienen *). Hierin liegt 
demnach die ganz natürliche Erklärung für die Vorsichtsmass- 
regeln, die der Kaiser ihnen gegenüber traf. Nach alle dem 
ist aus dieser Stelle der Schluss zu ziehen, dass Ehos, 'PaJ^, 
der griechische Name der Schweden war. 

Wo die Heimat dieser Rhös lag, wird nicht gesagt. Viel- 
leicht war sie irgendwo in Schweden selbst; aber es könnte 
auch sein, dass wir es hier mit irgend einem ausgewanderten 
Stamm zu thun hätten, der schon jenseit der Ostsee oder des 
bottnischen Busens sass. Jedenfalls sind die Gesandten offen- 
bar durch das heutige Russland, wahrscheinlich auf dem 
Dojepr, nach Griechenland gekommen; und auf diesem Wege, 



1) Vgl. auch den Ausdruck „quos rei ad se direxerat'*, wo das Wort 
se zeigt, dass diese Angabe nicht von Prudentius selber stammt, sondern 
eine Anfülirung von Worten des griechischen Kaisers ist. (So schon 
Gedeonow Varjagi i Rus' II, 495 sq.) 

2) Vgl. Joh. Steenstrup, Normannerne 11: Vikingetogene mod 
Vest i det 9 de Aarhundrede (Kjöbenhavn 1878), p. 27 sqq. 44 sqq. 



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45 

den eine Anzahl barbarischer Stämme in der That unsicher 
machten, wollte der Kaiser sie nicht zurückkehren lassen. 

Eins ist merkwürdig, dass nemlich der König der Bhös 
Chacanus geheissen hätte. Man hat viel darüber gestritten, 
ob dies sein Name oder sein Titel wäre. Indes ich zweifle 
nicht, dass es, wenigstens in dem griechischen Originalbrief, 
der (in der ersten Vorlesung einige Male erwähnte) Titel 
Chagan oder Chahan hat sein sollen. Fragen wir aber, wie 
der griechische Hof dazu kam, ihm diesen fremden Titel zu 
geben, so bleibt für Vermuthungen ein weiter Spielraum. Die 
wahrscheinlichste Erklärung ist meiner Meinung nach die, dass 
von den Griechen die Bhös mit den Ghasaren, Awaren und 
anderen nördlichen Barbarenstämmen zusammengeworfen sind *) 
und deshalb dem Könige der ßhds eben der Titel beigelegt 
ist, der dem Chasarenkönig zukam 2). Dies wäre um so 
weniger verwunderlich, weil jene Schweden nur durch das 
Land der Ghasaren zum Schwarzen Meere gelangt sein können 
und vielleicht gar durch Ghasaren nach Gonstantinopel geleitet 
und am byzantinischen Hofe eingeführt sind. Jedenfalls kann 
aus dieser Benennung kein Schluss über die Nationalität der 
Bhös gezogen werden. 



1) Vgl. Stellen wie diese: eire Xa^aqot. sire Tovqxoi bUc ocnl 'Pwg 
11 hsQov ti ed-vog idSy ßoQSitüv xai Ixvd-ixäy (Constantinus Por- 
phyr ogen., De administrando Imperio ed. Bonn., p. 82.). 

2) Vgl. den Brief Ludwigs II. an den griechischen Kaiser Basilios 
vom Jahre 871, in welchem er den Protest des letzteren dagegen, dass die 
frankischen Könige sich Kaiser nannten, zurückweist und seinerseits 
gegen den Anspruch der griechischen Kaiser auf AUeinbesitz des Titels 
ßaaiXsvg („ßacvXetog vocabulum") protestirt; er wirft ihnen vor, dass sie 
fremden Königen diesen Titel nicht geben wollten und z. B. den Titel 
chagan US den Königen der Awaren, Ghasaren oder der Normannen bei- 
legten („praelatum Avarum, Gazanorum aut Nortmannorum " — der 
letzte Name offenbar dem griechischen rcHy 'PiSg entsprechend). Monu- 
menta Germ. Hist. III, 523. Vgl. die oben erwähnte Angabe über 
GhakanrBüs bei Ibn Dustah (S. 26), welche ebenfalls durch eine grie- 
chische Hand gegangen sein mag. Erst viel später, nach der völligen 
Vernichtung des Chasarenreiches, finden wir vereinzelte Beispiele, dass 
der Titel hagan in slawischen Urkunden den russischen Grossfürsten 
Wladimir (gest. 1015) und Jaroslaw (gest. 1054) beigelegt wird. 



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_46 

Ich mußs in aller Kürze die Versuche der Anti-Ncw- 
mannisten erwähnen, diesen Beweis für die Bedeutung des 
Namens Rhds zu erschüttern. Sie können natürlich nicht 
leugnen, dass die Leute, von denen Prudentius spricht, Schwe- 
den sind ; ihr Ziel muss also sein zu zeigen , - dass durch die 
fragliche Stelle die Identität der Namen Eh6s und Schweden 
nicht bewiesen, sondern dass im Qegentheil ein Unterschied 
dazwischen gemacht werde. Die Erklärungen, die man zu 
diesem Zweck versucht hat, sind weit genug hergeholt Von 
der einen Seite ist behauptet worden, jene Leute seien etwa 
Schweden gewesen, die zufällig nach Constantinopel gekommen 
wären und sich in den Kopf gesetzt hätten, Gesandte vom König 
der Rhds zu spielen; und der fränkische Kaiser habe zuerst 
entdeckt, wie es darum stand. Aber diese Annahme wird 
durch keine Angabe bei Prudentius selber gestützt. Sie ist 
im Oegentheil höchst unwahrscheinlich. Warum sollten sie 
sich in den Kopf setzen Gesandte vom König der Bhös zu 
spielen ? Ihre betrügerische Absicht, erwidert man, sei natfif lidi 
die gewesen, Geschenke zu empfangen, wie man sie Gesandten 
zu geben pflegte. Aber, mag das der Fall sein, warum gaben 
sie sich nicht als Gesandte von ihrem eignen Volke aus, statt 
von einem anderen? Sie hätten die vermeintlichen Vortheile 
ihres Betrugs ebenso gut oder gar besser erreichen können 
ohne solche doppelte Verkleidung, die ihnen farwahr nichts 
einbrachte, sondern einzig die Rolle, die sie spielten, doppelt 
schwierig und die Gefahr, entlarvt zu werden, doppelt gross 
machte. Diese Annahme ist im höchsten Grade gesucht 
und unwahrscheinlich. Nach einer anderen Ansicht, die zu- 
erst im vorigen Jahrhundert vorgebracht wurde und jüngst 
durch Gedeonow aufgefrischt ist, sollen es Schweden gewesen 
sein, die am Hofe des „russischen Chagan" dienten und von 
ihm als Gesandte nach Constantinopel geschickt wurden; sie 
hätten sich also in Constantinopel mit gutem Grund als Bhös 
vorgestellt, obwohl sie persönlich einer anderen Nationalität 
angehörten. Aber diese Erklärung ist ebenso unhaltbar als 
weit hergeholt. Erstens widerstreitet sie Prudentius' klaren 
Worten, da die Ausdrücke „qui se id est gmtem suam Bhos 



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47 

vocari dicebant" und „eos geniis esse Sueonum" bei ihm ganz 
parallel stehen und überdies gesagt wird, ihr eigener Eonig 
(rex illorum) sendete sie. Sodann widerstreitet diese Erklärung 
völlig den Gewohnheiten und Ansichten jener Zeiten und lässt 
die Frage ungelöst, welche in diesem Falle zuerst und vor 
allem aufgeklärt werden müsste, nemlich wie im neunten 
Jahrhundert, zu einer Zeit, wo es etwas unerhörtes war, dass 
Skandinawen bei einem fremden, nicht-skandinawischen Fürsten 
in Dienst traten, ein „russischer" (d. h. slawischer) „Cha- 
gan" in Kijew dazu kommt, Schweden als Gesandte zu be- 
nutzen. Solch ein Umstand würde nothwendig auf eine sehr 
nahe Beziehung zwischen den Bussen und den Schweden deuten ; 
und folglich, wäre diese Hypothese nicht in sich selbst un- 
haltbar, so würde die daraus zu ziehende Folgerung unter 
allen Umständen eine ganz andere sein, als ihre Urheber 
wünschen möchten. 

Ich bin überzeugt, dass jeder unparteiische Leser sofort 
sieht, wie gezwungen und gewunden jene Erklärungen sind, 
und dass er als die einzig einfache und natürliche Deutung 
der Stelle des Prudentius diese anerkennen wird, dass Bhös 
die griechische Bezeichnung für die Skandinawen oder Nor- 
mannen war, welche in diesem Falle eben Schweden gewesen 
sind. 

Diese Stelle ist die älteste, in welcher der Name Bussen 
erwähnt wird; es ist das einzige Mal vor Buriks Zeit, wo 
wir ihm begegnen. Die Folgerung, die wir daraus gezogen, 
wird durch Stellen jüngeren Datums ganz entschieden bestätigt. 
Einige lateinische Schriftsteller nemlich identificiren bei Er- 
wähnung einiger Züge gegen Oonstantinopel die Bussen aus- 
drücklich mit dem Volke, das in der römisch-deutschen Welt 
Normanni Messe. 

Ueber den Zug des Jahres 865 bieten venetianische Chro- 
niken einige kurze Angaben ^). Freilich ist die älteste unter 
diesen Chroniken mehr als ein Jahrhundert jünger als dies 



1) Knnik in Dorns Caspia, p. 230—32. 



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- 48 

Factum selbst; sie ist von Johannes Diaconus geschrieben, der 
Ende des zehnten und Anfang des elften Jahrhunderts lebte. 
Aber ebenso wie die Angabe, die er bot, wieder von späteren 
Chronisten ausgeschrieben ist, stammt sie selber ohne Zweifel 
aus einem authentischen, zeitgenössischen Berichte. Man muss, 
wie Kunik bemerkt, sich erinnern, dass die Venetianer von 
früher Zeit her ausgedehnten Handel im Mitteimeer führten 
und vor allem lebhaften commerciellen und diplomatischen 
Verkehr mit der Hauptstadt des byzantinischen Reiches unter- 
hielten, welche gerade in jenen Zeiten, wenigstens dem Namen 
nach, eine Art Oberherrschaft über die stolze Republik aus- 
übte. Unter diesen Umständen muss das fast unglaubliche 
Ereignis jenes Jahres, der Angriff russischer Seeräuber auf Con- 
stantinopel selbst, durch Mitbürger, die Augenzeugen gewesen 
waren, sehr früh in Venedig bekannt geworden sein und aus einem 
solchen Bericht die Angabe des Chronisten Johannes Diaconus 
herstammen. Er sagt, zwar ohne Jahresangabe, aber in Ver- 
bindung mit Ereignissen von c. 865, „zu der Zeit hätten 
Normannen die Stadt Constantinopel mit 360 Schiffen anzu- 
greifen gewagt; allein ausser Stande die unüberwindliche Stadt 
selber zu verletzen, kämpften sie in den Vorstädten tapfer, 
töteten soviel Volks sie konnten und kehrten dann im Triumph 
heim" ^). Ungeachtet einiger Abweichungen seines Berichtes 
von Nestor und den byzantinischen Autoren in Einzelheiten 
liegt auf der Hand, dass die Normannen des Johannes Dia- 



1) „Eo tempore Normannorum geutes cum trecentis sexaginta navibus 
Constantinopolitanam urbem adire ausi sunt. Verum quia nuUa racione 
inexpugnabilem ledere valebant urbem, suburbanum fortiter patrantes 
bellum quam plurimos ibi occidere non pepercerunt, et sie predicta gens 
cum triumpho ad propriam regressa est." Mon. Germ. Hist. Scr. 
VIT, 18. Mit fast denselben Worten, offenbar auf Grundlage des Berichtes 
von Johannes Diaconus, verzeichnet der Doge Andreas Dandulo 
(gest. 1354) das Ereignis in seinem Chronicum Venetum Üb. Vill c 4, 
pars 41 (Muratori, R^rum Ital. Scr. [Mediolani 1728] XII, p. 181): 
„Per haec tempora Normannorum gentes CCCLX navibus aggressi sunt 
Constantinopolim , et suburbana impugnant multosquc occidunt et cum 
gloria redeunt." 



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49 

>conus und die Ehos der Griechen identisch sind; auf kein 
anderes Volk jener Zeit passt jene Schilderung. 

Sollte jemand diese Folgerung nichtsdestoweniger fraglich 
nennen, so muss doch aller Zweifel schwinden, wenn wir eine 
oder zwei. Stellen eines italienischen Autors, des Lombarden 
Liudprand, vergleichen, der von 963 ab Bischof von Cremona 
yfSLT, Er war zweimal in Constantinopel gewesen, zuerst 
zwischen 948 und 950 als Gesandter von König Berengar IL 
und später 968 vier Monate lang als Gesandter von Kaiser 
Otto L Mithin hatte er die beste Gelegenheit gehabt, sich mit 
den Verhältnissen des byzantinischen Reiches vertraut zu machen ; 
und die Reiseberichte, die er uns hinterlassen hat, enthalten wich- 
tige Aufschlüsse über verschiedene einschlagende Fragen. 

An einer Stelle zählt er die Völker, die im Norden des 
■griechischen Reiches lebten, auf und erwähnt unter ihnen auch 
„die Russen (Busii), welche wir mit anderem Namen Nor- 
mannen nennen" ^). An einer anderen Stelle gibt er uns 
eine Schilderung von Igors unglücklichem Zuge im Jahre 941, 
indem er sich auf seinen Stiefvater beruft, der damals 
als Gesandter des italienischen Königs Hugo in Constantinopel 
gewesen war und mit eigenen Augen russische Gefangene auf 
Befehl des griechischen Kaisers Romanos hatte enthaupten 
sehen. Hier braucht er fast dieselben Ausdrücke von den 
Russen, indem er sagt: „Es lebt ein Volk im Norden, das 
die Griechen wegen ihres Aeusseren Busii *) , wir nach der 
Lage ihrer Heimat Nordmanni nennen. König über dieses 
Volk war Inger, der mit mehr als tausend Schiffen nach Con- 
stantinopel kam u. s. w. " ^) 



1) „ Habet quippe (Constantinopolis) ab aquilone Hungarios, Pizenacos 
Chazaros, Eusios quos alio nos nomine Nordmannos appellamus, atque 
Bulgaros nimiura sibi vicinos ". Mon. Germ. Hist. Scr. III, p. 277. 

2) Diese Bemerkung ist auf eine hinfällige Worterklärung gegründet, 
indem der Name Russen mit dem griechischen Adjectiv govatog, roth, 
rothhaarig, zusammengeworfen ist (vgl. die dritte Vorlesung). 

3) „Quoniam mens vitricus, vir gravitate omatus, plenus sapientia, 
regis Hugonis fuerat nuntius, pigrum michi non hie sit inserere, quid 
eum de imperatoris sapientia et hnmanitate, et qualiter Busios vicerit^ 

Thomsen, Urspr. d. rass. Staates. 4 



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Diese Worte sind völlig klar und lassen keinen Zweifel 
an der Bedeutung des Namens Russen unter den Griechen in 
Liutprands Zeit. Die Versuche, die man angestellt hat, um 
diesen Beweis zu entkräften, sind derart, dass ich sie nicht 
bis ins Einzelne zu widerlegen brauche. Einerseits wird be- 
hauptet, der Name Normannen könne gar wohl für die Sla- 
wen gebraucht sein, da diese ja auch im Norden wohnten ^). 



audivi sepius dicere. Gens quaedam est sub aquilonis parte constituta, 
quam a qualitate corporis Greci vocant Büsios, nos vero a positione loci 
nominamus Nordmannos, Lingua quippe Teutonum Nord aquilo, man 
autem dicitur homo, unde et Nordniannos aquilonares hoinines dicere 
possumus. Hujus denique gentis rex vocabulo Inger erat, qui collectis 
mille et eo amplius navibus Constantinopolim yenit .... Inger ingenti 
cum confusione postmodum ad propria est reversus. Greci vero victoria 
potiti, vivos secum multos ducentes, Constantinopolim regressi sunt laeti, 
quos omnes Eomanos in praesentia Hugonis nuntii, vitrici scilicet mei, 
decollari praecepit. " Mon. Germ. Hist. Scr. III, p. 331. 

1) Gedeonow meint (Varjagi i Bus' II, 524) dafür zwei Beleg- 
stellen beibringen zu können. In den Annales Fuldenses a. 880 (M. G. H. 

I, 406) heisst es: „ Advenientibus etiam ibidem undique nationum legatis 
Nortmannorum, scilicet ab aquilone Sclavanorum, pacifica optantes, quos 
rex audivit et sine mora absolvit." Hier sollen die Slawen unter den 
„Normannen" verstanden sein. Ich verstehe nicht, wie man diese 
Stelle so auffassen kann. Sie meint ganz einfach „ die Normannen, nem- 
lich die da wohnen im Norden der (Ostsee- oder Elb-) Slawen". — Mit 
der zweiten Stelle steht es nicht besser. In den Annales Fuldenses a, 880 
(und vielerwärts sonst) wird berichtet, dass Bischof Markward von Hildes- 
heim in einem Kampfe gegen die Normannen fiel, während es im Chron. 
Hildeshem. (M. G. H. IX, 851) heisst: „Marquardus dehinc quintus epi- 
scopus successit, .... qui 4. ordinationis suae anno occisus est a Scla- 
vis." „Also", schliesst Gedeonow, „sind unter den Normannen in den 
Annales Fuldenses (und all den anderen Stellen) die Slawen zu ver- 
stehen!" Die Sache ist naturlich ganz einfach die, dass der späte 
Hildesheimer Chronist, der erst in das Ende des 12. Jahrhunderts gehört, 
hier falsch berichtet ist und vermuthlich die Schlacht, welche Markward 
das Leben kostete, mit einem späteren Tschechen- oder SerbeneinfaU zu- 
sammenwarf. Völlig fest steht nemlicli nach vielen Quellen, dass Bischof 
Markward in einer Schlacht an der Elbe den 20. Februar 880 gegen die 
Normannen d. h. Dänen fiel. S. Du mm 1er, Das ostfränkische Reich 

II, 137; Steenstrup, Normanneme II, 196. Mit gleichem Rechte 
könnte man folgern, dass die Ungarn unter den „Normannen" zu ver- 



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Allein das ist geradezu falsch ; denn Normannen, Nordmanni, 
war im. Mittelalter die specifische Benennung der Skandinawen^ 
besonders sofern sie als Wikinger auftraten ^) ; gerade wie in 
unseren Tagen z. B. die Nordsee ein bestimmtes Meer ist 
und nicht ein beliebiges Meer im Norden. Von anderer Seite 
ist die Annahme vorgetragen, die Russen, welche vor den 
Augen von Liudprands Stiefvater getötet seien, wären vielleicht 
blos skandinawische Hülfstruppen gewesen, die in der russi- 
schen Armee dienten, und hieraus möge er geschlossen haben, 
dass alle Russen Normannen wären. Allein was Liudprand 
auf Mittheilungen seines Stiefvaters zurückführt, bezieht sich 
nur auf den Sieg der Griechen über die Russen und ihre 
blutige Rache; über ihre Nationalität hatte er selber ge- 
nügende Gelegenheit sich eine eigene Meinung zu bilden. 
Jene gegnerischen Deductionen sind von so leichtfertigem 
Scepticismus eingegeben, dass alles in der Welt mit so unwissen- 
schaftlichen Raisonnements in Frage gestellt werden könnte. 

Aus den eben angeführten Stellen ersehen wir also, dass 
der Name Rhos (Pdig) [oder Rusii (Povaioiy] von den Grie- 
chen im neunten und zehnten Jahrhundert zur Bezeichnung 
desselben Volkes gebraucht wurde, welches in Westeuropa all- 
gemein Nordmanni, d. i. Normannen oder Skandinawen hiess, 
und dass der letztere Name unter den Griechen ebenso wenig 
bekannt war als der erstere in Westeuropa. Aber der Name 
Rhos (Rusii), das slawische Rus\ kommt geographisch xar* 
^h/Zi^ dem herrschenden Stamm in Kijew zu: folglich kann 
dieser nemliche Stamm nur eine östliche Abzweigung der 
Normannen gewesen sein, — die einzigen Vertreter jener 
Nationalität, mit denen die Griechen damals bekannt zu 
werden Gelegenheit hatten. 

Ehe ich auf die höchst wichtige Stelle eines griechischen 



stehen seieo, weil in Hroswithae Primord. Gandershem. dieselbe Scjilacht 
mit einem Ungarneinfall in Verbindung gebracht wird. Ich überlasse es 
getrost jedem unparteiischen Leser, über diese Art von Beweisführung 
zu urfcheilen. 

1) Vgl. Joh. Steenstrup, Normannerne I, 50 sqq.; II, 320 u. a^ 

4* 



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Autors komme, die uns einen durchschlagenden Beweis für 
diese Thatsache gibt, werfe ich einen Blick auf die Auführung 
der Eussen oder Bus bei orientalischen Schriftstellern. Indes 
ist, was wir aus ihnen beibringen können, im Vergleich mit 
dem, was wir den Griechen verdanken , von geringerem Werthe. 

Ich habe früher erwähnt, dass die orientalischen Schrift- 
steller den Namen Bus in so vager und unbestimmter Art 
brauchen, dass wir aus ihnen kaum einen bindenden Schluss 
über die Nationalität des Volkes ziehen können, dem dieser 
Name eigentlich zukommt. Hiervon hatten offenbar die 
Orientalen selber nur sehr undeutliche Begriffe. 

Nichtsdestoweniger ist unbestreitbar, dass manche Stellen 
vorkommen, in denen die Bus nicht nur von den Slawen 
unterschieden, sondern auch in einer Art gekennzeichnet wer- 
den, die allein auf Skandinawen passt. Ich erinnere nur an 
das, was uns Ihn Dustah von der Lebensweise und den Sitten 
der Eussen erzählte: wie sie als Seeräuber die Slawen an- 
griffen, und wie Handel und Krieg ihr Leben war; wie sie 
alle ihre Züge zu Schiffe statt zu Pferde machten; auch was 
er von ihren inneren Streitigkeiten und Kämpfen schreibt, 
während ihnen im Angesicht der Feinde Gehorsam und Ein- 
tracht als selbstverständlich gälte; ihre Zweikämpfe, ihr 
Muth, ihre Grausamkeit gegen den Besiegten, ihre schlanke 
Gestalt, ihre Schönheit u. s. w.: lauter Zöge, die auch bei 
abendländischen Schriftstellern ganz besonders den Normannen 
beigelegt werden ^). Auch die Schilderung ihrer Weissager, ihrer 
Opfer, ihrer Bestattungsbräuche u. dgl. passen wohl grössten- 
theils nur auf Skandinawen *). Dasselbe gilt von einigen Stellen 



1) Vgl. speciell Steenstrup, Normannerne I, 263 sqq, 351 sqq. 
289 sq. 325 sqq. 367 sqq. 143. 361 u. a. 

2) Vgl. zu den Opfern die Schilderung Adams vonBremen (c. 27) 
vom grossen Upsala-Opfer, das alle neun Jahre stattfand ; es heisst da u. a. : 
,, Ex omni animante, quod roasculinum est, novem capita offeruntur, quo- 
rum sanguine deos placari mos est. Corpora autem suspendunt in lu- 

cum, qui proximus est templo Ibi enim canes et equi pendent 

<5um hominibus, quorum corpora mixtim suspensa narravit mihi aliquis 
christianorum 72 vidisse." Dagegen sind diese Opferbräuche den Slawen 



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in Ibn Padhlans Beschreibung der Bussen; denn er schildert 
sie „schlank wie Palmen, fleischfarben und roth, mit Aexten, 
Schwertern und Metern europäischer Arbeit bewaffnet"; und 
obwohl einige andere charakteristische Züge der Lebensweise 
der Bussen, die er anführt, gewiss etwas übertrieben und ver- 
schönert sind, so blicken doch ohne Frage mehrfach ganz be- 
sonders den Skandinawen eigenthümliche Sitten und Gewohn- 
heiten durch. Die Schilderung von der Bestattung des Häupt- 
lings im Schiffe, freilich neuerdings vielfach bestritten und 
jedenfalls etwas phantastisch, weist doch z. B. bestimmt auf 
eine wesentlich seefahrende Nation, — und das waren die 
russischen Slawen nicht. ^) Andererseits ist nicht zu leugnen, 
dass wir gerade bei Ibn Padhlan mehrere durchaus un- 
nordische Züge finden, wie die Opferung des Mädchens (vgl. 



fremd; vgl. Krek, Einleitung in die slawische Literaturgeschichte 

1, 112. — Auch zu den Weissagern findet sich bei den Slawen nichts 
analoges (Krek a. 0. 113 ff.), wohl aber im Norden (altn. godi). Vgl. 
auch Adam von Bremen 1. c: „Omnibus diis suis attributos habent 
sacerdotes, qui sacrificia populi offerant. " — Die Schilderung der Be- 
stattungsgebräuche stimmt genau zu der nordischen Sitte in derselben 
Kulturperiode; besondere Aufmerksamkeit verdient vielleicht der Umstand, 
dass Ibn Dustahs Worte uns nothwendigerweise Grabkammern in Hügeln 
voraussetzen lassen, etwas den Nordländern elgenthümliches. Abweichend 
ist, wie es scheint, nur dies, dass des Verstorbenen Lieblings weih ihm 
ins Grab folgen muss; dieser Zug ist bei den Slawen wohlbekannt 
(Krek a. a. 0. S. 123), während wir im Norden kein Beispiel aus der ge- 
schichtlichen Zeit kennen. Der Schriftsteller muss nordische und slawische 
Bräuche hier durcheinander geworfen haben; doch vergleiche man die 
interessante Zusammenstellung bei Hehn, Culturpflanzen und Hausthiere, 

2. Aufl. (1874), S. 464 ff. 

1) Im Norden war damals Verbrennen und Begraben nebeneinander 
in Gebrauch, und oft finden sich neben dem Leichnam Ueberreste von 
Thieren (Pferden, Ochsen, Hunden, Hühnern u. a.). Vgl. in Betreff 
Schwedens Hj. Stolpe, Grafundersökningar paa Björkö (Tidskrift för 
antropologi och kulturhistoria I, Nr. 10, 1876), p. 3 sq. 8 sqq. Für Bestat- 
tung in Schiffen (mit oder ohne Verbrennung) haben namentlich in Nor- 
wegen archäologische Untersuchungen eine grosse Menge Belege ans Licht 
gebracht: 0. Rygh in Aarböger for nordisk Oldkyndighed og Historie 
1877, p. 152 sqq. 



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die parallele Erzählung bei Ibn Dustah oben Seite 28); und 
vielleicht haben wir es mit einer (thatsächlichen oder nur 
unarktischen) Vermischung nordischer und slawischer Sitten zu 
thun. Jedenfalls aber ist klar, dass, so unbestimmt auch die 
Anwendung des Namens Bussen bei den muhammedanischen 
Autoren sein mag, er ohne Zweifel hauptsächlich auf die 
Skandinawen angewandt wird. Also hatte der Name Bussen, 
sobald er zu den Muhammedanern gelangte, ohne Zweifel die- 
selbe Bedeutung, wie der entsprechende Name im Slawischen 
und Griechischen, bezeichnete nemlich die Normannen und 
besonders die, welche in Bussland sassen. 

Nur in einer Stelle eines arabischen Autors werden die 
Bussen deutlich mit den Normannen identificirt. Sie findet 
sich bei Achmed al-Ja'kübi al-Kätib, einem Schriftsteller, der 
kurz nach 890 schrieb ^). Er sagt, 844 hätten „ Heiden (Ma- 
dschüs), die Bussen heissen, Sevilla angegriffen und geplündert 
und verwüstet und gebrannt und gemordet". Nun wissen 
wir anderswoher, dass die Küsten Spaniens wirklich in jenem 
Jahre von einer Normannenschaar heimgesucht wurden, die 
vorher verschiedene Theile Frankreichs ^) verwüstet hatte ; und 
sie muss der Autor meinen mit den Leuten, „die Bussen heissen". 
Es ist jedoch die Pi'age, wie er dazu kam, diesen Normannen 
jenen Namen zu geben. Denn so nannten sie sich natürlich 
nicht. Stammt diese Stelle aus griechischer Quelle? oder hat 
nicht vielmehr der Verfasser — oder vielleicht ein späterer 
Abschreiber — den Namen Bussen, der seit etwa 880 im 
Osten wohlbekannt war, auf die Normannen übertragen, deren 
Auftreten in Spanien dem der Bussen an der Küste des 
Kaspischen und des Schwarzen Meeres genau ähnlich war? 
So macht es der Araber Massudi (um 920 — 950): nachdem 
er eben diesen Angriff der „Heiden" auf Spanien erwähnt 
hat, fügt er als seine eigene Privatmeinung hin^u: „Ich 



^) S. Fr ahn in Bulletin scientifique publ. p. FAcad. Imp. de 
St. Petersbonrg IV, Nr. 9. 10. 1838. Kunik, Berufung der schwedischen 
Rodsen II, 285 ff. Harkavy, Skazanija u. s. w., p. 59 sqq. 

2) S. Joh. Steenstrup, Normannerne II, 289 sqq. 



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glaube, diese Leute waren Rüs; denn nur sie fahren auf diesem 
Meer (dem Schwarzen Meer), das mit dem Ocean (ükianus) 
zusammenhängt/^ Mit Rücksicht auf diese Ungewissheit kann 
also weder die Stelle bei Achmed al-Kätib noch die bei Mas- 
sud! als positiver Beweis dafür beigebracht werden, dass die 
Russen, die Rüs der Araber, Normannen waren. Indes zeigen 
beide Stellen wenigstens dies deutlich, dass die Amber selber 
den Eindruck gehabt haben müssen, dass die Normannen, 
welche den Westen verwüsteten, dieselben Leute wie ihre 
„Rüs" wären. 

Aber ich kehre zu den Griechen zurück, um eine der be- 
merkenswerthesten und lehrreichsten Stellen über die Russen, 
die man in zeitgenössischen Autoron finden kann, zu bespre- 
chen: die einzige Stelle, wo wir Sprachproben von den alten 
Russen erhalten. Es ist das neunte Kapitel in dem Werk 
des Kaisers Constantin Porphyrogennetos über die Verwaltung 
4es griechischen Reiches (De administrando Imperio), um 950 
geschrieben. Dies Kapitel ist überschrieben „Von den Rhos, 
die aus Russland mit ihren Booten nach Gonstantinopel kom- 
men*' {ntQi tÜv anb zrg Pwaiag eQ/oin^ycoy Paig fdeiä Twy fjLO- 
vo%v'kۧ)y h KwpoTayuyovTioXti) ; und der Abschnitt davon, der 
uns hier besonders angeht, ist die Beschreibung der jährlichen 
Dnjeprthalfahrt der russischen Flottille. 

Etwas südlich von dem heutigen Jekaterinoslaw muss der 
Dnjepr sich dmxh einen breiten Gürtel von Granitfelsen seinen 
Weg suchen, die zu den Ausläufern der Karpathen gehören. 
Auf dieser etwa 90 Kilometer langen Strecke stürzt der mäch- 
tige Fluss zwischien mehr oder minder hohen Felsufern und 
über unzählige Felsen und Steinblöcke dabin, üeberall wo 
diese sich in grösseren Massen anhäufen und zugleich der Fall 
des Flusses stärker wird, treten mehr oder minder heftige 
Stromschnellen auf. Solche Stromschnellen heissen russisch 
porogi (wörtlich Schwellen, Dämme, Wehre), eine Bezeich- 
nung, die indes nur da gebräuchlich ist, wo diese Hindernisse 
sich quer durchs ganze Flussbett ziehen; wo sie nur einen 
Theil desselben einnehmen, heissen sie mbory (wörtlich 
Zäune). Es finden sich im ganzen 11 solche Porogen und 



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6 Saboren ^). Die BeschaflFenheit dieser Wasserfälle bringt 
es mit sich, dass sie nicht das ganze Jahr hindurch gleich 
heftig sind. Im Frühling, wenn oben der Schnee schmilzt, 
werden nemlich die Wassermassen im Flusse so gross, dass 
die Felsbildungen, welche die Gestalt der Wasserfälle be- 
dingen, mehr oder minder vollständig vom Wasser bedeckt 
werden; dies ist die einzige Jahreszeit, wo man wenigstens 
den grössten Theil derselben passiren kann. Von März bis 
Anfang Juni steigt der Fluss so, dass er etwa am 9. Mai 
durchschnittlich seine grösste Höhe erreicht. ^) Demungeachtet 
ist die Fahrt in dieser Zeit sehr mühsam und gefährlich, und 
namentlich war das natürlich in jenen Tagen der Fall, wo 
die Kunst noch nichts zur Verminderung der Gefahren gethan 
hatte. Dazu kam in alten Zeiten noch eine Quelle von Ge- 
fahren: die umwohnenden Bäuberstämme (damals die Petsche- 
negen), welche stets bereit waren, jeden, der in ihre Nähe 
kam, anzugreifen ; namentlich pflegten sie sich an den Wasser- 
fällen auf die Lauer zu legen, welche von allen, die süd- 
wärts zogen oder zurückkehrten, nothwendigerweise passirt 
werden mussten, und wo es für den Angegriffenen äusserst 
schwer war, erfolgreichen Widerstand zu leisten. ') In Folge 
dessen musste die Fahrt durch die Stromschnellen natürlich 
mit grösster Vorsicht unternommen werden ; und es war nicht 
rathsam, sich in kleineren Scharen darauf einzulassen. Dies 
aber lehrt uns zugleich, welche wichtige und eingreifende 



i) Vgl. Description d'ükranie qui sont plusieurs Prouinces du Royaume^ 
de Pologne etc., par le Sieur de Beauplan (Eouen 1660), p. 19 — 21. 
(Wilh. le Vasseur, Sieur de Beauplan, Beschreibung der Ukraine, der 
Krim und deren Einwohner. Aus dem Französischen von J. W. MÖller,^ 
[Breslau 1780], p. 25—29.) Lehrberg, Untersuchungen zur Erläuterung 
der älteren Geschichte Russlands (St. Petersburg 1816), S. 319 ff. 
J. Ch. Stuckenberg, Hydrographie des Russischen Reiches (St. Peters- 
burg 1847) m, 252 ff. 

2) S. Stuckenberg a. a. 0., S. 282. 

3) So wurde z. B., wie wir aus Nestor wissen, im Jahre 973 der 
russische Grossfürst Swätoslaw von den Petschenegen , die ihm an den 
Stromschnellen auflauerten, getötet. 



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Eolle diese Stromschnellen bei den Beziehungen der Eussen 
zu Constantinopel spielten ; und es wird uns nioht mehr wun- 
dem, dass Constantins Gewährsmann mit besonderer Ausführ- 
lichkeit bei den Einzelheiten derselben verweilt hatte. 

Die Stelle bei Constantin lautet im Zusammenhange so ^): 
„Die Boote (Kanoes, fwyo'^vXa), die vom „äusseren Bussland ''- 
(«710 rrjg e'^co '^Pcoaiag d. i. aus dem Lande jenseit Kijew) nach 
Constantinopel gehen, kommen theils von Nowgorod {ano tov 
Ns^ioyagddg), WO Swätoslaw {^(pevdoa&Xaßog), Igors ('lyyco^) 
Sohn, Fürst von Eussland, residirt, theils von der Feste Smo- 
lensk {MiXiyiGxa) und von Ljubetsch (TfA/otJr^a) und Tscher- 
nigow {T^aQPtycoya) und von Wyschegrad (Bovaey^ad^). Alle 
diese gehen den Dnjepr abwärts und stossen bei der Burg 
Kijew (Kiodßa)^ die auch Sambatas {^a^tßajdg) heisst, zu- 
sammen. Die Slawen aber, die den Bussen zinspflichtig sind, 
die sogenannten Kriwitschen {K^ißrixavol)^ Lutschanen {Atv 
^avrTot) und die anderen Slawen, fällen auf ihren Bergen die 
Baumstämme {(.lovd'e^vXa) während der Winterzeit, hauen die- 
selben zu und führen sie im Frühjahr, sobald das Eis 
geschmolzen ist, in die nächsten Sumpfseen ab. Haben sie 
dieselben in den Dnjepr gebracht, so begeben sie sich selber 
auf den Fluss und segeln nach Kijew. Da schleppen sie die 
Boote zum Werft und verkaufen sie den Bussen. Die Bussen 
aber kaufen die Bümpfe und nur diese; mit den Budem, 
Ruderbänken und dem anderen Zubehör ihrer alten Boote 
werden die Kähne ausgerüstet. Im Monat Juni setzen sie sich 
auf dem Dnjepr in Bewegung und fahren bis Wytitschew 
{BtreT^^ßrj) , einer unter den Bussen stehenden Burg*). Da 



1) In der holländischen Zeitschrift Mneraosyne, Bibliotheca philolo- 
gica batava, Nova series IV, 4, p. 378—382 hat Prof. C. G. Cobet 
eine neue und in mehreren Punkten höchst wichtige Vergleichung dieser 
Stelle nach der Haupthandschrift, einem Pergamentcodex aus dem 12. 
Jahrhundert in der Nationalbibliothek zu Paris (Nr. 2009, 4°), mitge- 
theilt. Eine ebenda befindliche Papierhandschrift aus dem 15. Jahr- 
hundert (Nr. 2967, fol.) ist nach Cobet eine blosse Abschrift der 
ersteren; einige Lesarten derselben sind mir privatim mitgetheilt. 

^) Noch jetzt ein Dorf 50 Werst unterhalb Kijew am rechten Strom- 
^fer. Stuckenberg a. a. 0., S. 229. 



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versammeln sie sich im Laufe von zwei bis drei Tagen; wena 
aber alle Boote versammelt sind, brechen sie auf und gehen 
den Dnjepr abwärts. — Und zuerst kommen sie an das erste 
Felsen wehr, Essupi genannt, was russisch und slawisch „schlaf 
nicht*' bedeutet {e!g top tiqwtov (pQayfxov tqv inopo/ua^Ofterov 
^EaGOvntjy eQf4tjyeveTat QwaiaTi xcü axXaßiPiGji f,i^ xoi/Luujni 
[sie]). Es ist zwar dieses Wehr so schmal, dass es nur die 
Breite des Tzykanisterion hat ^) ; doch sind mitten in demselben 
schroffe, hohe Felsen, welche wie Inseln erscheinen. Wenn 
nun das Wasser an sie kommt, so schwillt es an und stürzt 
sich von ihnen in die Tiefe mit grossem und furchtbarem 
Geräusch. Daher wagen auch die Russen nicht, hier mitten 
durch sie hindurchzugehen, sondern legen in der Nähe an, 
setzen die Menschen aus, lassen aber das übrige, die Sachen, 
in den Booten. So gehen sie nun nackt ins Wasser, wo sie 
mit den Füssen tappen, um nicht an irgend einen Stein za 
stossen, während einige das Vordertheil, andere die Mitte 
und wieder andere das Hintertheil der Boote mit Stangen 
fortbewegen. Und so passiren sie mit möglichster Sorgfalt 
dieses erste Wehr in dem Winkel desselben und am Ufer des 
Flusses. — Wenn sie aber über dieses Wehr weg sind, so 
nehmen sie die übrigen vom Lande wieder auf und schiffen 
weiter dem zweiten Wehr zu, russisch Ulworsij slawisch Östron 
wuniprach genannt, was „ Wehrinsel " bedeutet (xar^^/oyTai *lc 
roy i'iiQOy (f>QayfA.oy rby intXeyoineyoy Q(Ooi<nl f.iiy OvXßogolj 
nxXaßiyiarl di ^OaTQoßowinQa/^y ontQ (Qjutjyeverai to yfjaioy 
xov cpQayiiwv), Es ist aber auch dieses wie das erste gefähr- 
lich und schwer zu passiren^ und sie setzen wiederum die 
Mannschaft aus und bringen die Boote vorwärts wie vorhin. — 
Auf gleiche Weise gelangen sie über das dritte Felsenwehr, 
Namens Gelandri, was slawisch „Wehrhall" bedeutet {tovtqI- 
xov (pQayfxoy^ xhy Xtyoineyoy rtkayÖQlj o iQ/AtjyeveTat axkaßivioü 
riyog (fQuy^ov). — Darauf kommen sie zu dem vierten, zum 



^) Ein Grebäude in Constiuitinopel, in welchem die kaiserliche Familie 
zu Pferde Ball spielte {TCvxttyl^stv vom persischen ct^gan); die Maasse 
•des Gebäudes sind unbekannt. Vgl. Lehrberg a. a. 0., S. 345 f. 



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grossen Pelsenwehre, das russisch Aifor, slawisch Neasit ge- 
Baant wird, weil die Pelikane im Gestein des Wehres 
nisten {rhv xhaQXoy q^ayinoy^ rov fiiyav^ rov iniXfyo/iuyoy 
^(ooiarl ^iv ldH(poqr^), axXaßiytOTi di Neaa^r, dioxi (f(oXtvovaty 
öl neXexayot eig t« Xt&apia tov (fQay^ov). Bei diesem Pelsen- 
wehre legen alle Fahrzeuge mit dem Vordertheil an. Es 
treten auch die Männer heraus, die gewählt worden sind, hier 
die Wache zu halten, und begeben sich auf ihre Posten; sie 
versehen diese Wachen sehr aufmerksam, der Petschenegen 
wegen. Die übrigen aber nehmen die Sachen, die sie in den 
Booten haben, sowie die Sklaven gefesselt heraus und führen 
sie auf dem festen Lande eine Strecke von 6000 Schritten, 
bis sie an dem Wehre vorüber sind. Ebenso werden dann 
auch ihre Boote von ihnen theils fortgeschleppt, theils auf 
den Schultern getragen, bis sie auf die entgegengesetzte Seite 
des Wehres kommen. Dort lassen sie sie wieder ins Wasser, 
schaffen ihre Pelzwaren wieder an Bord und besteigen die 
Boote selbst. — Wenn sie nun an das fünfte Felsenwehr ge- 
langen, das russisch JBarw/bros, slawisch Widniprach genannt 
wird, weil es einen grossen Wirbel bildet {qwgktti /niy Bagov- 
(p 'go^j GxkaßiyioTi di BovXyrjnQct/^, dtort fAtyaktjv di'yrjy ^) unore^ 
Xh): so führen sie wiederum die Boote in den Winkeln des 
Flusses hinüber, wie bei dem ersten und zweiten Wehre. — 
Dann erreichen sie das sechste, welches russisch Leanti, sla- 
wisch aber Werutzi, d.i. „Wasserwallen", heisst {Xeyofuyoy i^iy 
QtaaiOTi yltavTi^ axXaßiyiau di Begovr^fj, o lait ßgaof^a yegov). — 
Auch dieses passiren sie ähnlich und schiffen von demselben zum 
siebenten Felsenwehre, das russisch Strukun, slawisch Naprezi 
genannt wird, was „kleines Wehr" bedeutet (gwaiari fiiy ^xQoi- 
aovy^)^ oxXaßiyiGTi di Nangel^tj ^ o eg/LifjyeveTai (LuxQog (pQay- 
piog). — Und sie gelangen zu der sogenannten Krarischen 



1) So die Handschriften; die Ausgaben haben der Reihe nach die 
sicherlich unrichtige Form UeitpctQ Aifar. 

8) ^iyT^v ist Conjectur für Xiiuyijy, 

s) So die Originalhandschrift; die jüngere Handschrift 2967 und die 
Ausgaben IxQovßow. 



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TJeherfahrt^ bei welcher die Chersoniten aus Bussland und die 
Petschenegen nach Cherson übersetzen- Es hat diese Ueber- 
fahrt die Breite des Hippodroms ^) ; und die Höhe , welche 
das Auge von unten her überblickt, ist so, dass der Pfeil dea 
Bogenschützen von da her sie gerade erreicht. Deswegen 
kommen auch die Petschenegen hierher und überfallen die 
Bussen ^). — Wenn sie aber an diesem Orte vorüber sind^ 
landen sie an der Insel, welche nach dem heiligen Gregor 
genannt wird ^) ; auf dieser Insel vollziehen sie auch ihre 
Opfer, weil dort eine sehr grosse Eiche steht. Und sie opferir 
lebendige Hähne. Sie pflanzen aber auch Pfeile ringsum,, 
andere Brot und Fleisch und was gerade jeder hat, wie das 
ihre Sitte mit sich bringt. Sie loosen wohl auch über die 
Hähne, ob sie sie schlachten und verzehren oder leben lassen 
sollen. — Von dieser Insel ab fürchten die Bussen die Pe- 
tschenegen nicht, bis sie an den Fluss Seiina *) gelangen. ^'^ 

Was uns in diesem Abschnitt vorzugsweise interessirt^ 
das sind die Namen von 7 Stromschnellen, welche Constantin 
uns mitgetheilt, und zwar in zwei Sprachen, slawisch {axlaßi- 



1) F. W. Unger, QueUen der byzantinischen Kunstgeschichte, 
S. 286 — 326. Nach Th. H. Martin in Märaoires present^s par divers- 
savants ä Tacademie des inscriptions et belies lettres, I® s^rie, T. IV 
(Paris 1854), p. 290 sq. war der Hippodrom 45 oqyvial = 270 Fuss- 
breit. Siehe auch Lehrberg a. a. 0., S. 379. 

2) Die Beschreibung passt auf das heutige Kitschkas, über dae 
Beauplan 1. c, p. 21 sagt: „Ces lieux sont fort esleuez, la riuiere y 
est entiere & n'est point embarass^e, & est fort estroite parüculierement 
au Midy . . . c'est la le plus grand & commode passage qu'ajent lea 
Tartares, tant qu'en ce lieu le canal ne peut pas auoir plus de 150 pas, 
que les riues y sont fort accessibles, et les pais decouuert, oü ils ne re- 
doutent point les embuscades." Vgl. Lehrberg a. a. 0., S. 333 f. 
878 f. 

3) Heute Chortiza; Beauplan 1. c, p. 22: „Cette Isle est fort con- 
siderable . . . eile a force chesnes & seroit vn fort beau lieu pour y faire 
habitation ... Au dessous de cette Isle la riuiere s'en va fort en es- 
largissant." Vgl. Lehrberg S. 334 f. 379 f. Chorticij ostrov' bei 
Nestor ed. Miklosich c. 86 unter dem Jahre 6611 = 1103. 

*) Die heutige Donaumündung Sulina. 



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yiGvl) und russisch {^woiavi). Die Erklärung dieser Namen 
iiat Philologen und Historiker seit länger als einem Jahr- 
hundert beschäftigt ^). Die slawischen Namen sind wirklich 
rein slawisch, und einige von ihnen stimmen vollständig mit 
^en heutigen russischen Namen, obwohl die Form, in der 
€onstantin sie uns überliefert hat, bisweilen von der bulgari- 
schen oder altslowenischen Mundart beeinflusst ist, die unter 
den verschiedenen slawischen Mundarten dem byzantinischen 
Hofe die geläufigste gewesen sein muss. Dagegen die 
andere Reihe von Namen, die, welche Constantin als russische 
gibt, sind von ihnen ganz verschieden und bilden eine für 
uns höchst interessante und für unseren Zweck wichtige 
Gruppe. Denn jeder, der die geringste Sprachkenntnis hat 
imd nicht im Vorurtheil befangen ist, muss zugeben, dass sie 
rein skandinawisch sind und mittelst keiner anderen Sprache 
erklärt werden können. 

Ich will eine Analyse dieser Namen zu geben versuchen. 

Zuerst, sagt der Schriftsteller, kommen die Reisenden an 
-die Stromschnelle Essupi ^ d. h, auf russisch und slawisch 
„schlaf nicht": wirklich kein sinnloser Name für die erste 
Stromschnelle, mit der die lange Reihe von Gefahren beginnt. 
Eins ist wunderbar, wenn wir diesen Namen mit den folgen- 
den vergleichen: der Autor gibt nur einen Namen als russisch 
und slawisch. Wenn wir bedenken, dass alle die anderen 
Stromschnellen doppelte Namen von ganz verschiedenem Aus- 
sehen haben, kann kein Zweifel sein, dass in dieser Stelle ein 
Fehler steckt, dass nemlich ein Name ausgefallen ist. Längst 



1) Bayer in Commentarii Academiae Scient. Im per. Petropoli- 
tanae, T. IX ad annum 1737 (1744), p. 392 sq. Strube, Dissertation 
snr les anciens Kusses, St. Petb. 1785. J. Thunmanns Untersuchungen 
über die Geschichte der östlichen europäischen Völker (Leipzig 1774), 
I, 386ff. Lehrberg a. a. 0., S.' 350 ff. K. Zeuss, Die Deutschen 
und die Nachbarstämme (München 1837), S. 556 ff. Kunik, Berufung 
u. s. w. II, 425 ff. P. A. Munch, Samlede Afhandlinger udgivne af 
G. Storm (Christiania 1874 [1849]) II, 189 sq. C.Eafn, Antiquites de 
rOrient (Copenhague 1856), pp. VII — VIII. Kunik in Doms Caspia 
<1875), p. 414 sq. 



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62 

ist man einig, dass der von Conätantin gegebene Name der 
slawische ist. Die slawische Uebersetzung der Wendung 
„schlaf nicht" ist ne s'pi; und diese Form erhalten wir 
wirklich durch eine ganz einfache Aenderung, indem wir an- 
nehmen, was längst vermuthet ist, Essupi sei verschrieben 
für Nessupi. Dass ein n im Anfang des Worts ausgefallen 
ist, erscheint um so wahrscheinlicher und verzeihlicher, weil 
das vorhergehende Wort des Textes auf n ausgeht. Welches 
der russische Name war, wissen wir nicht; aber da uns alle 
folgeüden Namen zu der Vermuthung berechtigen, dass er 
skandinawischen Ursprungs war, so muss er, wenn er anders 
dieselbe Form und Bedeutung hatte wie der slawische, etwa 
sof eigi oder sofattu (die altnordische uebersetzung dieses 
Ausdrucks) gelautet haben; vielleicht auch, mit der älteren 
Negation ne, ne soft, in welchem Falle sich die Auslassung 
des russischen Namens aus der Aehnlichkeit beider erklären 
Hesse. 

Die zweite Stromschnelle heisst russisch Ulworsi, slawisch 
Ostrowuniprach , „Wehrinsel*'. Dieser Name ist ganz klar. 
Die slawische Form ist das altslowenische ostrov'nyj prcug' ; 
ostrov'nyj ist Adjektiv von ostrov\ Insel, und prag\ russisch 
porög\ ist Stromschnelle. Constantins Uebersetzung „Wehr- 
insel'' ist nicht ganz korrekt; er musste übersetzen: „Insel- 
wehr". Der russische Name stimmt vollkommen zu dieser 
Deutung. Es ist offenbar das skandinawische Holm-fors, eine Zu- 
sammensetzung aus dem ganz gewöhnlichen skandinawischen 
Worte holm, altnordisch hölmr, ^) Holm, Insel, und fors^ dem 
skandinawischen Wort für Wasserfall, Stromschnelle. Zwischen 



1) Die griechische Form Ot)X- kann mit der Nebenform hulm zu- 
sammengestellt werden, die in einigen altschwedischen Urkunden vor- 
kommt und noch in mehreren schwedischen Mundarten sich findet (vgl. 
Rydqvist, Svenska spräkets lagar IV, 60 sqq. 71 sq.). Der Nasal m 
wurde wohl vor f minder deutlich ausgesprochen ; so finden wir auf 
einigen Runeninschriften aus Schweden für den Namen Sölm-fastr die 
Schreibung HÜLPASTR, z. B. in Dy beck Sverikes Runurkunder (1860 ff.)» 
Upland Nr. 18, 114, 140 u. a. (ebd. Nr. ^146 HÜLMNPASTR; ebd. 
Stockholmslän Nr. 173 HÜLMFASTR). 



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63 

der ersten Stromschnelle and der von Constantin an dritter 
Stelle genannten liegen in Wirklichkeit zwei: die eine von 
ihnen, jetzt Surskij genannt, ist nicht gerade bedeutend ; die 
andere dagegen, jetzt Lochanshij geheissen, ist eine von den 
allergeföhrlichsten. Da diese zwei Stromschnellen einander in 
geringer Entfernung folgen, so konnten beide wohl unter dem 
alten Namen „Insel wehr*' zusammengefasst werden. Was den 
Ursprung dieses Namens anlangt, so kann er entweder von 
drei felsigen Inseln gerade oberhalb der Z^cÄawsÄijschnelle ^), 
oder besser von einer etwa V* Meile langen, mit Eichen und 
anderen Bäumen bedeckten Insel hergenommen sein, die für 
die SwrsÄ^ijschnelle charakteristisch ist. ^) 

Die dritte Stromschnelle heisst nach Constantin Ge- 
landri, das bedeute slawisch „Wehrhall". Diese Stelle 
ist offenbar verdorben; denn sie gibt uns nicht blos nur 
einen Namen, sondern dieser Name ist auch der falschen 
Sprache zugewiesen. Denn Gelandri kann nur das altnordische 
?2Lxticif geUandi{oieYgjallandi)sein^ „der tönende, hallende" ^). 
Der Autor begeht hier also, wie bei dem vorigen Namen, in 
seiner Uebersetzung einen geringfügigen Fehler, insofern er 
Gelandri „Wehrhall" übersetzt statt „hallendes Wehr". 
Während in der Angabe über die erste Stromschnelle 
der russische Name fehlt, ist hier der slawische von 
dem Abschreiber ausgelassen^). Welcher es war, können 

1) Das ist die Ansicht Lehrbergs a. a. 0., S. 325. 356. 

8) Stuckenberg a. a. 0., S. 254. Vgl. Lehrberg a. a. 0., 
S. 324. 

8) Dieser Name erinnert an ähnliche in skandinawischen Grebieten, 
^QBjukandi, „der ranchende," ein Wasserfeill in Norwegen; Ihnfandi, 
„der stiebende", ein Wasserfall in Island ; Skjälfanda-fljöt, „der zitternde, 
Fluss" in Island; Rennandi^ „der rinnende", ein mythischer Fluss in 
der Edda (Grimnismäl 27) u. a. m. Gjallandi (und GelUr) kommt im 
Altnordischen als Beiname verschiedener Personen vor, die wegen ihrer 
ßtarken, durchdringenden Stimme so benannt werden; vgl. K. Rygh, 
Norske og islandske Tilnavne fra Oldtiden og Middelalderen (Trondhjem 
1871), p. 19. 

*) Nach Kunik a. a. 0. II, 430 mögen die ursprünglichen Worte 
gewesen sein : tov keyof^ievoy [güiGieri fiev] reXavdgl, axXnßiyidti [cf^ . . .], 
kqfjLYivsvBzat, u. S. W. 



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64 

wir natürlich nicht mit Sicherheit feststellen; aber aller Wahr- 
scheinlichkeit nach muss er dem heutigen russischen Namen 
«ben dieser Stromschnelle Swonez (Swonskij, Swoneekij), der 
genau dieselbe Bedeutung hat wie der uns überlieferte alt- 
russische Name, nemlich „der Bauschende", ähnlich gewesen 
sein. Hier soll wirklich das Wasser mit einem solchen Lärm 
und Gebrüll dahinfliessen, dass man es aus sehr weiter Ent- 
fernung hören kann ^). 

Wir kommen an die vierte Stromschnelle, „die grosse", 
die russisch Aifor^ slawisch Neasit heisst, weil, wie Constan- 
tin sagt, die Pelikane auf dem Gestein der Stromschnelle ihre 
Nester haben. Da meiner Meinung nach die Namen dieser 
Stromschnelle bisher völlig misverstanden sind, muss ich 
etwas länger dabei verweilen. Die Stromschnelle selber ist 
offenbar die, welche jetzt Nenasytezkij heisst, nach den Be- 
schreibungen die grösste und gefährlichste von allen *). 

Die slawische Bezeichnung Neasit ist klar genug , sofern 



1) „Hundert Faden unterhalb dieses Falles engt sich das Strom 
bett bis auf 300 Faden ein, und die rauschenden, an die Felsen an- 
prallenden Wogen verursachen ein solches Gebrause, dass es weit in die 
Ferne hallt. Vermuthlich rührt dj^her der Name des Swonetz d. h. des 
klingenden." Stuckenberg a.a.O., S. 254. Vgl. Lehrberg a.a.O., 
S. 327 und W. Szujew, Bescbieibung seiner Reise von St. Peters- 
burg nach Chersou (Dresden und Leipzig 1789) I, 181, wo es heisst: 
„Wir trafen den Szwonezkischen Wasserfall, der sich uns schon von 
weitem durch sein Bauschen ankündigte. . . . Um uns die langweilige 
Zeit zu verkürzen, verschaflPte der Szwonezkische Wasserfall mit dem 
unaufhörlichen, weit umher erschallenden Brausen seiner durch die EHppen 
sich durcharbeitenden Wogen unserem Gehör Unterhaltung und liess uns 
eine grosse Mannichfaltigkeit von Tönen vernehmen, die durch die bald 
mehr bald weniger gepresste Wasserströmung hervorgebracht wurden." 

2) Stuckenberg S. 254 beschreibt sie kurz so: „Durch eine eigene 
Verknüpfung von Widerständen und von Hindernissen, welche sich hier, 
durch [zwei] Inseln, durch die Richtungen und Biegungen des Fahr- 
wassers und durch andere Oertlichkeiten bedingt, dem Strome entgegen- 
stellen, entsteht der Nenassitez, den die Schiffer mit. Recht einen Back- 
ofen oder die Hölle nennen." Mehr Details bei Szujew a. a. 0. I, 
183 f., wo auch eine ziemlich verunglückte Abbildung dieser Strom- 
schnelle zu finden ist, und bei Lehr b er g a. a. 0., S. 327 ff. 



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65 

m deutlich = altslowenisch nejesyf, russisch nejdsyt' ist, was 
in der That Pelikan bedeuten kann; und dabei haben sich 
fast alle früheren Erklärer beruhigt, sie haben also mit Gon- 
stantin den Namen erklärt „Pelikan-Fall". Aber seltsamer- 
weise hat keiner, soviel ich weiss, eine Schwierigkeit bemerkt, 
die mir diese Erklärung äusserst zweifelhaft macht. Es ist 
die, dass der Name der Stromschnelle selber Neasit sein soll, 
also „Pelikan" und nicht „Pelikanfall." Wäre die Ent- 
stehung des Namens wirklich die, welche Gonstantin angibt, 
so müssten wir im Slawischen ein Derivatum von neasit er- 
warten, ähnlich wie der Name der zweiten Stromschnelle ein 
Derivatum von ostrov' ist, und gerade so wie man im Deut- 
schen die Zusammensetzung „Pelikan -Fall" bilden mfisste. 
Dagegen wird jeder anerkennen, dass die Annahme ungereimt 
ist, eine Stromschnelle selber sei aus dem angegebenen Grunde 
„Pelikan" genannt; oder mit anderen Worten, sie sei selbst 
als ein Individuum einer für sie charakteristischen Vogelgattung 
bezeichnet. Nur irgend eine auffallende Erscheinung an der 
Stromschnelle selber oder in ihrer Umgebung, die mit einer 
charakteristischen Eigenthfimlichkeit jenes Vogels Aehnlichkeit 
hätte, z. B. mit seinem Schnabel oder seiner Gefrässigkeit, 
konnte zu einer solchen Benennung Veranlassung geben. Also 
muss wohl in Gonstantins Angabe über den Namen dieses 
Stromschnelle ein Fehler stecken. Wir kommen nothwendig 
zu der Alternative: entweder die von ihm überlieferte Form 
ist nicht heil, oder die von ihm gegebene Erklärung ist un- 
richtig. Bedenken wir, wie ungenau und vage manche 
dieser Gonstantinischen Namenerklärungen sind, wogegen die 
Namen als solche leidlich correct sind, so hat ohne Zweifel das 
letztere die grösste Wahrscheinlichkeit für sich, zumal da es 
wenigstens heute in jenen Gegenden keine Pelikane gibt 
(vorausgesetzt, dass Gonstantin damit dieselben Vögel meint, 
die wir allgemein unter diesem Namen verstehen) und die- 
selben, wie mir ein Naturforscher versichert, überhaupt nicht 
80 nisten, wie man es aus Gonstantins Worten {tig xa U&a- 
Qta rov (pgayf^ov) folgern müsste. Dazu kommt noch, dass 
wir bei diesem Namen auch nicht, wie bei den anderen (mit 

Thomsen, Urspr. d. rnss. Staates. 5 



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66 

Ausnahme des fünften) eine einfache üebersetzung, sondernr 
hlos eine allgemeine etymologische Erklärung unter An- 
knüpfung an das slawische nejesyt' = Pelikan erhalten; ihrer 
ganzen Form nach, macht diese Erklärung eher den Eindruck 
einer blos subjectiven Aufstellung, sei es nun, dass sie von 
Constantin selber, cler oJPenbar etwas Slawisch verstand, oder 
von seinem Gewährsmanne herrührt. Ist dies der Fall, so 
verliert sie allen Werth; denn wo es sich, wie hier, nicht 
um eine einfache üebersetzung, sondern um Etymologie han- 
delt, da darf ein Mann aus dem zehnten Jahrhundert nicht 
als bessere Autorität uns gegenüber gelten und seine Worte 
nicht als b^laubigter Ausdruck des Gedankens, der den nr-^ 
sprünglichen nominum impositores vorschwebte. 

Aber das slawische nejesyt' bedeutet nicht blos Pelikan. 
Es ist gebildet von dem Adjectiv syf, satt *) , und seine ur- 
sprüngliche Bedeutung ist „Nimmersatt"; erst in zweiter 
Linie wird es gebraucht, um Geschöpfe, besonders Vögel, zu 
bezeichnen, die sich durch Gefrässigkeit auszeichnen, z. B. den 
Geier oder den Pelikan (Nimmersatt) *). Jener ursprüng- 
lichen Wortbedeutung gemäss mag also die Stromschnelle selber 
sehr wohl „Nimmersatt" genannt sein; und dass dies wirklich 
der Fall war, wird bestätigt durch den h^tigen Namen dieser 
Stromschnelle Nenasytejs oder Nenasytezkij, der, offenbar fast 
derselbe wie der alte slawische, nur „Nimmersatt" bedeuten 



1) Vgl. Fr. Miklosich, Vergleichende Grammatik der skiwischen 
Sprachen (Wien 1875) II, 374. 

2) Altslowenisch nejesyf, vultnr, pelecanus (Miklosich, Lexicon 
Palaeoslovenico - graeco - latinum , Vindobonae 1862 — 1865); russisch 
nejäsyf, Pelikan? eine Enlenart, ein fabelhafter, gefrässiger, unersätt- 
licher Vogel, ein nach Essen, Beichthum u. s. w. unersättlich gieriger 
Jifensch (Dal', Tolkovyj slovar' zivago velikoruskago jazyka II, Moskva 
1865); böhmisch nejesyt y Pelikan. Vgl. altslowenisch tiesi/*', pelecanus; 
russisch nest^', Nimmersatt, unersättlicher Mensch oderThier; serbisch nesit, 
Nimmersatt, insatiabilis (Wuk Steph. Karadschitsch, Lexicon Ser- 
bico - germanico - latinum, Vindobonae 1852); böhmisch nesyty Nimmer- 
satt, Pelikan. 



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67 

kann ^). Dies ist wirklich ein ganz passender Name für eine 
so starke und heftige Stromschnelle nnd viel bezeichnender 
als der zarte Ausdruck „Pelikanfall"*). Weiter aber glaube 
ich, dass sie nicht allgemeinhin wegen ihrer Heftigkeit und 
„Gefrässigkeit" so genannt wurde; denn es li^ eine charak- 
teristische Eigenthümlichkeit eben dieser Stromschnelle im 
Vergleich mit den übrigen vor, weshalb sie ganz besonders 
den Namen „Nimmersatt" verdienen mochte. Sie allein wird 
im Frühling (S. 56) vom Wasser nicht bedeckt; und so gros« 
auch die Wassermengen sein mögen, die berabkommen, so 
bleibt sie doch, und sie allein, ein beständiges Hindernis der 
Schifffahrt ^). Nach Constantins Beschreibung war diese 
Stromschnelle auch die einzige, durch welche die Russen ihre 
leeren Boote nicht ziehen konnten, sondern welche sie zu 
Lande umgehen mussten. Sie gleicht also einer bodenlos^i 
Grube, die nie voll wird ; und aus diesem Gesichtspunkt konnte 
kein Name treffender sein als „NeasW oder Nenasytez, Nim- 
mersatt. 

Erst nachdem wir die wahre Bedeutung des slawischen 
Namens, wie mir dtinkt, festgestellt haben, werden wir den 
Ursprung und die Bedeutung des russischen Namens Aifcr 



1) Altslowenisch wewaS2/i', Hunger; russisch n^wasi/*', Nimmersatt; ser- 
bisch nendsit, Nimmersatt, insatiabilis ; polnisch nienasyciec desgl.; 
böhmisch nenasyt^ desgl. Ich füge hinzu, dass unter den früheren Er- 
klärern nur Lehrberg (a. a. 0., S. 364) diese Bedeutung auch des alten 
Namens vertheidigt. Uebrigens kann ich die Vermuthung nicht zurück- 
halten, dass die Stromschnelle ursprünglich, wie heute, wirklich Nenasyt' 
hiess, und dass die Form Neasit bei Constfintin statt Nenasit Ney^an^ 
durch Misverstand eingedrungen ist, um dann der unglücklichen Er- 
klärung mit den Pelikanen als Unterlage zu dienen. 

2) Vgl. z. B. altnordisch svelgr, 1) Wirbel, Strudel, Strömung, auch 
als Eigenname, 2) ein Schlinger, Verschwender, vom Verbum svelgja schlin- 
gen; oder sarpr, Kropf eines Vogels, dann ein berühmter Wasserffill in 
Norwegen. 

3) „AuPrintemps lors que les nciiges fondent, toijis les Pofouys soi?it 
cottuerts d'eau excepte le septieme qui s'apelle Nienastites, et qui seol 
empesche la nauigation en cette saison." Beauplan L c, p. 20 (vgl, 
Lehrberg a. a. 0., S. 321 A.). 

5* 



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68 

ausmachen können, von dem bisher keine befriedigende Deu- 
tung vorgetragen ist. Mit Rücksicht auf die Pelikantheorie 
haben die Erklärer Aifor (oder, wie man bisher las, Aifar) 
meist mit dem holländischen ooievaar, altniederdeutsch öde- 
baro, friesisch adebar, Storch, zusammengebracht und ange- 
nommen, dass die Skandinawen, welchen Pelikane aus ihrer 
Heimat unbekannt waren, sie mit Störchen verwechselt 
hätten *). Allein ein holländischer Gelehrter, Professor de 
Vries *), hat deutlich gezeigt, dass diese Deutung naturgeschicht- 
lich unzulässig ist, da der Storch in denjenigen Gegenden Skandi- 
nawiens, aus denen die Einwanderung nach Bussland vor sich 
gegangen sein muss, ebenso unbekannt ist wie der Pelikan: 
öie ist philologisch ebenso unzulässig; denn das fragliche Wort 
ist nur niederdeutsch, existirt in keiner skandinawischen Mund- 
art und verliert, wenn wir es auf die Sprache des zehnten 
Jahrhunderts zurückführen, alle Aehnlichkeit mit Aifor: end- 
lich ist sie logisch unzulässig; denn es ist und bleibt unge- 
reimt, eine Stromschnelle „Storch ^^ oder ähnlich genannt sein 
zu lassen, weil Pelikane in ihrer Nachbarschaft leben *). Ist 
die von mir gegebene Deutung des slawischen Namens Neasit 
richtig, so muss man das russische Aifor in üebereinstimmung 
damit deuten können, und das geht auf die einfachste und natür- 
lichste Weise. Meiner Ansicht nach entspricht Aifor einem alt- 
nordischen Eiforr {Eyforr oder JEforr), immerstürzend, iramer- 
reissend (perpetuo praeceps), von ei- (oder ey-, ^-), immer, 



1) Vgl. Kunik, Die Bcrufang der schwedischen Rodsen II, 431 ff. 
und in Doms Caspia S. 415. Grot, Filologißeskija razyskanija, 2. izd. 
(1876) I, 422 sqq. 

2) Verslagen en Mededelingen der koninklijke Akademie van Weten- 
schappen, Afdeeling Letterkunde, 2de Eeeks, Deel V (Amsterdam 1875). 

») Professor de Vries' Versuch, diesen Namen zu erklären, ist 
keineswegs glücklicher. Er lässt JEl^JP aus JEI^JP, IHfar (d. i. 
*Dyfan) verschriehen sein und vergleicht das englische diver, Taueber 
(die Vogelart). Allein dyfari ist ein angenommenes Wort, das ebenso 
wenig skandiuawisch ist als ooievaar; überhaupt muss nach obiger 
Beweisführung alles Suchen auf diesem Wege vergeblich erscheinen. 



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69 

und forr, eilig, ungestüm ^); im Altschwedischen des 10. Jahr- 
hunderts würde die Form wahrscheinlich Aiforr lauten ^, 
Ich meine, diese Deutung befriedigt in jeder Hinsicht. Das 
russische Aifor drückt affirmativ („immerstürzend") dasselbe 
aus') wie das slawische Neasit („Nimmersatt*') negativ, und 
die vorgeschlagenen Deutungen stützen sich gegenseitig; der 
Name passt femer genau zur Natur der Oertlichkeit und fugt 
sich natürlich und ungezwungen in die Sprache ein, zu der 
alle anderen russischen Namen unbestreitbar gehören. 

Der Name der fünften Stromschnelle ist russisch Baru- 
foros, slawisch Wulniprach; sie soll so genannt sein, weil 
sie einen grossen Strudel bildet. Dieser Name ist vrieder 
einer der allerklarsten; er bedeutet in beiden Sprachen „Wogen- 
fell" oder „WirbeUall". Die slawische Form Wulniprach 
ist = altslowenisch VFnnyj präg*; das Wort prag\ Strom- 
schnelle, kennen wir schon, und vVn'nyj ist Adjectiv von vVnay 
russisch volnd, Woge, wie in dem Namen der zweiten Strom- 
schnelle ostrov'nyj, Adjectiv von ostrov\ Insel, war. Diese 
Stromschnelle heisst thatsächlich noch Wolnyj oder Wöl- 
ninskij*). Das russische Baruforos aber ist = altnordisch 
Bdru'fors, ein Compositum von hdra (Genetiv häru\ Woge, 
und fors, Wasserfall, woraus der griechische Schriftsteller das 
häufige griechische Wort -^©(»c, -phoros^ gemacht hat. 

1) Dies Adjectiv, im Norwegischen noch in der Form for gebrauche 
lieh (s. Aasen, Norsk Ordbog [Christiania 1873], p. 177), liegt wabr- 
«eheinlich dem Worte fors, WasserfaU, zn Grunde oder kommt mindestens 
von derselben Wurzel. 

^) Der alte Diphthong ai, altnordisch ei, scheint in Schweden 
lange seine ursprüngliche Form ai bewahrt zn haben nnd findet sich so 
äusserst oft auf Baneninschriften (Eydqvist, Svenska Sprakets Lagar 
[Stockholm 1868] IV, 138 sqq.). Das fragliche Präfix ai findet sich z. B. 
in AILIPR (Liljegren, Run-Ürkunder [Stockholm 1833], Nr. 186. 187. 
704), AIPIKB (ebd. 489), AIRIKR (ebd. 458. 601. 605 u. 5.). 

') Nach der LA. Äifar habe ich den Namen früher vom altnordi- 
schen Ei fori, immerfahrend (perpetno mens), nnter Heranziehung des 
altiordischen dynfari oder gnyfari (cnm strepitn mens, dichterische 
Namen des Windes) zu erklären versncht; die obige Erklärang verdient 
aber in jeder Hinsicht den Vorzog. 

*) Lehrberg a. a. 0., S. 329. 



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70 

Die folgende, sechste Stromschnelle soll russisch Leanti, 
slawisch WertUisij d. i. „Wallen des Wassers", heissen. Die 
wörtliche Uebersetzung wäre „der wallende oder sprudelnde" 
gewesen. Werutei ist = altslowenisch v'rastij^)^ Parti* 
cip von vreti^ wallen, sprudeln, auch quellen, hervorspringen. 
Der russische Name Leanti ist offenbar ein skandinawisches 
Particip wie Gdandri, Gdlandi; zur Vergleichung bietet 
sich ungesucht altnordisch hlcejandi (altschwedisch leiande 
oder leande), lachend. Die Bezeichnung einer Stromschnelle 
als „lachend'^ ist an sich nicht unsinnig; auch deutschen 
Lesern wird „Lachend -Wasser", Minnehaha in Longfellows 
Hiawatha einfallen. Der Bedeutung des altnordischen Yerbs 
hkejaj lachen, gemäss mag diese Stromschnelle so genannt 
seintheils von ihrem rieselnden oder murmelnden Tone, theils von 
dem Glitzern oder Funkeln des Schaumes. In beiden Fällen 
entspricht dieser Name dem slawischen sehr wohl *). Ich füge 
hinzu, dass diese Stromschnelle meiner Meinung nach die 
heutige TawolshansWsche ist*). Der Dnjepr ist hier über 
zehn Minuten breit und voller Steine, ein Umstand, der ge- 
wiss diese Stromschnelle eigenthümlich wallen und schäumen 
macht, obwohl sie nicht besonders gefährlich ist. 

Schliesslich die siebente und letzte Stromschnelle soll 
russisch Struhun (s. S. 59 Note 3), slawisch Naprejsi d. i „ kleine 
Stromschnelle" heissen; zwei Namen, deren Erklärung grosse 
Schwierigkeiten bereitet. Für den slawischen Namen Naprezi 
erscheint keine der vorgeschlagenen Hypothesen zulässig. 
Meiner Ansicht nach hängt er vielmehr mit dem attslowenischen 
Adjectiv ferV, schnei, oder einer Ableituftg davon zusammen, 
wie einige solche in verschiedenen slawischen Mundarten mit 
der Bedeutung „kleine Stromschnelle" vorkommen; so alt- 
^owenisch hr'zina oder br^iajj ein Fluss, Strom, fluentum, 
Wzeja, syrtis, bulgarisch Wzij, Stromschnelle, serbisch Inka 
oder hrzak, Stelle in einem Bach, wo das Wasser rasch über 



1) Vgl. serb. vfuc, fervidÄS; die neürass. Form würde HruliS »wn- 
*) Oder ist Leanti ein Fehler för Velanti := »Itn. veUandi, der waltende ? 
3) Derselben Meinung ist Lehrberg, S. 370 flf.; aber von gana 
anderem Gesichtspunkt aus, den ich nicht anerkoonen kann. 



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71 

Kiesel riant ^). Fraglich ist nur, wie das rorgesetzte «a- 
■(offenbar die slawische Präposition na, an) zu erklären ist ^). 
Falls --pressi das slawische Adjectiv Wzyj selber irt, könnte 
man etwa an eine Zusammensetzung nabr'zyj 5^ der recht 
schnelle ^^ denken; aber als Eigenname würde dies doch 
gezwungen sein. Gleichwohl habe ich mehr Bedenken, ob 
«ine solche Zusammensetzung mit na am Platze sein würde, 
falls maji in -prezi ein slawisches Substantiv mit der Bedeu- 
tung „Stromschnelle" sieht, wozu man sicherlich versucht ist; 
doch kann ich die Möglichkeit nicht in Abrede stellen. Wie 
nun dies na- auch zu erklären ist (und man kann leicht noch 
eine Menge Yermuthungen aufstellen), so wird man doch 
jedenfalls erkennen, dass wir auf diesem Wege der Constan- 
tinischen Üeberset2ung „kleine Stromschnelle" sehr nahe 
kommen. Wir müssen ebenfaUs annehmen, dass der russische 
Name Strukun einen gleichen Sinn hat; und den Schlüssel 
dazu finden wir unschwer im Nordischen. In der norwegischen 
Volkssprache finden sich die Worte strok (neutr.) und stryib 
{masc.), „Strömung in einem fliessenden Wasser, eine Ver- 
engung mit stärkerem Strom" *); in schwedischen Dialekten *) 
findet sich das entsprechende Wort mit derselben Bedeutung 
in verschiedenen Formen, wie sträk und struk (neutr.), da- 
neben auch ein Femininum strukJc, „kleinerer Wasserfall, den 
man hinaufrudern kann ". Ich zweifle nicht, dass in Strukun 
eben diese schwedische Wertform struk vorliegt, wiewohl ich 
von der Endung -un keine in jeder Hinsicht sichere und be- 
friedigende Erklärung geben kann ^). So stimmt auch dieser 



1) Aehnliche Namen bei Miklosich, Slawische Ortsnamen aus 
Appellativen, in den Denkschriften der Kais. Akademie zu Wien XXIII, 

,149, Nr. 40. 

2) Vgl. Miklosich, Vgl. Gr. d. slaw» Spr. II, 358 t 405 f.; m, 
213 f. Ders. , Die nominale Zusammensetzung im Serbischen (Denkschr. 
d. phiL-hist. Classe d. Akad. zu Wien, XlII), S.21. 

8) I. Aasen, Norsk Ordbog (Christiania 1873), p. 761. 762. 

4) Rietz, Ordbok öfver Svenska AUmogespraket (Lund 1867), 
p. 685. 

5) Sollte STQovxovy etwa einer Form Strukwnd entsprechen, mit der 
in Ortsnamen nicht seltenen Endung -tmd (vgl. z. B. S. Bugge, 



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72 

Name fast genau zu Constantins üebersetzung „kleiner Wasser- 
fall ^^ sowie gleichMls zu der Beschaffenheit der Stromschnelle 
selber. Es ist nemlich offenbar die heutige Lischnische : hier 
ist der Fluss, in welchem eine grosse Insel liegt, enger, aber 
ebendeswegen reissender; und da diese Stromschnelle der 
Schiffahrt keine weitere Gefahr oder Hindernis bietet, mag sie 
sehr wohl „kleine Stromschnelle^' heissen. 

Dies sind die sprachlich und sachlich so wichtigen, von Con- 
stantin Porphyrogennetos uns überlieferten Namen der Dnjepr- 
Stromschnellen, denen sich wahrscheinlich auch der andere 
Name für Kijew (S. 57), Sambatas {lafißarag), anschliesst. Ob- 
wohl Gonstantin es nicht ausdröcklich sagt, so kann doch kein 
Zweifel sein, dass dies offenbar nicht-slawische Wort der „ rus- 
sische" Name der Stadt ist Bisher ist freilich keine befriedigende 
Deutung desselben vorgeschlagen, und auch ich kann ihn 
nicht mit Sicherheit erklären. Indes wage ich mit der An- 
nahme hervorzutreten, dass es das altnoi'dische Sandbakki^ 
Sandbank, oder Sandbakka-dss, Sandbank-Höhe, sein mag. Ich 
glaube, diese Deutung passt zu dem Charakter der Oertlich- 
keit; doch muss ich die Entscheidung dieser Frage andern 
überlassen ^). 



Tolkning afRuneindskriften pä Rokstenen [Antiqvar. Tidskr. för Sverige 
VJ, p.öSsq,; Rydqvist, Svenska sprSketa lagar V, 30; II, 625)? Doch 
kenne ich kein Beispiel för diese Endang im Namen von Gewässern. Oder 
ist -wn die altnordische Endung des dativ. plur. -wm? Im letzteren 
Falle mösste man annehmen, dass der Dativ Strukum ursprünglich von 
einer Präposition z. B. cU, an, zu, abhing und dann als Name der 
Stromschnelle aufgefasst wurde. — An den nordischen postpositiven Artikel 
kann man nicht denken, da er selten oder nie in älteren Eigennamen 
vorkommt. 

1) Gedeonow erklärt den Namen Sambattis aus dem ungarischen 
szombat, das er „ Festung '^ übersetzt, und gebraucht diese Deutung al& 
Stütze seiner phantastischen Annahme, Askold und Dir wären Ungarn! 
Jedoch ungarisch szambat ist niöhts als „Sonnabend", aus slawisch 
sabota, Sabbath. Gedeonow seheint durch das häufige Vorkommen 
dieses Wortes in Namen ungarischer Städte und Ortschaften verleitet zu 
sein ; aber auch die Namen der anderen Wochentage werden so gebraucht 
(Markttage der betr. Orte?). So soll das Wort azombat in vierzehn un- 
garischen und fünf siebenbürgischen Ortsnamen , szerda (Mittwoch) in 



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73 

Man sieht, die sogenannten russischen Namen sind in 
Wirklicheit rein altnordisch oder altschwedisch und bilden 
sicherlich einen der schlagendsten Gründe für die skandina- 
vische Abstammung der Bussen. Selbst die Anhänger der 
verschiedenen anti-normannistischen Theorieen haben diesen 
Grund kaum zu bekämpfen gew{^, sondern jene Namen bei 
Seite gelassen oder sich mit vagen Andeutungen und lockeren 
Behauptungen der unwissenschaftlichsten Art zufrieden ge- 
geben ^). 

Allein noch eine andere Gruppe sprachlicher Denkmäler 
der Bussen ist auf uns gekommen, aus denen wir vielleicht 
noch deutlicher als aus den Namen jener Stromsdinellen skan- 
dinawische Sprache vernehmen: ich meine die Personennamen, 
die sich auf den ersten Blättern russischer Geschichte finden ^). 
Diese Namen geben uns nicht nur einen sehr schlagenden 
Beweis för die skandinawische Abstammung der Bussen, son- 
dern ihre genaue Prüfung wird uns sogar höchst bemerkens- 
werthe Aufschlüsse über Einzelheiten dieser Frage gewähren» 

Es finden sich zusammen etwa neunzig Namen, welche 
mehr oder weniger ihre skandinawische Abstammung ver- 
rathen. Unter diesen stehen in erster Linie die Namen der 



neunzehn uogarischen und sechs siebenbürgischen, pentek (Freitag) in 
sieben ungarischen und vier siebenbürgischen Namen vorkommen u. s. w. 
Die Wochentage aber sind unter den Ungarn eine christliche Einrichtung; 
folglich sind auch ihre Namen jünger als Sanibatas, Vgl. C. W. Smith, 
Nestorß Russiske Krönike (Kjöbenhavn 1869), p. 352. Hunfalvy, in 
Nyelvtudomänyi Közlem^nyek VI (Pest 1867), 216 sq. Roesler, Roma- 
nische Studien (Leipzig 1871), S. 134. 

1) Vgl. Kunik in Doms Caspia, S. 414 f. 

^) Vollständige alphabetische Listef im Anhang. — Frühere Litera- 
tur: Bayer, Oommentarii Acad. Sdent. Imp. Peteop. IV (ad a. 1729) 
(St Petersburg 1735), p. 281—291 (vgl. Schlözer, Nestor IV [Göttin- 
g€n 1805], p. 51—55). Kunik, Berufung u. s. w. II (St. Petersburg 
1845), S. 107—194. P. A. Munch, Samlede Afhandlinger udgivne af G. 
Storm n (Christiania 1874 [1849]), p. 191. 264—256, und in Chronica 
Nestoris ed. Fr. Miklosich (Vindobonae 1860), p. 188—198. K. Gia- 
lason in Nestors Russiske Krönike oversat af C. W. Smith (Kjöben- 
havn 1869), p. 321—326. 



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74 

Olieder der russischen Herrscherfamilie aus den ersten zwei 
oder drei Generationen: RjuriJc^ = altnordisch Hroerekr; Sp- 
neus^ =ss Signiutr; Trw)or^ 3= I^orvardr; Okg^ [OVg'] = 
Helgi; OVga = Helga; Igor' [Ingor, Inger] =» Ingvarr; 
Malfrid' « Malmfridr {Oskold' = Höskuldr; Dir' ±1= D^). 
Oegen die Mitte des zehnten Jahrhunderts werden sie von 
slawischen Namen verdrängt, und nach dieser Zeit sind in 
•der Herrscherfamilie nur noch ein paar ^andinawische Namen 
als Erhstücke von den Ahnen gebräuchlich (z. B. Bjimk\ 
Igor', OUg\ OVga). 

Aber ausser diesen fürstlichen Personen haben fast alle 
Bussen aus hohem oder niederen Stande, die im Laufe des 
erst^ Jahrhunderts des russischen Staates in den Chroniken 
erwähnt watien, rein skandinawische Namen. Sehr wenige 
davon gehen über das Jahr 1000 hinab. Die rcidwten Fund- 
gruben sind die beiden Verträge zwischen Bussen und Orto- 
chen von 911 und 944 ^). Beide beginnen mit den Wortes: 
„Wir von russischer Geburt", und dann folgt eine Liste der 
russischen Bevollmächtigten. Im ersten Verbrage werden ftinf- 
zehn G-esandte aufgezählt; im zweiten wahrscheinlich f9nf- 
undzwansig Gesandte (Vertreter fürstlicher Familienmitglieder 
oder anderer hoher Personen) und fünfundzwanzig Kaufleute. 
Im Vortrage von 911 finden sich keine slawischen Namen, in 
dem von 944 nur drei, die sämmtlich zu der Gruppe der 
fürstlichen Personen oder Adeligen gehören: nemlich Swä- 
toslaWy Igors Sohn, Wladislaw und eine Frau Vred" 



1) Bezweifelt einer die Echtheit dieser Verträge, so antworte ich ihm 
mit den Worten eines ausgezeichneten Slawisten, Fr. Miklosich, in 
«einer Ausgabe der Chronica Nestoris (Yindobonae 1860), p. ix sq- 
„De foederibns fsictis cum Graecis confitemor, nos non intelMgere, ^0- 
modo haec foedera, pancissimis exceptis continentia nonnisi nomina Sean- 
dica, fingi potuerint post Nestoris aetatem, Bossis tarn brevi temp(»:e 
oblitis haec nomina. Affirmanti vero, fiota esse aut a Nestore aut sal- 
tem aetate Nestoris, respondebimns, fiotionnm aetatem in Eosaia longe 
esse recentiorem saeculo dnodecimo. Addemns, foedera haec, si 
£cta sint, ficta esse lingua graeca." 



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76 

slawa ^). Dagegen sind etwa sechzig Namen aus den Ver- 
trägen nnd (ausser d«n f&rstlicben Nam^) etwa z^n anders- 
woher bekannte unbestreitbar rein skandinawisch, ausserd^n 
einige alter Wahrscheinlichkeit nach desgleichen (z. B. Äktevu^ 
Istr\ Kleh\ Kuci, Mtäur^, Sfan^da, VuzleV); andere sind offen- 
bar so verdorben überliefert, dass ihre Abstamnmng schwerlich 
mit Sicherheit anzugeben ist (so Äpubksar\ JcUvjeuf', Kam- 
car', Libi, Sinico Borie\ Tuen, Voisf Vaikov'). 

Es wäre unbegreifiich, wie nicht ^skandinawisdie Leute, 
zumal in diesen Zeiten, rein skandinawische Namen getragen 
hätten ; und da die Träger dieser Namen ausdrücklich in den 
Verträgen erklären, sie seien „von russischer Geburt" (of 
roda rus'skajy so ist hiermit unbestreitbar ein sehr schlagen- 
der Beweis dafür gegeben, dass die Bussen wirklich Skandi- 
üaweii waren. Die Oegner haben dies Zeugnis nicht er- 
schüttern können und werden bis zum Ende der Tage alle 
Hoffnung darauf aufgeben müssen. 

Allein wir können noch einen Schritt weiter gehen. Man 
mu3s bedenken, dass neben einer grossen Menge Namen, die 
in sJter Zeit fest gleichmäss^ über alle skandinawischen Gegen- 
den verbreitet waren, andere stehen, die nur in engen Grenzen 
gebräuchlich waren; und aus solchen Namen können wir oft, 
mit mehr oder weniger Gewissheit, einen Schluss über das 
Land, bisweilen gar über den Landestheil ziehen^ woher die be- 
treffende Person stammte« Bei den früheren Besprechungen 
der skändinawisch- russischen Namen sind meist nur solche 
Namen in Betracht gezogen, wie sie die altnordisehe Schrift- 
literatur bietet, die hauptsächlich Island und Norwegen be- 
fasst. Indes können einzelne der russischen Namen blos 
daraus durchaus nicht erklärt oder belegt werden und sind 
^eh ihrer Bildung nach deutlich skandinawisch. Von allen 
n'ördliehen Ländern ist Schweden das einzige, auf das alle 



1) Unter den ausserhalb der Verträge vorkommenden Namen, die 
man für skandinawisch gehalten hat, ist Blud' rein slawisch, 0111' ur- 
Bprönglich bulgarisch (Kunik in Doms Caspia, S. 402); I^uf kaim 
flkaadlHawlsch, kann slawisch sein. 



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76 

Fingerzeige gehen als auf das Hauptcentrum der Beziehungen 
zwischen Skandinawien und Bussland; und ich denke aller- 
dings, wir werfen neues Licht auf die russischen Namen, wenn 
wir, anstatt uns auf die Sagaliteratur zu beschränken, diejeni» 
gen Namen als Grundlage benutzen, welche in den zahlreichen 
schwedischen Buneninschriften und Urkunden aus dem Mittel* 
alter vorkommen. 

Gehen wir so vor, so finden wir unter den russischen 
Namen eine grosse Menge, welche Schweden gleichmässig mit 
den andern skandinawischen Ländern theilt. Solche Namen 
sind AduW (Audulfr), ÄdMn' (Audunn), Akun' (Häkun, Häkon^ 
Aldan' (Halfdanr), Alvard^ (Hallvardr), Amun^d' (Amundi 
oder Hämundr oder Eymundr), Asmud^ (Äsmundr), Bem^ 
(Bjöni), Budy (Böndi), Dir' (D^ri), Emig' (Hemingr), JVe- 
laf (Fridleifr, Frilleifr), Frudi (Frödi), Fur'sün' (Dorsteinn), 
Grim' (Grfmr), Gunar' (Gunnarr), MgePd^ (Ingjaldr), Ivor' 
(ivarr), KarV (Karl), Karly (Karli), Kary (Käri), KoV 
(Kollr), Oreh\ UleV (O'leifr, O'Iafr), OVg\ Oleg' (Helgi), 
OVga (Helga), Rog^volocT (Eagnvaldr, B^nvaldr), BualcP 
(Hröaldr), Ruar' (Hröarr), Bulav' (Hr<}dleifr, HroUeifr), Bju- 
rik\ BuriK (Hroerekr), SfvrK (Sverkir), Stir' (Styn), SveW 
(Sveinn), Truan' (Dr<5ndr, Di-ändr), Tur'bem' (torbjörn), 
Turd^ (Pördr), Tury (Pörir), ül'V (?) (ülfr), Udin' (?) 
(Eysteinn). Aber neben diesen stehen einige Namen, die 
offenbar ausschliesslich Schweden (ein paar ebenfalls Dänemark) 
angehören oder jedenfalls in Schweden besonders häufig sind. 
Zu dieser Gruppe gehören Ar'fasf (Amfastr), Bruf^ (Brüni), 
Farhr (Farulfr), Fosf (Fasti), Frästen' (Freysteinn), ffomo? 
(Gamall), Gudy (Gödi oder Gudi), Gunastr' (Gunnfiastr), 
Igor' (Ingvarr), Ingivlad' (IngivaJdr), Kam' (Kami), Mony 
(Manni), Ol'ma (Holmi?), ÄtcA'dern' (Sigbjöm), Sineus' (Sg- 
niutr), SliMly (Slödi), Siud'h\ Studek (Stoedingr), Svinald 
(Sveinaldr), Tuky (Töki, Tüki), Tulb' (Polfr), Vujefase [oder 
Bujefast'] (V^fastr? [oder Böfastr?]): vergleiche auch SibricP 
= altschwedisch Sigfridr, Tur'lrid' = altschwedisch porfridr, 
{Sfirk' = altschwedisch Sverkir), wo die norwegisch-isländi- 
schen Formen Sigrödr, Porrödr, (Sörkvir) lauten. Andererseits 



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77 

rsind unter den russischen Namen äusserst wenige, för die ich 
in schwedischen Urkunden keinen Beleg aufgefunden hätte, 
während sie sonst aus Skandinawien bekannt wären; so Os^ 
'' iolcC (Höskuldr), Ver'mucP (Vermundr) und die Frauennamen 
Bogned' (Rt^heidr) und Malfri^ (Malmfridr). Aber wenn 
wir bedenken, wie karg die historischen Urkunden Schwedens 
im Vergleich mit Norwegen und Island sind, so erhält gewiss 
die Annahme Berechtigung, dass es reiner Zufall ist, wenn 
kein Beleg für diese Namen auf uns gekommen ist. 

Und noch einen Schritt weiter können wir gehen. Die 
Namen zeigen nicht blos zu Schweden im allgemeinen eine 
nahe Beziehung, sondern sie weisen speciell auf bestimmte 
Theile Schwedens, nemlich auf die Landschaften üpland 
(nördlich vom Mälar), Södermannland (südlich davon) und 
Östergötland (südlich von Södermannland) hin. Es kommen 
nicht nur alle Namen eben in diesen drei Landschaften, be- 
sonders in Upland, vor, sondern einige sind offenbar für ge- 
rade diesen Strich charakteiistisch; so Kami (Östergötland), 
Signiutr (Upland), Slodi (Upland und Södermannland) , Stoßä- 
ingr (üpland und östergötland), vielleicht auch Farulfr 
und Sveinaldr (alle drei Landschaften). Man darf freilich 
nicht vergessen, dass bei weitem der grössere Theil (etwa 
tlrei Viertel) der schwedischen Runeninschriften diesen drei 
Landschaften angehören; aber dieser Umstand erklärt jenes 
merkwürdige Zusammentreffen nicht hinreichend. Jedenfalls 
ist sonderbar, dass sich unter den russischen Namen nicht ein 
einziger findet, von dem man beweisen könnte, dass er för andere 
Landschaften als die betreffenden drei charakteristisch wäre, 
2. B. keiner von den zahlreichen Namen, die ausschliesslich 
^uf der Insel (Lettland gebräuchlich sind, obwohl man erwarten 
könnte, dass diese Insel seit alten Zeiten eine Brücke zwischen 
Schweden und Russland gewesen wäre. Wir fügen hinzu, 
^lass jene drei Landschaften an der schwedischen Küste dem 
finnischen Busen gerade gegenüberliegen, und dass die zahl- 
reichen Runeninschriften , in denen ausdrücklich auf die Be- 
ziehungen zwischen Schweden und dem Osten angespielt wird, 
&st ausschliesslich denselben drei Landschaften angehören. 



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_78 _ 

Nach alle diesem sind wir gewiss zu behaupten befugt, daas 
die russischen Eigennamen, die im Laufe des ersten Jahr- 
hunderts des russischen Staates vorkommen, nicht nur, mit 
äusserst wenigen Ausnahmen, rein skandinawischai Ursprungs 
sind, sondern dass sie entschieden auf Schweden und besonders 
auf die Landschaften üpland, Södermannland und östergötr 
land als ursprüngliche Heimat des sogenannten russischen 
Stammes hinweisen. 

Aber es wird Zeit, dass wir uns nach Skandinawieu selber 
wenden, ob nicht auch dort Stützen für unsere Ansicht zu 
finden sind. Und allerdings, wiewohl wir keinen unmittel- 
baren Bericht über die Ortndtmg des russischen Staates finden« 
so erhalten wir doch eine solche Msaae von Zeugnissen ftbr 
die enge Verbindung, die seit unvordenklicher Zeit zwischen 
Skandinawieu und den Ländern jenseit der Ostsee und deß 
bottnisehen Busens bestanden hat, dass schon desw^en Nestors 
Bericht völlig glaubwürdig erscheint. 

Die frühesten Zeugnisse in dieser Richtung veidanken wir 
archäologischen Nachforschungen. Stein- und Bronze^eitalter 
freilich liegen so weit zurück, dass sie nicht von wesentlicher 
Bedeutung für unsere Frage sind; doch können wir im Vorbei*- 
gehen bemerken, dass die vereinzelten Beste des Bronzezeitalters, 
welche an diesen Ostgestaden der Ostsee gefunden sind, ent- 
schieden und ausschliesslich von dem gelegentlichen Verkehre 
mit Skandinawieu herrühren. Unser eigentliches Interesse be^ 
ginnt erst mit der Einführimg des Eisens im Norden: in 
dieser Periode zuerst finden wir Spuren von Sprachurkunden 
in Skandinawien , die Buneninschriften , welche den Beweis 
liefern, dass die damalige Bevölkerung von derselben JEtasse 
war wie die, welche seitdem stets diese Gegwiden bewohnt 
hat. Gerade die Kultur des älteren Eisenzeitalters, das nach 
den dänischen Archäologen die Zeit von Christi Geburt bis 
450 umfasst, hat in grossem Maasstabe ihren Weg in die 
Länder östlich der Ostsee gefunden. Manche Gegenstände 
sind dort gefunden, die so genau den Entdeckungen in Skan- 
dinawieu entsprechen, dass wir sie derselben oder mindestens 
einer nahe verwandten Bevölkerung zuschreiben müssen. Der 



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79 

Umstaod dagegen, dass diese Beste amf die Landstriche an der 
Efiste beschränkt sind und keine Aehnlichkeit mit den ioi 
Innern dieser Länder gefondenen Altertiiümeiii haben, be- 
weist, dass die Kultur des älteren Eisenzeitsdters aus dem 
Weste», durch Auswanderer von Skandinawien, dorthin ge^ 
bracht ist *). 

Die Beste dieser skandinawisdi^ Eulturentwicklung de& 
Eisenzeitalters finden sich namentlich um den finnischen Meer- 
busen und auf einem beträchtlichen Striche der Westküste von 
Finnland, dessen Bewohner damals vermuthlich Laj^nder (oder 
ein smderer arktischer Stamm) gewesen sind. Die dort ent- 
deckten Alt^räiüm^ sind so zahlreich, dass sicherlich in jener 
frühen Zeit manche skandinawischen Niederlassungen an der 
Küste, bis ganz in den innersten Winkel des finnischen Meer«- 
busens hinein, bestanden haben müssen. 

Diese archäologischen Besultate stimmen merkwürdig zu 
einer sprachlichen Erscheinung, die ich anderswo erörtert 
habe % Ich habe gezeigt, dass die finnischen Mundarten um 
die Og*see und ihre Busen eben in jener Zeit, d. h. im Laufe 
der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, durch germanische 
Sprachen stark beeinflusst wurd^ : tbeils durch eine skandinsr 
wische, der Inschriftensprache des älteren Eisenzeitalters sehr 
ähnliche Mundart; theils durch ein gotisches Idiom, das etwas 
älter gewesen sein muss als das Gotische der Bibelübersetzung^ 



1) Vgl. Worsaae, La colonisataon de la Russie et dti Nord Scan- 
dinave et leur phw aacien 6tat de civilisation, in: MtooiEee de la 
Society Royale desAntiquaires du Nord, nouv. serie (Oopenhague 1873—74), 
p. 154 sqq. (= Aarböger for nordisk Oldkyndighed 1872, p. 388 sqq.). 
Aspelin, Suomalais - ugrilaisen Muinaistutkinnon Alkeita (Helsing- 
fors 1875), p. 136 sqq. Montelius, Sur le premier äge du fer dans 
les provinces baltiques de la Russie et la Pologne, in: Congräs inter- 
national d'anthro^ologie et d'arcli6ologie pr^historiques. Compte-rendu 
de la 8me session ä Budapest 1876, I, 481 sqq. 

*) Wilb. Thomsen, Den gotiske sprogklasses indflydelse pa den 
finske (Köbenhavn 1869), ins Deutsche tibersetzt von E. Sievers unter 
dem Titel: „Ueber den Einfluss der germanischen Sprachen auf die 
finnisch-lappischen" (Halle 1870). 



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80 

die Ulfilas im vierten Jahrhundert verfertigte, als die Goten 
fichon an der Donau wohnten. Aus der Menge und der Art 
der betreffenden Wörter habe ich erschlossen, dass dieser Em- 
fluss zu einer Zeit ausgeübt sein muss, als die Finnen noch nicht 
so weit zerstreut waren wie heute, sondern in engerer Ver- 
bindung östlich oder südöstlich von ihren heutigen Gebieten 
lebten, und dass diejenigen germanischen Stämme, von denen 
Sprachüberreste auf diese Weise erhalten sind, in denselben 
Gegenden gesessen haben müssen. Während dieser skandi- 
nawische Einfluss vom Nordwesten her, aus den Gegenden um 
den finnischen Busen, die Finnen traf, kam der gotische von 
Südwesten, aus den Strichen zwischen Weichsel und Düna, 
wo die Goten bekanntlich einst sassen, und wo Alterthümer 
gefunden sind, die nur ihnen gehören können, alle aber älteren 
Datums als 400 n. Chr. sind, ein Beweis, dass die letzten 
Ooten damals aus jenen Gegenden verschwunden sein müssen ^). 

Der skandinawische Einfluss tritt ebenfalls, in der Kultur- 
Entwicklung sowie in der Sprache, gegen Ende des fünften 
Jahrhunderts zurück, um einige Jahrhunderte später in neuen 
Formen wieder zu erscheinen. Dieser Umstand hängt sicher- 
lich mit den grossen Wanderungen zusammen, die zu eben 
dieser Zeit im Osten vor sich gingen und nicht blos die 
Slawen westwärts trieben, sondern ebenfalls die finnische Basse, 
die heute Finnland und die Ostsee&üsten bewohnt, aus dem 
Osten oder Südosten hierher zu ziehen veranlassten. 

Um 700 oder ein wenig später beginnt eine neue Epoche 
in der Geschichte skandinawischer Givilisation, eine Epoche, 
die von archäologischem Gesichtspunkte aus das jüngere Eisen- 
zeitalter genannt ist. Aber von dieser Periode ab ist die Ar- 
chäologie nicht mehr wesentliche Quelle unserer Kenntnis; 
und obwohl ich gern zugebe, dass sie noch weiterhin werth- 
voUes Licht auf eine unendliche Anzahl Einzelheiten aus dem 
nordischen Leben wirft, so wird doch ihre Bedeutung durch 



1) Vgl. oben S. 6; Worsaae 1. c, p. 167 sqq. (= p. 399 sqq.); Mon- 
telius 1. c, p. 483, 490. 



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81 

den Ueberfluss an anderen Quellen beschränkt, die von jetzt 
ab uns Einsicht in die skandinawische Geschichte gewähren. 
In dieser Periode erscheinen die Skandinawen zum ersten Male 
auf dem Schauplatz der Universalgeschichte und spielen da 
sofort eine Bolle, wie sie weder vorher noch nachher sie ge- 
spielt haben; es ist die Zeit jener gi'ossen Wikingerzüge, 
durch welche der Name Normannen an den fernsten Küsten 
Europas bekannt und gefürchtet wurde. 

Während der vorigen Periode hatten die Bewohner der 
skandinawischen Länder nur wenig an den Ereignissen Theil 
genommen, welche die grössere Hälfte des europäischen Pest- 
landes durchzuckten. Sie hatten also Zeit gehabt, eine eigene 
Civilisation zu bilden und zu entwickeln, die freilich manche 
fruchtbare Keime aus dem Süden aufgenommen haben wird. 
Diese Civilisation, vor der eine beträchtliche Rohheit in Sitten 
und Gewohnheiten noch nicht wich, muss ganz besonders jene 
unbeugsame Thatkraft und Lebendigkeit, jene för die Wikinger- 
züge bezeichnende Abenteuerlust entwickelt haben ; und dabei 
erreichte die Kulturentwicklung allmählich einen merkwürdigen 
Orad der Vollendung, wie die schönen, reich verzierten Waf- 
fen und andere in Skandinawien gefundene Alterthümer be- 
weisen. 

Indem jedoch die Skandinawen so Jahrhunderte lang in 
ihre eigenen Grenzen eingeschlossen waren, muss allmählich 
eine solche Zunahme der Bevölkerung stattgefunden haben, 
ijass ihnen ä;uletzt kein anderes Hülfsmittel blieb ab mit dem 
Schwerte in der Hand au^uzieh«n, um für sich einen neuen 
Wirkungskreis und eine neue Heimat zu gewinnen. Ein 
Führer für solche Züge war unter den kleinen Königen leicht 
gefunden, deren Stellung durch die zunehmende Centralisation 
politischer Gewalt in den skandinawischen Ländern eine für 
sie höchst unbefriedigende geworden war. 

Diese Umstände gaben seit dem Anfange des neunten 
Jahrhunderts den Anstoss 2u den Wikingerzügen ^). 



1) Dieselben Ansichten über die Veranlassungen dieser Züge sind mit 
grosser Gelehrsamkeit und Gründlichkeit von J. Steenstrup aufgestellt 

Thonsen, IJrspr. d. rtiss. Staates. 6 



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82 

Wie diese Normannen so auswanderten, bisweilen, wenn 
es ihnen gerade passte, als Kaufleute, aber meist als See- 
räuber und Plünderer, und wie sie in den Ländern des Westens 
colonisirten und Königreiche gründeten, dabei brauchen wir 
nicht zu verweilen. Wichtig für unseren Zweck ist die That- 
Sache, dass ein Strom, wie der, welcher die Normannen zuerst 
nach Westeuropa führte, sie ebenfalls in die Länder jenseit 
der Ostsee und des finnischen Busens brachte, Austrvegr (der 
Ostweg), wie die alten Skandinawen sie nannten. Während 
der westwärts gerichtete Strom hauptsächlich Dänemark und 
Norwegen entfloss, gingen die Bewegungen nach Osten wesent- 
lich von Schweden aus. 

Die Wanderung nach Osten begann offenbar etwas früher 
als die anderen; und das kann uns nicht überraschen, wenn 
wir bedenken, dass die Skandinawen diese Gegenden von noch 
älteren Zeiten her kannten, besuchten und in ihnen heimisch 
waren. Ihre Wanderungen in dieser Periode sind eine Auf- 
frischung ihrer alten üeberlieferungen, und der Name selbst, 
Austrvegr^ ist ein Ausdruck dieses heimischen Gefühls, sofern 
er ganz parallel steht zu Norvegr (gewöhnlich Noregr ge- 
schrieben, Norwegen, buchstäblich Nordweg, Noräweg in König 
Alfreds Orosius), während für die Bewegung in entgegenge- 
setzter Richtung (Vestrviking) nie ein entsprechender Name 
gebraucht wird. 

In den altnordischen Sagas und anderen Urkunden finden 
wir zahlreiche Zeugnisse für den Verkehr zwischen Skandi- 
nawien und den Ländern jenseit der Ostsee *). Freilich finden 



in seinem interessanten Werke; Normannerne (Copenhagen 1876 und 
1878), I— II. Wenn sich dieser vorläufig auf die Normannen des Westens 
beschränkt, so verweisen wir mit um so mehr Recht auch auf den an- 
ziehenden und noch immer sehr brauchbaren allgemeinen Vortrag von 
M. Büdinger, Ueber die Normannen und ihre Staatengründungen, in: 
Sybels Bist. Zeitschr. IV (1860), S. 331 ff. 

1) Alle Angaben der Sagas über diese Frage findet man in : Antiquites 
Kusses d'apres les monuments historiques des Islandais et des anciens 
Scandinaves, editees par la Soci^te Royale des Antiquaires du Nord 
(Copenhague 1850—52), 2 vol. in folio. 



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83 

wir da keine ausdrückliche Angabe über die Gründung des 
russischen Staates; denn das war ein Ereignis, welches am 
Norden verhältnismässig unbemerkt vorüberging, um so mehr, 
als der Mittelpunkt der Sagaliteratur, Island, von dem Schau- 
platz dieses Ereignisses so entfernt lag und selbst in näher 
liegenden Gegenden normannische Niederlassungen nur zu 
einem ganz verschwindenden Bruchtheil von den nordischen 
Quellen erwähnt werden ^). Aber zahllos finden sich An- 
gaben von Handel und SchiflBfahrt, Wikingerzügen und Massen- 
auswanderungen *) , die von Skandinawien, wesentlich von 
Schweden aus nach den Küsten der Ostsee und des finnischen 
Busens gingen; und unzählige Stellen beziehen sich auf die 
Besuche von Normannen in Bussland und auf die enge Ver- 
bindung zwischen dem skandinawischen und dem russischen 
Herrscherhause, die einzig durch gegenseitige nationale Be- 
ziehungen sich erklärt. Manche dieser Angaben sind legen- 
denhaft und gehören fast mythischen Zeiten an; manche 
aber gehen auf wohlbekannte geschichtliche Persönlich- 
keiten. 

Die Skandinawen bezeichneten die russischen Gebiete, be- 
sonders den nördlichen Theil derselben, mit dem Namen 
Garäar, Purai von gardr, Hof, Festung ^) , oder Gardariki, 



1) Vgl. Steenstrup a. a. 0. I, 3f. 

2) Vgl. besonders Steenstrup a. a. 0., S. 194 ff. Noch heute 
haben einige Küstenstriche von Finnland und Estland echte schwedische 
Bevölkerung, die einst aus Skandinawien hier eingewandert sein muss, 
wiewohl die Ueberlieferung uns keinen Wink über die Zeit dieser Ein- 
wanderung gibt. 

3) Dies Wort ist verwandt dem russischen gorod\ altslowenisch grad\ 
Festung, Stadt, das in allen slawischen Sprachen vorkommt und deshalb 
nicht wohl von dem altnordischen garär stammen kann. Vielmehr 
möchte ich auf die Thatsache aufmerksam machen, dass die altnordischen 
Namen einiger Städte im Osten die Endung -garär haben, z. B. Holm- 
garär, Kcenugarär, obwohl garär im Altnordischen nicht Stadt bedeu- 
tet; der. gebräuchliche Ausdruck für Stadt ist vielmehr borg, auch für 
Städte im süd- und Westeuropäischen Auslande, z. B. Eömaborg, Lun- 
dunaborg u. a. Dies ist für mich ein Hinweis darauf, dass erst im skan- 
dinawischen Idiom Eusslands garär Stadt bedeutet«*, wahrscheinlich weil 

6* 



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84 

DieOertlichkeiten iu Russland oderGardariki, welche in den Sagas 
vorkommen, sind ganz besonders die dicht um den finnischen 
Busen belegenen, die offenbar beständig von den Skandinawen 
besucht wurden. So wird oft die alte Handelsstadt Aldegju^ 
borg erwähnt, das jetzige (Alt-)Ladoga am kleinen Wolchow- 
flusse, etwas oberhalb seiner Mündung in den Ladogasee (bei 
den Skandinawen J.ic?öä;a-See *) genannt), das schon vor der Grün- 
dung des russischen Staates dort blähte. Femer wird äusserst oft 
erwähnt Nowgorod, skandinawisch Hölmgarär geheissen, wahr- 
ßcheinlich weil es auf einer Insel (Holm) lag, wo der Wol- 
chow aus dem llmensee heraustritt*). Der altnordische 
Name von Kijew war Kcenugarär '), Polozk hiess PaltesJcja 
u. s. w. m 

Aber die Sagas sind nicht die einzigen Schriftdenkmäler, 
die von den häufigen Besuchen der Skandinawen in Russland 
zeugen. Auf sie nimmt manche Rimeninschrift in Schweden 
Bezug, errichtet zum Andenken an Männer, die im Osten 
gefallen % Fast alle diese Denkmäler finden sich in den 



da die Städte im allgemeinen mit Holzwerk befestigt waren, aber anderer- 
seits auch in Anlehnung an das slawische gorod'j grad\ das übrigens 
derselben Eigenthümlichkeit seinen Ursprung verdankt (vgl. Krek, Einl. 
in die slaw. Lit. -Gesch., S. 44). Wenn Constantinopel altnordisch Mikli- 

N garär heisst, so lehrt also die Endung -garctr, was freilich auch aus anderen 
Gründen zweifellos ist, dass dieser Name über Eussland nach dem 
Norden gekommen ist, vielleicht überdies im Anklang an den slawischen 

^, Namen Constantinopels Carigrad\ „Kaiserstadt". 

1) Ladoga wahrscheinlich statt ""Aldaga, mit der dem Slawis<Aen 
eigenen Versetzung des L Der Name stammt vielleicht vom finnischen aaUo- 
kas, wellenreich (eig. *äldogas), von aalto, Welle, ein Wort, das wiederum 
von dem gleichbedeutenden altn. alda entlehnt ist. Wäre auch der Ur- 
sprung ein anderer, so haben doch jedenfalls die Skandinawen den Namen 
mit dem Worte cUda in Beziehung gebracht. 

2) Oder ist Höhn- = Urnen, dem altnorwcgischen holmr eütsprechend 
angeformt ? Vgl. Müllenhoff in Haupts Zeitschrift für deutsches 
Alterthum XII, 346. Aehnliche Umf(n^UDgen ausländischer Namen sind 
im Altnordischen häufig. 

s) Umgeformt nach dem altnordischen koena, eine A^rt Boot? 
^) Es finden sich in Eussland keine skandina wischen Euneiiinsohriften. 
Das darf uns aber nicht WTindem oder als ein Beweis gegen die skain- 



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85 

schwedischen Landschaften TJpland, Södermannland und Öster- 
götland und gehören ins zehnte und elfte Jahrhundert. 
Manche erzählen von dem Verstorbenen nur: „er fiel in einer 
Schlacht ira Osten", oder „in Gardar", oder „inHolmgard" 
u. s. w. ; andere aber geben genaueren Bericht. So haben 
wir eine Reihe von etwa zwanzig Steinen aus vei-schiedenen 
Theilen der oben genannten drei Landschaften, die sich alle 
auf ein Ereignis beziehen, — auf einen Zug unter einem 
Führer Namens Ingvar. Auf einigen von diesen wh'd von 
dem Verstorbenen gesagt: „er ging ostwärts mit Ligvar " oder 
„er fiel ostwärts mit Ingvar" oder „er befehligte ein Schiff 
in Ingvars Flotte"; einer lautet: „er war lange im Osten 
gewesen und fiel im Osten unter Ingvar" u. s. w. Offenbar 
beziehen sich alle diese Inschriften auf denselben Zug, der 
einst berühmt gewesen sein muss, und an welchem viele 
Schweden theilgenommen haben müssen. Man hat vermuthet % 
der hier genannte Ingvar sei kein anderer als der von Nestor 
Igor, von Liudprand Inger genannte mssische Fürst gewesen 
und einer seiner Züge sei gemeint. Indes deuten mehrere um- 
stände an, dass diese Inschriften ungefähr ein Jahrhundert nach 
Igors Zeit zu datiren sind; und es ist deshalb viel wahr- 
scheinlicher, dass Ingvar ein schwedischer Fürst dieses 
Namens, mit dem Beinamen Mrni viäförli, „der Weitge- 
reiste", war, welcher nach den isländischen Annales Kegii 
1041 starbt). 



diBawische Abstammung der Küssen gelten. Denn die Runenschrift in 
der dem jüngeren Eisenzeitalter eigenen Form wurde in Schweden bis 
zum zehnten Jahrhundert nicht allgemein angenommen; und da hatte 
die Auswanderung nach Russland schon lange stattgefunden. Zu Ehren 
der Skandinawen, die später in Russland im Dienste der Russen ihren 
Tod faiiden, wurden in ihrer Heimat Kenotaphe mit Inschriften er- 
richtet. 

1) S. A. Munch, Det norske Folks Historie (Christiania I8ö3)> 
I, 2. p. 80. Antiquites de TOrient, Monuments Runographiques, interpr6t^ 
par C. C. Rafn (Copenhague 1856), p. ix. 

2) S. Langebeck, Scriptores rerum Danicarum III, 42. Sturlunga 
Saga edited by G. Vigfusson (Oxford 1876) II, 353. Dieser Ingvar 
ist die Hauptperson in einer sehr fabelhaften Saga: Sagan om Ingwar 



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86 

Das Zeugnis der geschichtlichen Urkunden über die Ver- 
bindung zwischen Skandinawien und den östlichen Ländern 
wird aufs bestimmteste durch archäologische Entdeckungen 
bestätigt. Aus zahlreichen in Russland und im Norden ge- 
fundenen Münzen sehen wir, dass gerade zur Zeit der grossen 
Wikingerzüge ein äusserst lebhafter Handel zwischen Skan- 
dinawien, dem Osten und dem byzantinischen Reiche be- 
stand. Dieser Verkehr wurde durch das Innere von Russland 
geführt ^). So sind in Schweden grosse Mengen arabischer 
Münzen (an 20,000) gefunden, die zwischen 698 und 1002, 
der Mehrzahl nach aber zwischen 880 und 955 gehören, in 
eben die Zeit, wo nach allen Zeugnissen das skandinawische 
Element eine so wichtige Rolle in der Geschichte Russlands 
spielte. Seit dem zehnten Jahrhundert scheint namentlich 
die Insel Gottland der Mittelpunkt des Handels zwischen 
Skandinawien und dem Osten gewesen zu sein; denn hier 
sind die grossesten Münzenfunde (an 13,000 Stück) gemacht. 
Zwischen diesen arabischen Münzen fanden sich andere aus- 
ländische, die ebenfalls durch Handelsleute vom Osten 
hierher gebracht sein müssen; darunter manche byzan- 
tinische, die Daten aus dem zehnten und elften Jahrhundert 
tragen ^). 

In Russland sind nicht nur genau solche Münzen, son- 
dern auch westeuropäische — hauptsächlich angelsächsische, die 
dorther von Skandinawen gebracht sein müssen und wahr- 
scheinlich einen Theil jenes Danegeldes gebildet haben, das 
England so oft hat zahlen müssen — , sowie Waffen und 
Schmucksachen von entschieden nordischem Typus gefunden. 
Und dies nicht blos im Ostseegebiet, sondern ebenso tiefer 
im Innern Russlands, hauptsächlich in Einzelgräbern, die 



Widtfarae och hans son Swen, ntgifwen af N. R. Brocman (Stock- 
holm 1762); auch in: Antiquites Busses II, 141—169. 

*) Vgl. Nestors Angabe, es sei schon vor Ruriks Zeit eine Verkehrs- 
strasse von den Warägern (d. i. Skandinawen) die grossen russischen 
Ströme hinab nach Griechenland gegangen. 

2) Vgl. Worsaae 1. c, p. 190 sq. (= 422 sq.). 



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87 * 

offenbar über Häuptlingen aufgeworfen waren ^). Die merk- 
würdigsten dieser Gegenstande sind die Schwerter und eine 
dem Norden eigenthümliche Art Spangen von oval-convexer 
Form, deren Typus in die Periode zwischen dem neunten und 
elften Jahrhundert gehört*); sie entsprechen genau den nor- 
dischen Waffen und Schmucksachen, die in Grossbritannien, 
Irland und Frankreich gefunden sind und aus der Zeit 
stammen, wo die dänischen und norwegischen Wikinger in 
diesen Ländern hausten, dem neunten, zehnten und elften 
Jahrhundert. Man muss hoffen, dass mit der Zeit noch mehr 
Licht auf diesen Gegenstand fällt, wenn solche Unter- 
suchungen in ßussland systematischer und in grösserer Aus- 
dehnung als bisher vorgenommen werden. 

üeberblicken wir das Zeugnis der skandinawischen Ur- 
kunden und Alterthumsfunde, so muss, denke ich, anerkannt 
werden, dass sie in höchst merkwürdiger Weise die über- 
lieferte Ansicht von der skandinawischen Abstammung der 
Russen stützen und illustriren. Ausdrückliche Angaben da- 
von erhalten wir freilich nicht; der grössere Theil der 
Funde und Urkunden gehört in die Zeit nach der Gründung 
des russischen Staates und zeigt nur, dass in jener Zeit die 
Skandinawen sehr lebhaften Verkehr mit Kussland unter- 
hielten , und dass eine grosse Menge von ihnen , theils als 
Kaufleute, theils um als Krieger unter den russischen Fürsten 
zu dienen, dorthin übergingen. Aber es ist klar, dass dieser 
Verkehr, dies Einströmen der Skandinawen nach Russland 
unglaublich sein würde, wenn nicht eine nationale Verwandt- 
schaft zu Grunde läge. Selbst wenn keine andere Angabe 
uns hinterlassen wäre, würden wir, denke ich, immer noch 
genöthigt sein, ein starkes skandinawisches Element in Russ- 
land anzunehmen. 



1) Vgl. Worsaae 1. c, p. 186 sqq. (= 418 sqq.). A. Ouvaroff, 
Les Meriens, traduit par Malaque (St. Petersbourg 1875), p. 44 sqq. 
84 sqq. 115 sqq. u. ö 

2) Vgl. 0. Montelius, Om de ovala spännbucklorna, in: Kgl Vitt. 
Hist. och Antiqvitets Akademiens Mänadsblad 1873 und 1877. 



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* 88 

Aber ein anderer UmBtand bestätigt in noch hdhefem 
Grade, wenn auch nur mittelbar, unsere Ansicht. Dies 
ist die schlagende Aehnlichkeit zwischen Cultur und Lebens* 
weise der Skandinawen in den Wikingerzeiten und der 
alten Bussen, wie sie uns in den slawischen Chroniken sowie 
von griechischen und arabischen Schriftstellern geschildert 
werden. Nach dem einmüthigen Zeugnis dieser verschiedenen 
Autoritäten waren die Bussen ein seefahrendes Volk, ein 
Volk, da^ weit und breit wanderte, nach Griechenland und 
den orientalischen Landern zog, dessen Schiffe nicht bloa 
auf den Flüssen Busslands, sondern auch auf dem Schwarzen, 
ja gar auf dem Kaspischen Meere fuhren, üeberall erschei- 
nen sie bald als Wikinger, bald als Handelsleute, wie es 
ihnen gerade passte, aber stets mit dem Schwert in der 
Hand und jeden Augenblick bereit des Kaufmanns friedliche 
Besitznahme mit den Blutthaten des Seeräubers zu vertau- 
schen. Dieses Bild der alten Bussen deckt sich vollständig 
mit dem Treiben und dem abenteuerlichen Leben der Nor- 
mannen, wie es uns bei nordischen Schriftstellern sowie bei 
lateinischen Autoren des Mittelalters gezeichnet wird. Es 
ist andererseits der Gedanke unzulässig, dass die Lebensweise 
der damaligen Ost-Slawen derartig gewesen wäre. Wir müssen 
bedenken, dass diese damals noch im Innern des Landes wohn- 
tea, durch andere Stämme vollständig von dem Schwarzen 
Meere sowie von der Ostsee abgesperrt. Wie konnte es ihnen 
also möglich sein mit der Schifffahrt so vertraut zu werden, 
wie es die alten Bussen offenbar waren ^)? Von dem ersten 
Augenblicke an, wo dieses Volk auf dem Schauplatz der Ge- 
schichte erscheint, zeigt es sich als seefahrende Nation; 
solches Volk muss längst an den Seekusten gewohnt und 
sich gewöhnt haben seine Schiffe auf der offenen See zu 
lenken. 

Vergleichen wir dies mit den anderen Beweisen, die ich 
früher durchgegangen habe, so wird gewiss jeder unparteiische 
Bichter zu dem Schlüsse kommen, dass Nestor, wenn er die 



1) Vgl. Kunik in Doms Caspia, S. 283. 



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89 

ursprünglichen Bussen Skandinawen sein lässt, durchaus im 
Becht ist. Es ist klar, dass die Niederlassung des skandi- 
nawischen Elementes in Bussland und die Gründung eines 
skandinawischen Staates unter den finnischen und slawischen 
Stämmen jenes grossen Landes ein einzelnes Moment in 
derselben mächtigen und ausgedehnten Bewegung war, welche 
im Mittelalter die Normannen nach Westeuropa führte. 



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Dritte Vorlesung. 



Name und Oeschichte des skandinawischen Ele- 
ments in Bassland. 



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In der letzten Vorlesung habe ich die Zeugnisse durch- 
gegangen, die zur Beglaubigung von Nestors Bericht über 
4en Ursprung des russischen Staates beigebracht werden 
kennen; und ich denke, wir finden seine Angabe Aber die 
sk^dinawische Abstammung der alten Bussen voll bestätigt. 
Einigen Aufstellungen der Anti-Normannisten gegenüber, mit 
denen sie die Eralt der verschiedenen gegnerischen Gründe 
zu erschüttern gesucht haben, hoffe ich hinreichend geze%t 
zu haben, dass ihre Versuche keineswegs glücklich sind. Be- 
sondere Aufmerksamkeit habe ich sprachlichen Zeugnissen ge- 
schenkt : den E^ennamen, die in den Anfängen der russischen 
Geschichte vorkommen, und den wenigen uns überkommenen 
Besten der alten Bussensprache (den Namen der Dnjepr- 
Stromschnellen); Zeugnissen, die allerdings so entscheidend 
sind, dass die Gegner der normannistischen Theorie kaum 
einen ernsten Versuch gemacht haben^ ihnen zu wider- 
sprechen. 

Biese haben sich vielmehr, um die ünwahrscheinlichkeit 
von Nestors Angabe zu erweisen, ganz besondere Mühe ge- 
gegeben, lange vor dem von Nestor angesetzten Jahre die 
Bussen als besonderen Stamm in Bussland nachzuweisen. Ich 
habe die wichtigsten xlieser vermeintlichen Beweise erwähnt 
und glaube gezeigt zu haben, wie unhaltbar sie sind; ich 
füge nur hinzu, dass sie^ selbst wenn sie stichhaltig wären, 
doch nur die Unrichtigkeit der Nestorschen Zeitbestimmung 
beweisen, dagegen die Frage nach der Nationalität der Bussen 



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94 

nicht berühren würden, eine Frage, die wenigstens in einem 
gewissen Grade von der Chronologie unabhängig ist. 

Aber der gewichtigste Grund der Anti-Normannisten liegt 
in dem Namen Bussen selbst; und wir müssen gestehen, 
dass die Verfechter der auch von uns vertretenen Theorie 
bisher nicht im Stande gewesen sind, die mit diesem Namen 
verknüpften Schwierigkeiten aufzuklären. Sind die Bussen 
Skandinawen — so führen ihre Gegner aus — , dann muss 
es möglich sein, anderweitig einen skandinawischen Stamm 
nachzuweisen, der sich mit diesem Namen bezeichnete; aber 
kein solcher Stamm ist anzugeben. Indem ich dies gern an- 
erkenne, bemerke ich doch zugleich, dass es ebenso wenig 
möglich ist, einen slawischen Stamm nachzuweisen, dem jener 
Name von Haus aus zukam; denn die Versuche, dies zu 
beweisen, sind nichts als luftige Vermuthungen , die vor dem 
Auge eines streng wissenschaftlichen Richters keine Gnade 
finden. 

Allein wissen wir denn, dass die alten Russen sich in ihrer 
Muttersprache wirklich Russen oder ähnlich nannten? Stände 
dies fest, so wäre die Behauptung der Gegner in der That 
von Gewicht; aber es lässt sich zeigen, dass die Altrussen 
selber sich diesen Namen höchst wahrscheinlich nicht gaben. 
Ich betrachte es deshalb als einen grossen Misgrifif der An- 
hänger der normannistischen Theorie, dass sie so zu sagen 
Pulver und Schrot verschwenden mit dem Bemühen, Spüren 
eines skandinawischen oder germanischen Stammes zu finden, 
von dessen nationaler BenennuDg der Name Russen direkt 
herstammen könnte. 

Der einzige Grund, der sich für die Ansicht anführen 
lässt, dass jener Name ein einheimischer war, ist die Stelle 
aus Prudentius, die ich in der vorigen Vorlesung (S. 42) er- 
wähnte; sie ist zugleich diejenige, in der wir diesem Namen 
zuerst begegnen. Der Leser wird sicTi erinnern, dass Pru- 
dentius berichtet, wie der griechische Kaiser an Ludwig den 
Frommen Gesandte schickte, die in Constantinopel gewesen 
waren, und die, wie der Schriftsteller im Anschluss an die 
Worte des griechischen Empfehlungsschreibens hinzufügt, 



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95 

„ sagten, sie, d. h. ihr Volk, Messe Ehos" ^); dagegen in Deutsch- 
land entdeckte man, dass es Schweden waren. Gehen wir 
etwas näher auf die Frage ein, so werden wir sehen, dass 
diese Stelle nichts beweist. Sicherlich konnten jene Leute 
mit dem Hof in Constantinopel in ihrer Muttersprache, die 
dort niemand verstand, nicht verhandeln, und wahrscheinlich 
konnte auch keiner von ihnen Griechisch sprechen. Die Ver- 
handlungen müssen also in einer dritten Sprache geführt sein, 
welche beide Parteien gegenseitig verstanden, oder far welche 
mindestens Dolmetscher zur Hand waren (ein Verhältnis, auf 
das man offenbar bisher zu wenig Gewicht gelegt hat, das 
aber gewiss auch für andere Punkte in Betracht zu 
ziehen ist). Diese Sprache wird wahrscheinlich das Slawische 
oder das Chasarische gewesen sein. Jedenfalls muss der am 
griechischen Hofe gebrauchte Name jener Leute derjenige, ge- 
wesen sein, unter welchem ihr Volk in jener dritten Sprache 
bekannt war. Nehmen wir zur Verdeutlichung an, dass ein 
deutscher Gesandter z. B. an einen indischen Fürsten geschickt 
wird, der bisher nie etwas von Deutschland gehört hat, so 
würden die Verhandlungen etwa englisch, sei es direct, 
sei es durch Dolmetscher, geführt; also würde das Volk, dem 
jene Gesandten angehörten, in Indien als „Germans^^ bekannt 
werden, und keiner würde ahnen, dass sie sich in ihrer Sprache 
„Deutsche" nannten. Wollte nun jener indische Fürst diese 
Leute zu einem andern Fürsten geleiten, so würde natürlich sein 
Empfehlungsschreiben folgendermassen lauten: „Die Ueber- 
bringer dieses Schreibens sind Leute, welche sagen, ihr Volk 
Messe Germans" — aber das würde nicht beweisen, dass sie 
sich in ihrer Sprache so nannten. Wenn jetzt dieser zweite 
Fürst jenen Namen „Germans" noch nie gehört hätte, aber 



1) Den Wortlaut des griechischen Originalschreibens kennen wir 
leider nicht; aber ich denke, es muss da ohne Zweifel etwa updg Xeyo- 
fiivovg *P(iSg oder rivdg rtSv Xeyo/uevtov *P<3g gelautet haben, ein sehr 
gewöhnlicher Ausdruck der byzantinischen Literatur, der Prudentius* 
Uebersetzung wohl entspricht; damit wäre das Argument, dass diese 
Leute sich Bussen nannten, noch mehr erschüttert. 



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96 

di« Deutschen oder die „Alkmands" oder „Nemd" kannte, 
80 würde er wahrscheinlich erstaunen, wenn er ^de, dass sie 
dem Volke augehörten, welches ihm unter anderem Namen 
so gut bekannt wäre; und hätte er sonst Grund, Verdacht 
gegen ihre Absichten au haben , so würde er yielleicht gerade 
m handeln wie Ludwig der Fromm«. Kurz, mir scheint es 
nicht, als könnten wir aus der Stelle des Prudeatiae den 
Schluss ziehen, daes die Leute, welche von den Griechen Rhos 
genannt wurden, sich in ihrer eigenen Sprache wirklich so 
nannten. 

Das Qegentheil kann man aus der schon (S. 49) ange^ 
führten Stelle Liudprands entnehmen, in welcher er sagt, die 
Leute, welche in Westeuropa Normannen hiessen, würden von 
den Griechen „Btisii'^ genannt. 

Ich wage daher getrost zu behaupten, dass die alten Süssen 
als Volk sich in ihrer Muttersprache nicht so nannten. Russen 
wurden sie nur im Osten genannt Wenn aber dies der Fall 
ist, so verliert der Einwurf gegen ihre skandinawische Ab^ 
staramung, den man in dem Namen Bussen findet, alles Ge>- 
wicht. Es wäre gerade so, als wollten wir leugnen, dass die 
Germani die Deutschen wären: denn die hervorragendsten 
Historiker und auch Linguisten sind ja der Ansicht, dass kein 
germanischer Stamm sich mit diesem Namen bezeichnete, soi^- 
dern dass er unter den keltischen Nachbarn entstanden und von 
dieswi den Römern überkommen war. Ebenso müssten wii* 
leugnen, dass die Wallachen romanischer oder die Walliser 
keltischer Abstammung sind: denn keiira dieser Völker wiKste 
je etwas von diesem Namen ^) ; er entstand unter den Deut- 
schen, die alle, deren Sprache sie nicht verstanden, ob es nun 
Kelten oder romanische Völkerschaften waren, Wälsche nannten. 
Zahllose andere Belege ähnlicher Namensverschiedenheiten 
lassen sich anfuhren. Auch der Name Normannen war schwer- 
lich die heimische Benennung der skandinawischen Wikinger, 
welche die Küsten Westeuropas heimsuchten ^). 



1) Vgl. Gas ton Paris in der Bomania I, 1 sqq. 

2) Vgl. J. Steenstrup, Normannerne I, 51 sq. 



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97 

Aber während weder die alten Russen noch ein anderer 
^skandinawischer Stamm sich Eussen nannten, hat man schon im 
vorigen Jahrhundert auf einen Namen aufmerksam gemacht, 
der offenbar dasselbe Wort und für uns eine Brücke nach 
Skandinawien ist. Es ist der Name, den alle finnischen 
Stämme am bottnischen Busen und der Ostsee dem Lande 
Schweden geben. Finnisch heisst es Buotsi (und ein Schwede 
Ruotsalainen) ^ estnisch Böts (und Rotslane), wotisch [die 
Woten sind ein Stamm im Gouvernement St. Petersburg un- 
weit Narwa] Rotsi (und Rotsalaine') ^ liwisch Buotsi (und 
Rüotsli). Dies muss nicht blos derselbe Name sein wie das 
slawische Rus\ sondern ohne Zweifel stammt der slawische 
Name von dem finnischen her. Man muss bedenken, dass 
finnische Stämme, wie wir früher erwähnt haben, die Slawen 
voa der See absperrten. Als nun die Skandinawen über die 
Ostsee kamen, müssen sie zuerst mit den Finnen in Berührung 
gekommen sein; andererseits konnten die Slawen erst, nach- 
dem sie das Gebiet ihrer finnischen Nachbarn durchschritten 
hatten, mit ihnen bekannt werden. Also müssen auch die Finnen 
eher einen Namen für die Skandinawen gehabt haben als die 
Slawen; und es war ganz natürlich, dass die Slawen ihnen 
denselben Namen gaben, den sie von den Finnen kennen 
lernten. 

Andere, namentlich von Seiten der Anti-Normannisten auf- 
gestellte Hypothesen, die natürlich gar keinen Zusammenhang 
zwischen dem Namen Eussen und dem finnischen Buotsi zu- 
geben, halten alle bei wissenschaftlicher Prüfung nicht 
Stand. So hat man auf den biblischen Namen Bosch (Sep- 
tuaginta: 'Pw^) aufmerksam gemacht, der sich bei Ezechiel 
38, 2 f. und 39, 1 findet. „Fürst von Bosch, Meschek 
und Thubal" ^) ist dort der Titel Gogs, der von Norden 



1) In der Lutherschen Uebersetzung steht der Name Bosch nicht. 
Da heisst es „der oberste Fürst in Mesech und Thubal", wie in der 
Vulgata „principera capitis Mosoch et Thubal", nach der gewöhnlichen 
Bedeutung des hebräischen Tö«n rasch, Haupt, Häuptling. Es ist indes 
nicht unwahrscheinlich, dass Bosch hier ein Volk oder einen Stamm be- 

Thomseiif Urspr. d. rass. Staates. • 



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98 

gegen das Volk Israel kommt, aber Gott will ihn richten und 
Israel Sieg verleihen. Längst ist dagegen eingewandt, diese 
Zusammenstellung habe keinen Werth, zumal der Name Bosch 
bei Ezechiel zu unsicher und vereinzelt stände und zwischen 
jener Zeit und den Bussen des neunten Jahrhunderts ein Zeit- 
raum von über 1400 Jahren läge *). Nichtsdestoweniger gibt 
es noch heutzutage Phantasten, die in allem Ernste diesen 
Text anführen, um das Alter der Bussen zu beweisen. 

Sodann ist der Name der Boxölani herangezogen, eines 
„sarmatischen" Stammes, der in alten Zeiten in einem Theil 
des jetzigen Südrusslands wohnte. . Die einen haben diese für 
Slawen oder Halb-Slawen gehalten *), andere an gotische Ab- 
kunft gedacht ^) oder sie gar för Skandinawen erklärt, die in 
Eussland zurückgeblieben wären, als ihre Brüder, nach einer un- 
haltbaren Theorie, in die skandinawischen Länder von Osten her 
einwanderten *). Indes waren diese Boxölani ohne Zweifel orien- 



zeicbnet, aber sicherlich nicht die Russen. Vgl. Skazanija jevrejs- 
kich' pisatekj o Chazarach\ SobraF A. Harkavy. (St. Petb. 1874.) 
p. 60 sqq. 158 sq. Lenormant, Lettres Assyriologiques (Paris 1871), 
I, 27 bringt Bosch mit dem assyrischen Basi zusammen, „pays sitae 
sur la rive gauche duTigre, au nord de la Susiane". Vgl. O. Maspero, 
Histoire ancienne des peuples de rOrient, 2e ed. (Paris 1876), p. 402: 
itBasi, canton de la Susiane, la M4sobatäre des g^ographes classiques.'^ 
i) So schon Epitome commentariorura Moysis Armeni, cum notis et 
observationibus H. Brenneri (Stockholmiae 1723), p. 85 und Müller, 
Sammlung russischer Geschichte (St. Petersburg 1760) V, 390 f. (= Offen- 
bach am Main 1777, II, 343 f.). 

2) Man hat Boxölani von einer Wurzel rus ros ras ra, angeblich 
„Fluss", ableiten wollen, eine Wurzel, auf die man fibrigfens auch zur 
Erklärung des Namens Bussen ohne Rücksicht auf die Eoxolanen hin- 
gewiesen hat. Aber eine solche Wurzel gibt es nicht: siehe Miklosich, 
Die Rusalien, S. 19 (in : Sitzungsberichte der phil.-hist, Classe der Kaiserl. 
Akademie, Bd. 46 [Wien 1864]). 

3) So z.B. Müller, Sammlung russischer Geschichte (1760) V, 385 ff. 
^= [1777], II, 339 ff.) 

4) P. A. Munch, Samlede Afhandlinger udgivne af G. Storm 
(Christiania 1874, geschrieben 1849) II, 196 sqq. Später hat er jedoch 
seine Meinung über die Roiolani geändert; siehe sein Werk: Det Norske 
Folks Historie (Christiania 1852) I, 1. p. 41. 



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99 

talischer Herkunft, wahrscheinlich ein iranischer Stamm: 
gleich so vielen anderen Stämmen worden sie von den Wogen 
der grossen Völkerwanderung verschlungen und haben mit den 
Bussen, welche Herkunft wir diesen auch beilegen, nichts zu 
thun. 

Mir scheint unbestreitbar, dass der einzige Name, zu dem 
das Wort Bussen unmittelbare Beziehung hat, der finnische 
Name für Schweden, Buots% ist; und diese Thatsache an sich 
ist tSr die Frage nach der Nationalität der Russen höchst 
lehrreich. Woher nun seinerseits der Name Buotsi kommt, 
ist wieder ein öegei^stand des Streites unter den Philologen, 
Von der normaunistischen Schule war bisher fast allgemein an- 
genommen die Ableitung dieses Namens (und direkt oder 
indirekt auch des Namens Bussen) von Boslagen, dem Namen 
der Küste der schwedischen Landschaft Upland, die dem 
finnischen Busen gerade gegenüber liegt. Jedoch sind gegen 
die Identificirung dieser beiden Worte mehrere Einwürfe er- 
hoben. Einerseits ist die erste Silbe von Boslagen, welche 
nach jener Annahme ins Finnische (und Slawische) allein hin- 
übergenommen wäre, nicht Nominativ, sondern der Genetiv eines 
altschwedischen Substantivs rop-er {rod, altnordisch röär)^ Ku« 
derung, Schiffahrt. Andererseits ist der Name Boslagen zu 
jung, um in Betracht zu kommen; in älteren Zeiten war 
Boper, Bopin die Bezeichnung für jene Striche von Upland 
und Östergötland, die an die See stiessen und im Mittelalter 
für Kjiegszeiten Schiffe zu stellen verpflichtet waren. Die 
Bewohner dieser Districte hiessen Bods-harlar oder Bods- 
nKBn (heute Bospiggar) ^). Mit Bücksicht auf diese Schwierig- 
keiten hat man jene Ableitung seither fallen lassen; und 
selbst Kunik, der in seiner „Berufung der schwedischen 
Rodsen" sie mit aller Kraft vertheidigt hatte, hat sie jetzt 
aufgegeben *). 



1) Vgl. Rydqvist, Syenaka Spräkets Lagar (Stockholm 1857) II, 
273. 628. 

2) Kunik hat letzthm eine andere Erklärung vorgeschlagen (Doms 
Caspia, S. 381 ff.), indem er Euotsi und Bus' mit einem altnord., halb, 
mythischen Namen JSreidgotwr oder JReiägotar (angelsächsisch JSHd- 

7* 



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100 

Ich gestehe, dass sich keine direkte genetische Verbindung 
zwischen Koslagen als geographischer Bezeichnung und Ruotsi 
oder Russen annehmen lässt. Nichtsdestoweniger kommt es 
mir vor, als wäre dieser Faden zu rasch abgeschnitten. Der 
Name Ruotsi kann ebensowenig aus dem Finnischen erklärt 
werden, wie Bus* aus dem Slawischen ^). Er muss also aus- 
ländischen, aller Wahrscheinlichkeit nach skandinawischen Ur- 
sprungs sein *). Falls es aber so ist , so halte ich es durch- 
aus nicht für leichtfertig, bei dem altschwedischen Worte 
rop-er zu bleiben, zumal da es ein merkwürdiges Zusammen- 
treffen ist, dass in alten Zeiten Roper, Ropin der Name eben 
derselben Striche von Schweden war, auf welche die russischen 
Personennamen, wie wir oben gesehen haben, als auf die 
Heimat der Russen hinweisen. Der Gedanke liegt nahe, dass 
die Schweden, welche an der Küste lebten und nach dem 
anderen Gestade der Ostsee überfuhren, sich sehr früh — 
nicht als Volk, sondern nach ihrer Beschäftigung und 
Lebensweise — rops-menn oder rops-karlar oder ähnlich, 
d. h. Ruderer, Seefahrer genannt haben mögen ^). In Schwe- 



gotan oder Radgota) zusammenbringt; er hält *IIrö pigutans für die 
Urform dieses Namens. Aber von historischen Rücksichten nicht zu reden, 
ist diese Erklärung phonetisch unhaltbar. Vgl. Müllenhoff in Ztschr. 
f. d. Alt. XII, 261; S. Bugge, Tolkning af Rökstenen (in Antiqvar. 
Tidskr. fdr Sverige V), p. 35 sqq. 

1) Die Erklärung des finnischen Namens als „Scherenland" (von 
estn. röd, angeblich „Scheren'*), bei der Gedeonow, Bus' i Varjagi 
II, 414 (nach Parrot, Versuch einer Entwickelung der Sprache, Ab- 
stammung d. Liv. Lett. Est.) sich beruhigt, beruht auf solcher Willkür 
und Unkenntnis der finnischen Sprache, dass sie schon aus diesem Grunde 
werthlos ist. Estn. röd bedeutet „allerlei festes, das inwendig die äusseren 
«chwächeren, weicheren Theile stützt", z.B. Mittelgräte in Fischen, First 
am Dach, Kippe im Blatt u. a. (Wiedemann, Estn. - deutsches Wör- 
terbuch [St. Petb. 1869], p. 1076 sqq.); dasselbe bedeutet das finn. ruoto. 

*) Aehnlich haben die Lappen die Wörter Lodde: 1) (schwedisches) 
Dorf, 2) Schweden, und Laddelaö: 1) (schwedischer) Bauer, 2) Schwede, 
vom schwedischen landy Land, abgeleitet. 

*) Im nördlichen Norwegen bezeichnet noch Bössfolk {JRors- oder 
Möds-folk), „Fischer, die sich während der Fischzeit an der Küste ver- 



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101 

den selbst wurde dies Wort und ebenfalls das Abstrac* 
tum roper nach und nach zum Eigennamen. Um so weniger 
wunderbar ist es, dass die Finnen diesen Namen als Volks- 
namen auffassten und mit dieser Bedeutung, in der Weise^ 
dass sie nur den ersten Theil des Compositums festhielten, 
als Buotsi und Ruotsalainen herübernahmen ^). Man könnte, 
wie gegen die Ableitung von Roslagen, so auch hier ein- 
wenden, dass die erste Silbe des Compositums, Boßs-, im 
Schwedischen Genetiv ist, und dass der Gebrauch eines Gene- 
tivs als Eigennamen sonderbar wäre. Allein wenn wir an- 
nehmen, dass nicht Skandinawen sich Bops oder Buotsi oder 
Bussen nannten, sondern dass dieser abgekürzte Name ihnen 
zuerst von den Finnen beigelegt wurde, so schwindet diese 
Schwierigkeit. Denn im Finnischen ist es bei der Aufnahme 
eines Compositums aus einer anderen Sprache eine ganz ge- 



sammeln." Singular dazu ist Eöss-kar oder -man. Siehe IvarAasen, 
Norsk Ordbog (Cbristiania 1873), p. 612. 

1) Nicht überflüssig möchte die Bemerkung sein, dass echt finnische 
Ländernamen ursprünglich coUective Benennungen des betreffenden Volkes 
oder Stammes sind, welche später zur Bezeichnung dienen: 1) für das 
von demselben bewohnte Land, 2) für die Sprache; das einzelne Indivi- 
duum dagegen wird mit Bildungen auf -lainen pl. -laiset bezeichnet, 
die zugleich Adjective sind. So Suomii 1) Finnland, 2) das Finnische, 
eigentlich die Finnen collective; bestimmter kann man dafür sagen Suo- 
ynen-maa, eig. Finnenland, Sucmen-kieli, Finnensprache; dagegen Suo- 
malainenj Finne, finnisch. Dies findet indes auch bei solchen fremden 
Kamen statt, die sich im Volke eingebürgert haben; und es kann uns 
deshalb nicht wundem, dass dies in der Regel Nachbildungen fremder 
Volks-, nicht Landesnamen sind. So heisst Russland finnisch Venäjä^ 
(s. S. 5) ; Dänemark früher Juuti von schwed. Jute, Jütländer, jetzt all- 
gemein TansJca von dansk, dänisch, Däne; Deutschland Saksa von alt- 
nord. Saxor, Sachsen, Deutsche, u. a. m. Das spricht sehr dafür, dass 
auch Buotsi nicht aus dem Namen einer bestimmten Gegend, sondern 
aus dem Namen einer bestimmten Bevölkerung hervorgegangen ist. — 
Ich füge hinzu, dass der Form nach das finnische Buotsi wohl in den 
Anfang des sogenannten jüngeren Eisenzeitalters oder etwas früher zu 
setzen ist; jedenfalls muss es jünger sein als das ältere Eisenzeitalter 
(s. oben S. 78 ff). Vgl. W. Thomsen, üeber den Einfluss der germani- 
schen Sprachen auf die finnisch-lappischen (Halle 1870), S. 81 f. 116 f. 



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102 

Wohnliche Erscheinung, dass nur der erste Theil aufgenommen 
wird ^); und wenn dieser erste Theil ursprünglich Genetiv ist, 
so kann ein Wort unbewusst auch in Genetivform aufge- 
nommen werden. Das ist z. B. der Fall bei dem finnischen 
Worte riJcsi, schwedischer Reichsthaler, welches aus dem 
schwedischen riks-daler mit Unterdrückung des Hauptwortes 
daler oder Thaler und alleiniger Beibehaltung von rihs (ur- 
sprünglich schwedischer Genetiv [für rikes] von rike, König- 
reich) gebildet ist. Eine solche Erklärung des finnischen 
Buotsi ist, denke ich, nicht unverständig. Es ist nur eine 
Hypothese, aber eine Hypothese, die in jeder Hinsicht Zu- 
sammenhang und Einklang schafft. 

Wie schon gesagt, kam derselbe Name von den Finnen 
zu den Slawen in der Form Bus'; der Laut uo oder o, den 
das Slawische nicht hat, ist dabei durch u wiedergegeben: 
genau so wie das finnische Suomi — eigentlich der Name 
eines finnischen Stammes und jetzt der heimische Name für 
Finnland — in den russischen Chroniken durch Sum' wieder- 
gegeben wird 2). 

Was die grammatische Form des Namens Bus' im Sla- 



1) Z. B. finnisch Pietari St. Petersburg (russ. 8. Feterburg\ vulgär 
Fiter); hiiovi ^^ schw. hofman; portto scortum, estn. port = altnord. 
portkona u. a. m. Ebenso geht es bisweilen mit heimischen Wörtern, 
8. A. Ahlqvist, Auszuge aus einer neuen Grammatik der finnischen 
Sprache. Zweites Stück: Zusammensetzung des Nomens, § 14 (Acta 
Societatis Sclentiarom Fennicae tom. X, Helsingfors 1872). 

2) Man könnte sich wundem, dass die Slawen, wenn sie den Namen 
Biis' aus dem finnischen Buotsi haben, ts mit s statt mit c (spr. ts) 
wiedergaben. Um dies Verhältnis zu erklären, braucht man nicht ein- 
mal zu dem Umstände seine Zuflucht zu nehmen, dass in bestimmte 
finnischen Dialekten wenigstens heutzutage ss statt ts gebraucht wird; 
ebensowenig Gewicht will ich darauf legen, dass wir gar nicht wissen, 
wie das finnische ts damals ausgesprochen wurde und wie nah oder wie 
fem dem slawischen c damals dieser Laut stand. Es genügt daran zu 
erinnern, dass ein slawischer i-Stamm Buc' eine Unmöglichkeit ohne alle 
Analogie wäre. Dafür müsste entweder Buc oder Bus' eintreten; und 
dieser letzteren Form hat vielleicht eine Volkset3^mologie , der Anklang 
an das Adjectiv rus' (russ. rustfj), blond, den Vorzug verschaift. 



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103 

wischen anlangt, so ist bezeichnend, dass dies Wort stets als 
Collectivum im Singular gebraucht wird. Sonst kommt diese 
Eigenthümlichkeit in russischen Schriftstücken fast nur bei 
ausländischen Namen vor, besonders bei Bezeichnungen finni- 
scher Stämme oder bei Namen aus den finnischen Sprachen, 
wo das Vorbild für diesen Gebrauch zu finden ist. So haben 
wir in den russischen Chroniken, neben dem schon erwärmten 
Sunt ^ Jam := finnisch Häme (die Tawastier), Mordva^ 
Merja^ Muroma ^ Ves\ Cud\ Perm' u. a. m. Diese That- 
sache bestätigt ebenfalls unsere Annahme, dass der Name Bus' 
durch die Finnen zu den Slawen gekommen sei. 

Von dem slawischen Namen Bus' ist die griechische Form 
desselben Wortes, Bhös (Pwg), hergeleitet, die uns im neun- 
ten und zehnten Jahrhundert begegnet. Man kann zweifeln, 
ob die Griechen diese Form unmittelbar von den Slawen 
empfingen (oder, was auf dasselbe hinausläuft, von den Bussen 
selber, sofern sie slawisch sprachen), oder ob das Wort durch 
eine andere Sprache ging, die es zuvor aus jener Quelle er- 
halten hatte. Zweierlei ist an dieser griechischen Form Bhd$ 
merkwürdig: erstens der Vokal o (w), statt dessen wir u{ov) 
erwarten würden, wenn das Wort unmittelbar aus dem Sla- 
wischen herübergenommen wäre; sodann die Eigenthümlich- 
keit, dass es immer indeclinabel und pluraliter gebraucht 
wird {ot ^Pcog, T(Zv ^Pwg u. s. w., erst in späteren Quellen bis- 
weilen ^Pwaoi). Dieser letztere Umstand ist, trotz des bestän- 
digen Singulargebrauchs des Namens Bus im Slawischen, aus 
dieser Sprache wohl nicht hinreichend erklärbar. Vielmehr neige 
ich dahin, dies als Fingerzeig zu betrachten, dass den Griechen, 
die erst Kunde von diesem Namen durch die Sprache eines 
türkisch -tatarischen Stammes, wahrscheinlich der Chasaren, 
kam (s. oben S. 45), und dass die Griechen selber anfänglich 
die Bussen mit jenen Stämmen zusammenwarfen. In der 
byzantinischen Literatur finden wir türkisch-tatarische Namen, 
und nur diese, gewöhnlich ebenso indeclinabel gebraucht, 
Z. B. Ol OvaQj Xovvvi, 'OywQ, OvC, Ta^yia/ U. S. W. ^). Der- 



1) Kunik (in Doms Caspia, S. 404) erklärt diesen Gebrauch aus 



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104 

selbe Umstand erklärt möglicherweise auch das w der grie- 
chischen Form Rhos (vergleiche die ungarische Form Oroszy 
Kusse, welche, nach dem vorgeschlagenen o zu schliessen, un- 
streitig durch einen türkischen Dialekt ^) überkommen ist). 
Seit Mitte des zehnten Jahrhunderts kommt bisweilen, wie- 
wohl selten, statt der Form Rhos die jüngere Bhusioi 
(PovGioi), Eusii vor, die näher an das slawische Bus' an- 
knüpft; doch mag sie auch von dem griechischen Qovoiog^ roth,. 
rothhaarig (s. S. 49) beeinflusst sein. 

Die Araber erhielten ihr Bus auf ganz demselben Wege 
wie die Griechen (oder etwa aus dem griechischen Bhos? 
vgl. arabisch Büm = Rom). 

Zu den Westeuropäern, besonders zur germanischen Basse^ 
gelangte der Name erst später in der politisch-geographischen 
Bedeutung, in der wir noch das Wort Russland brauchen. Im 
elften Jahrhundert begegnet uns die altdeutsche Form Büzä; 
und in mittelalterlichen lateinischen Urkunden finden wir als 
Name des Volkes zuerst Bussi, Buzzi, Buci u. a. (als Name 
des Landes die entsprechenden Formen Bussia, Buzzia, Buäa 
u. s. w.), etwas später auch Buteni, Butheni *). Die mittel- 
hochdeutsche Form ist Biujse. Aus Deutschland kam der 



einer Identificirimg des Namens Bhos mit dem biblischen 'Poüg (s. oben 
S. 97). Aber für so frühe Zeit (839!) erscheint mir eine solche Ideen- 
association höchst unwahrscheinlich. 

1) Tatarisch Urus, kirgisisch Orus, tschuwaschisch VyrySj mongo- 
lisch Oros. Vgl. W. Schott, Versuch über die tatarischen Sprachen 
(Berlin 1836), S. 28; Solotnizkij, Komevoj öuvassko-russkij slovar' 
(Kasan 1875), p. 245. 

2) Bemerkenswerth ist die formale Gleichheit der verschiedenen Namen 
für Blessen (Beussen) und für Preussen (in mittelalterlichen Handschriften 
theils Pruzi, Pruzzi, Pruci u. a., theils Pruteni, Prutheni). Nach 
C. Lohmeyer in den (Königsberger) Wissenschaftlichen Monatsblättem 
(1879) VII, S. 7 — 12 sind die Formen Pruzi u. s. w. durch polnische 
Vermittlung überkommen, während Pruteni u. s. w. die Form wäre, 
welche die Fremden bei dem Volke selber vorfanden. Verhält es sich 
so, dann ist es wohl wahrscheinlicher, bei der deutsch-lateinischen Fonn 
für Russen eine Anähnlichung an den Namen för Preussen (Prutent) 
anzunehmen, als, wie gewöhnlich geschieht, umgekehrt. Bei Buteni hat 



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105 

Name nach Skandinawien zuilict; in späteren isländischen 
Quellen finden wir Rüssar (Russen) und Bümland oder Rüci- 
land an Stelle des älteren GaräariJci; und im Altschwedi- 
schen By^Uj Eussen, Ryzaland, Russland, wo der Vokal y 
(aus ursprünglichem ü) sowie das z, ein der schwedischen 
Sprache fremder Buchstab, deutlich den deutschen Ursprung 
verräth ^). 

Dies ist im allgemeinen die Entwicklung des Namens 
Eussen von sprachlichem Gesichtspunkt aus. Was seine eth- 
nographische Bedeutung angeht, so haben wir schon gesehen, 
dass insbesondere die Slawen ihn zur Bezeichnung des skan- 
dinawischen Stammes, welcher den Staat in ihrer Mitte 
gründete, dagegen Griechen und Araber im neunten und 
zehnten Jahrhundert ihn auch in einem weiteren Sinne brauch- 
ten, dem Namen Normannen der Westeuropäer entsprechend 
(S. 51. 54), eine Bedeutung, in der das Wort sich bei den Sla- 
wen nicht festsetzte, wiewohl ein Anlauf dazu unzweifelhaft 
genommen wurde. Jetzt entsteht die Frage : für welchen skan- 
dinawischen Stamm brauchten die Slawen den Namen Bus ? 
Und wie konnte dieser Name im Laufe der Zeit seinen Sinn 
so völlig ändern, um zuletzt statt einer skandinawischen 
Nationalität eine slawische zu bezeichnen? 

Ich habe früher gezeigt, wie antiquarische Funde, lin- 
guistische Gründe und ausdrückliche historische Zeugnisse alle 
gleich ermassen beweisen, dass seit unvordenklicher Zeit eine 
äusserst lebhafte Bewegung von Schweden nach den Ländern 
jenseit der Ostsee vor sich ging. Einige Jahrhunderte unter- 
brochen oder nur in geringerer Stärke fortgesetzt, wurde diese 
Bewegung im neunten Jahrhundert mit verdoppelter Energie 
wieder aufgenommen und beschränkte sich damals sicherlich 
nicht auf blos gelegentliche Besuche von Nornvannen , sondern 
skandinawische Ansiedler müssen sich an verschiedenen Stellen 



sich jedoch unzweifelhaft auch ein Einfluss des gleichlautenden Namens 
eines gallischen Volks geltend gemacht, das von klassischen Schrift- 
stellern (Cäsar u. a.) genannt wird. 

1) Vgl. Rydqvist, Svenska Spräkets Lagar IV, 306. 



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106 

der Küsten niedergelassen haben. Eben diesen Eindring- 
lingen und Ansiedlern müssen die Finnen, die Bewohner 
dieser Gebiete, den Namen Ihiotsi, Ruotsalaiset und nach 
ihrem Vorgange die Slawen den Namen Bus' gegeben haben, 
was nun auch der Ursprung und die eigentliche Bedeutung 
dieses Namens sein mag. Damals waren weder Finnen noch 
Slawen Seefahrer, und deshalb konnten sie mit den Skandi- 
nawen nur bekannt werden, wenn die letztere in ihr Land 
herüberkamen. Doch es ist ganz natürlich, dass die Finnen 
späterhin ihi-e Benennung derjenigen Schweden, mit denen sie 
auf finnischem Boden in Berührung kamen, auf Schweden 
selbst ^) übertmgen ; und das um so mehr, als die eigentlichen 
„Bussen" bald von ihnen so weit wegrückten, dass sie die- 
selben vorläufig aus dem Gesichte verloren. Anders ge- 
staltete die Sache sich für die Slawen. Denn sofern auch 
sie auf dem Wege gewesen sein können, die Bedeutung des 
Namens Bus' in ähnlicher Bichtung wie die Finnen zu er- 
weitern, so musste dies für sie bald eine Unmöglichkeit 
werden; und wir werden da auch sogleich sehen, wie sie sich 
einen neuen Namen für die Bewohner Schwedens und über- 
haupt der nordischen Länder schufen. 

Wofern sich dies so verhält — und zu den geschichtlichen 
Voraussetzungen stimmt es doch sehr wohl — , dann werden 
wir, dünkt mich, den Vorgang, den Nestor unter dem Jahre 
862 berichtet, die Gründung des russischen Staates, besser 
verstehen. 

In Nestors Bericht, dessen Quelle zuletzt doch ausschliess- 
lich in der mündlichen Tradition zu Kijew zu suchen ist 
(denn wenn Nestor auch ältere schriftliche Quellen wahr- 
scheinlich hat benutzen können, so scheint es mir doch, als 
dürften einheimische Geschichtsaufzeichnungen allerfrühestens 
in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts angesetzt wer- 



1) In der Sprache der Wepsen (zwischen Ladoga und Onega) soll 
Euotts „Finnländer'* bedeuten (s. Kieletär, toimittanut A. Ahl- 
qvist [Helsingfors 1873] I, 5, 23); doch stammt dieser Sprachgebranch 
möglicherweise erst aus der Zeit, wo Finnland zu Schweden gehörte. 



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107 

den, nachdem das Christenthum einigermassen festen Fuss 
gefasst hatte), ist ein Punkt auf keinen Fall correct: die Zeit- 
bestimmung. Aber mündliche Ueberlieferung kümmert sich 
nicht um Zeitbestimmung, und das von den Chroniken ange- 
setzte Jahr 862 kann nur durch Rechnung irgend einer Art 
gefunden sein. Nestor setzt eine Reihe von Ereignissen in 
dies Jahr, die in diesem kurzen Zeitraum unmöglich Platz 
finden. In einem Jahre werden die warägischen Wikinger 
über die See zurückgetrieben ; die heimischen Stämme streiten 
eine Zeit lang mit einander ; die Russen werden über die See 
gerufen; Ruriks beide Brüder sterben „nach Verlauf von zwei 
Jahren" (!); und zwei seiner Gefolgsleute, Askold und Dir, 
bemächtigen sich Eijews. Hier sind verschiedene Ereignisse 
zusammengedrängt, zwischen denen thatsächlich ein bedeuten- 
der Zwischenraum lag; 862 ist wahrscheinlich das Jahr des 
letzten Ereignisses , der Erobening von Kijew '). Und wie 
sollten die eingeborenen finnischen und slawischen Stämme in 
demselben Jahre, wo sie sich von dem Joch der Waräger 
befreiten, aus freien Stücken gemeinsam einen warägischen 
Stamm wieder über die See gerufen haben? 

An sich ist es sehr unwahrscheinlich, dass die streitenden 
Stämme ein fremdes Fürstengeschlecht geradezu hereingerufen 
haben sollten. In dieser Hinsicht ist die schlagende Aehn- 
lichkeit zwischen Nestors Erzählung und dem Bericht über 
die Ankunft der Sachsen in Britannien bemerkenswerth. In 
seinet Sachsenchronik erzählt uns Widukind die Auflfbrderung 
der brittischen Gresandten an die Sachsen des Festlandes, ihnen 
zu helfen und über sie zu herrschen, fast mit denselben Wor- 
ten, welche Nestor den Slawen und Finnen in den Mund 
legt: „Wir stellen dieses unser Land, das gross und weit 
und an allem reich ist, unter eure Herrschaft"^). Indes ist 



1) Vgl. Nestors russiske Krönike oversat og forklaret af C. W. S m i th , 
p. 217. 

2) „ Terram latam et spatiosam et omnium rerum copia refertam ves- 
trae mandant ditioni parere." Widukind, Res gestae Saxonicae I, 8 
(Mon. G. H. Scr. III, 419) Vgl. Kunik in Doms Caspia, S. 242 ff. 



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108 

jene Erzählung vielleicht nur eine naive, so zu sagen drama- 
tisirte Darstellung der Thatsache, dass die Slawen sich frei- 
willig der Herrschaft der Bussen unterwarfen. Aher selbst 
wenn dem so ist, so gibt die üeberlieferung doch entschieden 
einen Unterschied zwischen den jüngst verjagten Wikingern 
und den „Bussen*^ an die Hand; die letzteren müssen ein Stamm 
gewesen sein, mit dem die Slawen zuvor bekannt und be- 
freundet waren. 

So kommen wir wieder zu demselben Besultat wie vor- 
her. Der skandinawische Stamm, den die Slawen insbesondere 
mit dem von den Finnen aufgebrachten Namen Bus' nannten 
(„ wie andere Swien, andere Nurmanen genannt werden u. s. w. \ 
fügt Nestor hinzu), und der um die Mitte des neunten Jahr- 
hunderts die Herrschaft über die Slawen erlangte, kann des- 
wegen unter keiner Bedingung unmittelbar von den Pinnen 
und Slawen aus Schweden hereingerufen sein. Es müssen 
schwedische Ansiedler gewesen sein, deren ursprüngliche Hei- 
mat die dem finnischen Busen gerade gegenüberliegende Küste 
war, die aber schon eine Zeit lang irgendwo in der Nachbar- 
schaft der Finnen und Slawen, wahrscheinlich bei dem Ladoga- 
see, lebten. Möglich, dass die Bhos^ die 838 oder 839 nach 
Constantinopel kamen, einer solchen Ansiedlung und nicht 
Schweden selber angehörten; auch die Angabe muhammeda- 
nischer Autoren, dass die Bus auf einer ungesunden Insel in 
einem See wohnten, mag ursprünglich von einer solchen 
Niederlassung gelten. Vielleicht ist die Angabe einiger rus- 
sischen Chroniken, dass Eurik und seine Brüder die Stadt 
Ladoga gründeten (vgl. S. 12 A. 2) und sich zuerst dort 
niederliessen, eine Beminiscenz einer solchen Zwischennieder- 
lassung; denn Ladoga liegt wirklich ausserhalb des alten 
Slawengebietes. 

Die Herrschaft der Bussen über die Slawen beginnt mit 
ihrer Niederlassung in Nowgorod. Ihre unbeschränkte Ge- 
walt daselbst erlangte jedoch keine Festigkeit, und Nowgorod 
war bald ihre Hauptstadt nicht mehr. Die wirkliche Grün- 
dung des russischen Staates datirt von der Eroberung Kijews. 
Wir sahen, dass kurz nach der Besitznahme von Nowgorod 



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109 

durch Eurik zwei seiner Anhänger, Askold und Dir, ihn ver- 
liessen und sich dort festsetzten (862 n.Chr.?), und dass 882 
Kuriks Nachfolger Oleg die Stadt Kijew einnahm und zu 
seiner Hauptstadt machte. Seit dieser Zeit verschwand der 
Eussenname von Nowgorod und verknüpfte sich ausschliesslich 
mit Kijew. Von diesem Mittelpunkt ist er in weiteren und 
weiteren Kreisen üher alle die Gebiete ausgebreitet, welche 
nach und nach von der russischen Krone gewonnen wurden. 

Aber indem sich der Name Russen so ausbreitete, änderte 
sich seine Bedeutung vollständig. Es war einst die alte sla- 
wische Benennung der Normannen und wurde zuletzt die Be- 
zeichnung einer rein slawischen Nationalität. 

Eine ähnliche Veränderung ist mit dem Namen Franken 
und Frankreich vor sich gegangen ^). Bekanntlich waren die 
Franken ursprünglich ein germanischer Stamm, der Gallien 
unterwarf. Aus diesem Namen, Franken, bildete sich der 
Ifame Frankreich (Francia)^ die politische Benennung des La'n- 
des und des Volks, welches den ehemals von den Franken ge- 
gründeten Staat oder vielmehr seinen Kern, die „Isle de 
France ^S ausmachte. Als zuletzt die fränkische Nationalität 
ausgestorben oder von dem überwiegenden romanischen Ele- 
mente verschluckt war und die verschiedenen Bässen national und 
politisch sich mischten, da wurde die Benennung Frankreich, 
Franzosen natürlich auf das jetzt einheitliche Volk angewandt, 
aber ein ganz anderes Volk als jenes, dem er anfönglich zu- 
kam. Aehnlich die Geschichte der Namen Normannen (Nor- 
mandie), Langobarden (Lombardei), Bulgaren *) u. a. m. 

So war der Name Bus' oder Küssen zuerst die Benennung 
eines fremden, skandinawischen Stammes, der die Herrschaft 
ober die eingebornen slawischen Stämme sich aneignete, ob- 
wohl die Eindringlinge natürlich ihnen an Zahl weit unterlegen 
waren. Der Name dieses Stammes, Bus\ wurde dann natür- 



1) Vgl. Gaston Paris, Grammaire bistorique de la langue fran- 
•^aise, Le9on d'ouvertnre (1868), p. 8 sq. 

2) Siehe Jirecek, Geschichte der Bulgaren (Prag 1876), S. 136—138. 



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110 

lieh als politisch -geographische Benennung auf alles Land 
unter der Herrschaft der Bussen, die in Kijew wohnten 
(= rus'sJcaja jsemlja, das russische Land, vgl. z. B. „die 
nordamerikanischen Freistaaten", „Oestreich" u. a.), sodann 
auch auf die Bewohner desselben, Slawen wie Nornaannen, 
übertragen; und in dieser letzten Bedeutung unterdrückte er 
nach und nach die alten Namen der getrennten slawischen 
Stämme. Zuletzt, als aus politischer Einheit eine nationale 
wurde, da galt der Name Bussland, Bussen natürlich der 
ganzen Nation. 

Diese Entwicklung des Namens können wir in Nestors Be- 
richt deutlich verfolgen. Während er ausdrücklich sagt, dass 
der Name Bussen eigentlich einem skandinawischen Stamm 
zukam, und er ihn oft in dieser Bedeutung braucht, ist es 
zugleich einleuchtend, dass er in Nestors eigener Zeit seine 
ursprüngliche Bedeutung verloren hatte. Er braucht ihn 
hauptsächlich als politisch -geographische Benennung Kijewa 
und seiner Machtsphäre, des Landes sowohl als der Einwohner. 
In diesem Sinne spricht er von den „.Polänen, die jetzt Bussen 
heissen'S und stellt sich selbst unter die Bussen („wir 
Bussen^*); dagegen nennt er seine eigene Nationalität und 
seine eigene Sprache gewöhnlich slawisch, nicht russifich (wie 
z. B. ein Nordamerikaner seine Sprache englisch, ein Deutsch- 
östreicher seine Sprache deutsch nennt). Dagegen sehen wir 
den Keim der heutigen Bedeutung in Sätzen wie folgendeo: 
„die slawische und die russische Nation" (wörtlich „Sprache") 
„ist eins; denn sie haben sich von den Warägern Bussen ge- 
nannt, aber ehedem waren si« Slawen." 

Hiermit verlassen wir endlich den Ursprung und die Ge- 
schichte des Bussennamens. Denn noch ein Name ist in russi- 
schen Chroniken so eng mit jenem verbunden, dass wir bei 
ihm verweilen müssen. Ich meine den Namen Waräger. 

Wir haben gesehen, dass in einzelnen Stellen, z. B. der 
eben erwähnten, oder wo Nestor von der Gründung des rus- 
sischen Staates spricht, die Bussen mit den Warägern identi- 
ficirt oder vielmehr als eine TJnterabtheilung derselben aufge- 
führt werden. Man kann in dieser Verbindung dem Wort 



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111 

Waräger keine andere Bedeutung geben als Skandinawen. 
Indes wird, wie die Anti- Normannisten mit gutem Grunde 
bemerkt haben, an anderen Stellen der russischen Chroniken 
offenbar ein Unterschied zwischen diesen zwei Namen ge- 
macht. Z. B. bei Igors Zuge werden beide, die Russen wie 
die Waräger, ebenso wie die Polänen, Slawen (d. h. Nowgorod- 
Slawen, Slowenen, vgl. S. 8) u. s. w., unter den ausziehen- 
den Völkerschaften aufgezählt, folglich müssen da mit diesen 
Namen zwei verschiedene Stämme gemeint sein. Dieser Ge- 
brauch des Wortes ist gegen die skandinawische Abstammung 
der Russen angeführt, und hier liegt wirklich eine augen- 
scheinliche Schwierigkeit vor, welche meiner Meinung nach 
bisher nicht genügend aufgeklärt ist. Wir müssen deshalb 
die Bedeutung und Geschichte des Namens Waräger genauer 
betrachten und die gegenseitige Beziehung zwischen diesem 
Namen und dem Namen Russen zu bestimmen suchen. 

Dass der Name Waräger sich nicht auf Russland allein 
beschränkt, ist längst beobachtet: in Constantinopel kommt 
derselbe Name Wäringer oder Waranger {BuQuyyoi) als Be- 
nennung einer Leibwache vor, die namentlich aus Skandi- 
nawen bestand und in den altnordischen Sagas oft unter dem 
Namen Vteringjar, Vceringjaliä ^) erwähnt wird. Bei by- 
zantinischen Schriftstellern findet sich dieses Warangercorps 
zum ersten Mal unter dem Jahre 1034 ^). Es muss jedoch 
einige Zeit vor diesem Datum bestanden haben, wie wir aus 
andern, lateinischen und skandinawischen, Urkunden, die dar- 
auf anspielen, entnehmen können. Unter dem Jahre 980 
berichtet Nestor, Wladimir habe, nachdem er seinen Bruder 
Jaropolk besiegt und die Herrschaft in Kijew an sieh ge- 



1) Lid s= Grefolge, Kriegerscbaar, im Altnord, häufig, auch im Alt- 
schwed. Der Führer eines solchen heisst auf schwedischen Eunensteinen 
Msfonmgi; so Liljegren, Bunurkunder, Nr.397 (= Dybeck, Sveri- 
kes Runurkunder, Stockholmslän, 46) : Rahnualtr huar a Griklanti uas 
lisfonmki, und ebd. Nr. 803: hon fial i uriMtu cmstr i Karpum Us- 
furuki lanmana bestr. 

2) Georg. Cedrenus, p. 735. 



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112 

rissen, die Hauptmasse der warägischen Miethstruppen , die 
ihm allmählich lästig wurden, nach Constantinopel gehen 
lassen. Wie grosses oder geringes Gewicht man nun auch 
auf die Einzelheiten dieses Berichtes legen will, so ist es 
doch in hohem Grade wahrscheinlich, dass eben zu jener Zeit 
die Nordländer bei dem griechischen Kaiser zuerst in Dienst 
traten, was ihre in Bussland sitzenden Stammesverwandten 
schon vor dieser Zeit häufiger gethan hatten (S. 24), sowie 
dass der Zulauf von „Warangem" von Anfang an überhaupt 
als eine Art üeberschuss der Bewegung der Nordländer nach 
Eussland anzusehen ist; ja, solange die „Bussen'* ihre 
nordische Nationalität bewahrten, wurde zwischen ihnen und 
den Einwanderern direkt aus dem Norden kaum ein Unter- 
schied gemacht ^). Schon vor jener Zeit finden wir in den Sagas 
Beispiele von Qriechenlandsfahrern ; so vor 950 Thorkel Thjö- 
8tai*sson und Eyvind Bjai*nason (beide in der Hrafnkels-Saga 
Freysgoda), von denen der erste im Dienste des griechischen 
Kaisers (handgenginn garäskonunginum) stand, während der 



1) Vgl. Cronholm, Wäringarna (Lund 1832), p. 20 sqq. 252 sqq. 
Der russische Geschichtsforscher W. Wasiljewskij hat in einer 
Reihe interessanter Aufsätze im Journal des russischen Unterrichts- 
ministeriums für 1874 und 1875 zu zeigen gesucht, dass die Waranger 
ursprüngUch und noch im elften Jahrhundert wesentlich Russen waren, 
wenn auch einzelne Skandinawen unter ihnen dienten. Er schliesst dies 
zunächst aus dem Umstand, dass wir in byzantinischen Quellen aus dem 
elften Jahrhundert die Namen Russen und Waranger gleichbedeutend ge- 
braucht finden, und leitet den Ursprung dieses Corps von einer Abthei- 
lung von (6000) Söldlingen her, die Wladimir nach griechischen und 
armenischen Quellen 988 dahin abgesandt haben soll. Ich finde das 
Resultat des Verfassers und seine Beurtheilung der nordischen Quellen 
höchst einseitig; trotzdem glaube ich, man muss ihm für die neuen Mo- 
mente dankbar sein, die er zusammengetragen hat, und will gern, worauf 
ich unten zurückkommen werde, die enge Beziehung einräumen, die für 
einen Griechen zwischen „ Warangem " und „ Russen '' bestand ; wohl zu 
merken in der alten Bedeutung dieses Wortes, — ein Punkt, worüber 
Wasiljewskij 's Ansicht nicht klar zu Tage tritt, wiewohl er übrigens 
mit anerkennenswerther Vorurtheilslosigkeit sich der Ansicht vom nor- 
dischen Ursprung des russischen Staates anschliesst. 



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113 

andere als Kaufmann dort war; dann Gris Ssemingsson 
(c. 970 — 980), dem „grosse Ehre vom griechischen Kaiser 
widerfuhr ". Der erste, der mit dem Namen Wäringer in Ver- 
bindung gebracht wird, ist Kolskegg Hämundsson (c. 992, in 
der Njäls-Saga), „Häuptling der Wäringer" (höfäingi fyrir 
Vceringjaliäi) , während die Laxdoöla-Saga minder richtig 
Bolli Bollason (c. 1026 — 1040) den ersten nennt, der bei 
dem griechischen Kaiser Dienste annahm ^). Doch sind dies 
die einzigen Beispiele so frühen Datums, soweit wenigstens 
Norwegen und Island in Betracht kommen. Die Schweden 
dagegen mögen (jedenfalls von den „Warangem", die direkt 
vom Norden kamen), gerade in jener Zeit das Hauptcontingent 
gestellt haben, obwohl die Sagas es natürlich nicht erwäh- 
nen *). Während des elften Jahrhunderts, seit c. 1030, und 
besonders nachdem der norwegische Prinz Harald Haardraade 
{der später im Kampf gegen Harold den Sachsen fiel) unter 
der byzantinischen Plagge gekämpft hatte (c. 1032 — 1044), 
wurde es für Normannen von Bang Mode, in den Dienst 
4er griechischen Kaiser zu treten ; aber auch nach dieser Zeit 
muss ihre Hauptmasse unzweifelhaft noch aus Schweden be- 
standen haben, was durch die Menge schwedischer Bunenin- 
schriften über Griechenlandsfahrer bestätigt wird *). Seitdem 
bildete das Warangercorps ein corjßs d^elite in der griechischen 
Armee, dem besonders die Sorge für des Kaisers Person an- 
vertraut ward. In dieser Eigenschaft werden sie äusserst oft, 
bei griechischen wie b^i skandinawischen Schriftstellern er- 
wähnt, indem die ersteren oft auch auf ihre charakteristische 
Waffe, eine lange, zweischneidige Axt, anspielen *j. Wir fin- 



1) Siehe G. Vigfusson, Um timatal i Tslendinga sögum, in 
Safn tu sögn I'slands ok I'slenskra bokmenta (Kaupmann ahöfn 1856) I, 
407. Vgl. Kunik in Dorns Caspia S. 35 und Munch, Det Norske 
Polks Historie II, 53 sqq. 

8) Vgl. Kunik a. a. 0., S. 378. 

3) Vgl. C ronhol m, Wäringama (Lund 1832), p. 26. 29. 

*) Nach dieser Waffe finden wir sie oft, besonders von gezierten 
Schriftstellern, die den gemeinen und barbarischen Namen Waranger nicht 

Thomsen, UrBpr. d. russ. Staates. B 



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den sie jedoch nidit blos in wimittelbarem Gtfolge des Kaiser» 
als Leibwache^ sondern aach anderswo stationirt ^). Es gibt 
noch hente ein merkwfirdiges Denkmal, das uns handgreiflich 
an diese Wanmger erinnert Ich meine den riesigen Msumor* 
löwen in sitzender Haltong, der jetzt in Venedig den Eingang 
zum Arsenal schmückt. Dieser Löwe wurde nach der Ein- 
nahme Athens durch den venetianischen General Francesco 
Morosini 1687 aas dem Pir&us dorthin geschafft Seit un-^ 
vordenklicher Zeit hatte dies Denkmal bei dem Firäus ge-* 
standen, der davon seinen italienischen Namen „Porto Leone**- 
erhalten hatte. Es ist allerdings ein Werk aus der besten 
Zeit der altgriechischen Kunst; aber das interessanteste für 
uns ist, dass sich, in Schlangenlinien an beiden Seiten Am 
Löwenleibes eingehauen, eine lange Buneninschrifb findet. 
Leider ist diese Inschrift von Zeit und Wetter so verwischt, 
dass sie jetzt fast unleserlich ist ^). Doch hat der auagezeich* 
nete Bunolc^e Professor S. Bugge in Christiania aus der Form 
der Schlangenlinien und der einzelnen Bunen bewiesen ^), dass 
sie um die Mitte des elften Jahrhunderts durch einen Mann 
aus dem eigenüichen Schweden („Svealand*^), wahrsdieinlich 
aus der Landschaft; üpland, eingehaaen vrard; dme Zweifel 
diente dieser Mann einst unter den Warangem und war im 
Piräus stationirt 

Gegen Ende des elften Jdirhunderts scheint das Waräger- 
corps allmählich in seinem Wesen sich geändert zu haben. 
Seit dieser Zeit rekrutirte es nicht blos aus Sbmdinawen, 



in den Mund nehmen mögen, ausdrücklich als ol n6Xsxvq)6Qot ßdgßagoi, 
ol nBXsxvfpoQOi ßaaiXiü)y <pvXaxS{, ol neXixvy nva in dl/uwv fpiqovreg^ 
ol neXixsis %x^vtbs BaQayyoi n. s. w. bezeichnet. 

1) Joh. Scylitzes (p. 864) z. B. erwähnt ol ixt^s BdQccyyoi im 
Gegensatz zu ol 4v t^ naXtiti^ BttQnyyo^y beide aber ate öftoB&yttg. 

«) I>er verstorbene dänische Altertlknmsforscher C. C. Rafn 
hat einen Versuch gemacht, das Ganze zu lesen und zu erklären (In- 
scription runique du Piree = Antiquit^ de TOrient [Copenhague 1856]) ; 
doch ist dieser Versuch als mislungen zu betrachten. 

») In Kongl. Vitterhets Historie och Antiqvitets Akademiens Mänads- 
blad, Nr. 43 (Stockholm 1875), p. ^7 sqq. 



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115 

sondern auch ans Englindern, die nach der normannischen 
Erobemng, aus ihrer Heimat vertrieben oder mit dem Stand 
der Dinge dort unzufrieden, nach Constantinopel wanderten, um 
im griechischen Dienste, besonders im Kampfe gegen die 
Normannen Süditaliens, Angehörigen desselben Stammes, der 
ihr Vaterland unterjocht hatte ^), Lorbeem zu erringen; sehr 
wahrscheinlich waren untw diesen Engländern auch viele 
Dänen. G^n Ende des zwölften Jahrhunderts lesen wir bdi 
einigen Autoren, dass die Waranger Dritten (B^netryol) oder 
Engländer CTyyXu/oi) wären und englisch {iyicXiPKTTi) sprächen. 
Seit Anfang des dreizehnten Jahrhunderts wurden die Besuche 
vmi Skandinawen in Constantinopel immer seltener'), und 
endlich bestand das Warägercorps ausschliesslich aus Eng- 
ländern. So scheint es bis zum Untergänge des byzantinischen 
Reichs bestanden zu haben. 

Wegen der Stellung der Wtranger in Constantinopel so- 
wie des häufigen Auftretens der Waräger in der russischen 
Geschichte als Söldner im Gefolge des Fürsten ist dieser Name 



1) Gaufredus Malaterra m seiner Hist. Sicnla III, 27 (Mura- 
tori, Rer. Ital. Scr. [1724] V, 584) erwähnt ,,Angii quos Varingos ap- 
pellanf im griechischen Heere von 1081. VgL Orderie Vitalis, 
Hist. ecd, IV, 3; VII, 5 (ed. Aug. le Prevost n, 173; Ul, ie9). 
Free man, The Norman conquest of England IV, 627 sqq. 

2) Saxo GrammaticuB (um 1200n. Chr.) sagt noch: „Inter cae- 
teros, qni Constantinopolitanae urhis stipendia merentor, Danicae vocis 
homines primnm militiac gradom obtinent, eommqae custodia rex sa- 
Intem snam rallare consuevit'^ (Saxcais Grammatici Hist. Dan. reoc. 
P. E. Müller et J. M. Velschow [Havniae 1839] I, 2. p. 610). Auch 
bei der Vertheidigung Constantinopels gegen die Lateiner 1203 bis 
1204 werden sowohl Engländer als Dänen erwähnt; vgl. Robert 
de Clary, La prise de Constantinople, c. 80 (Chroniques gröco-romanes 
in^dites ou peu connues, publ. p. Ch. Hopf [Berlin 1873], p. 63): 
„Engles, Danois estoient et gens d'autres nations", und Villehar- 
douin, La Conqudte de Constantinople 171 (Teite original etc. par 
Natalis de Wailly [Paris 1872], p. 96): „li murs fu mult gamiz 
d'Englois et de Danois", und 185 (p. 106): „li Grifon orent mis d'En- 
glois et de Danois a totes les haches ä la porte, tres ci que al palais de 
Blaqueme ". 

8* 



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116 

bisher einstimmig für die ursprüngliche Bezeichnung eines 
militärischen Corps erklärt und sein Ursprung insgemein in 
Gonstantinopel gesucht; erst später soll er zur Bezeichnung 
des Volks geworden sein, aus dem die Leibwache gebildet 
wurde. 

Die Form des Wortes Wäringer oder Waranger verräth 
skandinawischen Ursprung; die Endung -4ng (-eng), -ang ist 
weder slawisch noch griechisch, sondern skandinawisch *), und 
alle Deutungen, die nicht von dieser Annahme ausgegangen, 
sind mislungen. Unter den vielen Etymologien, die für dies 
Wort vorgeschlagen sind, genügt den Fordeioingen der Sprach- 
wissenschaft einzig die Ableitung vom altnordischen vdr, ge- 
wöhnlich pluralisch vdrar, Treue, öelübde; angelsächsisch finden 
wir dasselbe Wort in der Form wtßr, mit fast demselben 
Sinn, Bürgschaft, Gelübde, Bund. Daher hat man die Worte 
Wäringer oder Waranger erklärt: „Verbündete", oder: „Ge- 
schworene". Anfangs, als diese Deutung aufgebracht wurde, 
glaubte man eine Stütze dafür in einem noch älteren Namen 
Foederati {0oi6eQaTOi) zu finden*), der Bezeichnung eines 
Söldnercorps in der byzantinischen Armee (im dritten und 
vierten Jahrhundert Goten), dessen Fortsetzung dies Waräger- 
corps gewesen wäre in der Weise, dass Waranger^ Wäringer 
der nationale, germanische Name dieses Corps war. Indes 
bestand ohne Zweifel gar kein Zusammenhang oder Bezug 
zwischen diesen beiden Corps, da im fünften Jahrhundert die 
Foederati aus den heterogensten Elementen, hauptsächlich aus 
Orientalen^ bestanden und so gleichzeitig mit den Warangem 
und von ihnen getrennt fortgelebt haben. Aber wenn sich 
dies so verhält, so haben wir allen Grund, zu unter- 
suchen, ob die Entwicklung jenes Wortes nicht ganz anders 
gewesen ist, als bisher angenommen; um so mehr, da weder 



1) Vgl. Miklosicb, Die Fremdwörter in den slawischen Sprachen 
(Denkscbr. d. phil.-hist. Classe d. kais. Akad. d. W. XV [Wien 1867]), 
S. 14. Ders., Vergl. Gramm, d. slaw. Sprachen II, 317 f. 

2) J. Ihre, Glossarium Sniogothicnm (üpsaliae 1769) 11, 1069. 
1070. 



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117 

das altnordische vdr-ar, worauf man es zurückgeführt hat, 
noch die entsprechenden Wörter der verwandten Sprachen je 
zur Bezeichnung des Eides eines Kriegers oder eines Gefolgs- 
mannes gebraucht wurden. 

Ist es wirklich sicher, dass der fragliche Name ursprüng- 
lich ein militärisches Corps oder irgend eine militärische 
Einrichtung bezeichnete? Ich glaube nicht, und ich be- 
trachte eine solche Meinung als reine Hypothese. Im Gegen- 
theil halte ich daran fest, dass die eigentliche Bedeutung 
des Wortes Waräger, Waranger im ganzen Osten eine 
entschieden ethnographische war, nemlich Skandinawen oder 
specieller Schweden. 

In den russischen Chroniken finden wir das Wort Waräger 
(russisch Varjag' [eig. Vareg^], Plural Varjagi) stets in diesem 
Sinne gebraucht, so z. B., wo von der Gründung des russischen 
Staates gehandelt und ausdrücklich gesagt wird, dass einige 
Waräger Bussen hiessen, wie andere Swien, andere Nurmanen 
u. s. w.; und noch unzählige Stellen sind ebenso deutlich. 
Kurz, es kann nicht zweifelhaft sein, dass die Waräger überall 
bei russischen Schriftstellern, mögen sie nun als Söldner im 
russischen Heere erwähnt werden, wie es in früheren Zeiten, 
oder als friedliche Kaufleute, wie es im zwölften und drei- 
zehnten Jahrhundert fast die Eegel ist, nie etwas anderes als 
Skandinawen, speciell Schweden sein sollen. Diese geogra- 
phische Auffassung ist die einzige, die an jeder Stelle aus- 
reicht. Verhältnismässig hohes Alter muss man dieser Be- 
zeichnung zuschreiben wegen des ümstandes, dass in den 
Chroniken die Ostsee „Waräger -Meer" (varjai'sJcoje more) 
heisst. Dass dieser Gebrauch des Wortes selbst nach Ver- 
lauf von Jahrhunderten nicht vergessen war, wird z. B. durch 
den Brief klar bewiesen, den der russische Tsar Iwan der 
Schreckliche 1573, als er auf die schwedische Krone Anspruch 
erhob, an den Schwedenkönig Johann HL schrieb. „Eure 
Leute", heisst es da, „haben meinen Ahnen seit ganz alten 
Zeiten gedient; in den alten Jahrbüchern werden Varjag's 
erwähnt, die sich in dem Heere des Selbstherrschers Jaroslaw- 
Georgi befanden; aber die Varjag's waren Schweden, also 



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118 

seine ünterthaneB*^ ^). Ebenfalls in einem Bericht über die 
Belagerung des Tiehwinklosters durch die Schweden (1613) 
findet sidi die Benennung Varjtug^s^). 

Wenden wir uns zu den arabischen Schriftrtellem, so 
finden wir dort gkiohfalls das Wort Warank^ aber nmr in 
geograi^iischer Bedeutung. Der erste muhanimedanisdie 
Schriftsteller, der die Warank erwähnt, ist al*Birüni (geboren 
in Chorasmien 973, gestorben um 1038 n. Chr.), ein tosserst 
gelehrter und wichtiger Autor, you dessen Werken, soweit sie 
noch vorhanden sind, erst ein kleiner Theil veröffentlicht ist. 
Aber von einigen jüngeren Schriftetellem, die sich auf ihn 
als Quelle berufen, erfahren wir, dass er erwähnt hatte ^eiae 
Bai des grossen Oceans, die sich nordwärts von den Slawen 
ausstreckt und Waranger-Meer (Baihr Warank) heisst; aber 
Warank ist der Name eines Volks, das an seinen Küsten 
wohnt'' ^). Hier bezeichnet der Name Warank offenbar die 
Skandinawen, speciell die Schweden, und das „ WarangeivMeer ^' 
ist deutlich die Ostsee, welche, wie wir bemerken, von den 
russischen Chroniken mit demselben Namen genannt ward. 
Eine persische Handschrift von Birünis „Unterweisung in der 
Astronomie'^ (1029 verfasst) ist jüngst entdeckt; an drei 
Stellen dieses Werkes q[>richt er von den Warank und setzt 
sie in der beigegebenen Karte deutlich an die Ostküste von 
Schweden ^). Denselben Namen erwähnte auch ein Autor, auf 
den sich andere oft beziehen, Schiräsi, der am Ende des drei^ 
zehnten und Anfang des vierzehnten Jahrhunderts lebte. In 
einer neueren türkischen Geographie (des siebenzehnten Jahr- 
hunderts), im Dschihän-numa von Hadschi Ghalfah, heisst 
es: „Das Deutsche Meer (Bahr Alaman) heisst in unser^i 
geogiaphischen und astronomischen Büchern Wanmger*Meer 



1) Karamsin, Geschichte d. mss. Beiehs (übersetzt Biga 1820 £), 
Vm, 178. 

2) Pobioje sobranije russkich* letopisej, izdaimoje archeograficeskoju 
kommissieju (St. Petb. 1841), HI, 283. 

«) Frähn, Ibn Foszlan, p. 177—204. 
4 Siehe Knnik in Dorns Caspia, S. 368. 



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119 

{JSoJ^r Warank). Itot gelehrte SoMiräd si^ in Bei&em Tob- 
feh: 9, An seiner Küste wohnt ein Volk von schlanken^ krie^ 
Iberischen Männern ^S und meint mit diesen Wartxni das 
echwedisohe Volk. . . . Jetzt heisst dies Meer in den Sjmchen 
-der umwohnenden Völker das bsätisehe/' ^) Diese Belege zeigen 
Mnreichend, dass «uoh in orientalisdier Terminologie das 
Wort Warank seit Aaümg des elften Jahrhunderts seine geo«^ 
graphische Bedeutung ,,Skaiidiiiaweii^S speciell „Schweden^, 
imd keine andere hatte. 

In byzantinischer Terminologie bezeichnet idlerdings der 
Name Warangoi {Bd^ayyoi) eine bestimmte militärische 
ITruppe. Ich halte dies jedoch nicht fflr di6 ursprüngliche 
Bedeutung des Wortes: a^ch bei den Griechen war es änAng- 
Uch die volkstiiümliche ') Bezeichnuog für die Skandinawen 
(speciell die Schweden) als Volk und nicht kurzweg der Name 
einer besonderen Heeresabtheilung. Dies deutet in byzanti- 
nischen Schriftstellern die Thatsache an, dass wir übemll den 
Namen Warangoi den Namen anderer Nationen gleichgestellt 
finden. So werden „Franken und Wäranger" oft zusammen er^ 
i/irähnt '). Von Georgius Cedrenus *) werden einmal die Wa- 
Tanger den Bomaiern d. h. den einheimischen Griechen gegen- 
über gestellt, wenn er sagt: „Die Soldaten^ die im Palaste 
Wache hielten, beide, Bomaier und Waranger"; er setzt hine- 
in, es sei „eine keltische (!) Nation". Die gelehrte und be* 



i) Siebe Frähn a. a. 0., S. 196. 

9) Ygl Job. Scylitzes, p. 808 (a 644 der Bonner Ausgabe) 

3) Z. B. Georg. Cedrenus, p. 787 (u. d. X 1050 n. Chr.): td 
<TvfAfiaxixd TiKvraf ^qctyyovg fpnfjtl xal Baqdyyavg. Ebenda p. 789 (u. 
4, J. 1052 n. Chr.): ^dyyovg xal Ba^yyovg. Job. Scylitzes, 
p. 823 (u. d. J. 1068 n. Chr.): i ^^ paaiMg tnqaxdy inayoftsyog ix tc 
AIaxBd6vä>y xai BovXyuQav xai Kannctdoxwy xtci OvCtoV xcA rcir aXXiov 
TtttQaivx^yTwv i&yixütVi nqoi de xai ^Qäyymv xai Baqdyyoiv» Ebenda 
p. 858 (1078 n. Cbr»): fAStd Ba^dyyiav xai ^Qayyioy nkli&ovg noXXov, 

*) p. 792 (n. d. J. 1056 n. Chr.): oi q>vXdaaoyxes iy xm na- 
Xaxii^ üxqaxmxai 'F^fAaiol xs xai Bdqayyoi {yivog &h KsXxiXoy ot Bd'^ 
Qttyyoi (iicd-otpoqovyxBs 'Ptüfiaiois), 



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120 

lesene Prinzessin Anna Comnena spricht von den „Warägern 
aus Thule", die sie weiter als die „axttragenden Barbaren** 
bezeichnet ^) ; sie setzt diese erstens einer Abtheilung des 
einheimischen Heeres, dann den Nemitzoi entgegen, „die 
ebenfidls", wie sie sagt, „eine barbarische Nation sind"*). 

In der von Leo von Ostia geschriebenen Chronik des süd- 
italienischen Klosters Monte Gassino findet sich derselbe Name 
in der itaüenisirten Form Guarcmi oder Otudani und wird 
da oflfenbar als Name eines Volkes (nemlich der Schweden) 
gebraucht; so werden „Dani, Bussi et öualani" (unter dem 
Jahre 1009) als griechische Hülfstruppen erwähnt, die nach 
Apulien und Calabrien geschickt waren" ^). Eine isländische 
Saga legt endlich in derselben Bichtung Zeugnis ab. In 
Harald Haardraadas Saga (cap. 3) wird nemlich gesagt, es 



1) Anna Comnena p. 62 (u. d.J. 1081 n. Chr.): rovs ix rfjg Bov- 
krjs BaQayyovg (rovrovi &^ Xäy<o tovg nsX$xv(p6Qovi ßagßctQovi). Thule 
bezeichnet hei Procopiofi (der unter seinen Bewohnern die Tavxoi und die 
2xQi&i(pwoi erwähnt) und nach seinem Vorgänge bei anderen griechischen 
Autoren des Mittelalters, besonders solchen, die ihre Gelehrsamkeit glänzen 
lassen wollen, die skandinawische Halbinsel, Schweden und Norwegen. 
Cronholm, Wäringama (Lund 1832), p. 36 sqq. und Werlauff in 
Det Egl. Danske Videnskabemes S'elskabs bist, og philos. Afhandlinger 
(1845) YU, 90 sqq. 4^. Warum es bei Anna Comnena England sein 
soli^ sehe ich nicht ein; übrigens ist das in jenem Zusammenhange 
gleichgültig. 

2) Ebenda: tovs NSfiirCovs {^&vog dk xal tovto ßciQßciQixoy xal t§ 
ßaaiXeiff 'PmfjittCtav dovXsvov dyixad'By). Die Nemitzoi sind offenbar die 
Deutschen, die bei den Slawen Nemci heissen. Vgl. Constantin Por- 
phyr og.. De cerimonüs aulae Byz. II, 398: . . . £^g tov qnya Sa^mfiag 
[i. e. Saxouia], Big x6y Qfjya BaiovQtj [i. e. Bavaria], (eauv dh av%n n 
X^Qf* oi Xeyo^Bvoi NBfAixZ^oi), 

8) „ Cum superbiam insolventiamque Grecorum , qui non multo ante 
a tempore scilicet, primi Ottönis Apuliam sibi Calabriamque, sociatis in 
auxilium suum Danis, Bussis et Gudlcmis, vendicaverant, Apuli ferre 
non possent, . . . eum Melo et Datto rebellant." Mon. Germ. Hist. 
Scr. VII, 656; Guarani ib. 676. Vgl. Kunik in DomsCaspia, S. 376 £ 
Auch in anderen süditalienischen Chroniken werden um die Mitte des 
elften Jahrhunderts die Waräger unter der Form Cruaragni, Guarangi, 
Guaranci u. a. erwähnt. 



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121 

gäbe in Constantinopel „eine grosse Menge Normannen, die 
man da Waranger nannte** ^). 

Die beigebrachten Zeugnisse beweisen, denke ich, deutlich^ 
dass die Griechen das Wort Waranger nicht nur überhaupt 
und namentlich im elften Jahrhundert als Namen eines Volka 
(Skandinawen, Schweden) gebrauchten, sondern dass dies seine 
ursprüngliche und älteste Bedeutung bei ihnen wai*. In dieser 
Bedeutung löst der Name Wa^anger {BuQuyyot) allmählich den 
älteren Namen für die Nordländer (Normannen) Bhos (Pwg) 
ab, der, wie oben erwähnt, im neunten und zehnten Jahr- 
hundert vorherrscht, im Laufe des elften aber in demselben 
Grade ausser Gebrauch kommt, in welchem das nordische 
Element in Eussland mehr und mehr dem slawischen weichen 
muss. Zur Aufklärung über das Verhältniss dieser beiden 
Namen sind gewisse Eigenthümlichkeiten der Benennung in 
den byzantinischen Quellen des elften Jahrhunderts von Inter- 
esse , welche der russische Professor W. Wasiljewskij hervor- 
gezogen hat ^). So finden wir an einzelnen Stellen (wie Atta- 
liota p. 253 sqq.) dieselbe Truppe {avfA/Liaxixoy) bald 'jPw^, bald 
BuQayyoi benannt und bei etwas späteren Autoren (wie Soy- 
litzes, Cedrenus) bisweilen die letzte Benennung, wo ihre 
Quellen (wie Psellus, Attaliota) die erste (oder das gleichbe- 
deutende TavQoaxv&al) haben, während dagegen zu jener Zeit 
die beiden Namen nie als von einander verschieden auf- 
treten. Interessant ist es ferner, dass uns aus griechischen 
Urkunden aus der letzten Hälfte des elften Jahrhunderts vier 
Beispiele bekannt werden, in denen die fraglichen Namen zu 
einem Compositum zusammenschmelzen: theils Ba^ayyoi-Pcig 
(1060), theils "Pwg-BaQayyoi (1075, 1079) und "Ptoooi-BaQav 
voi (1088). Wie alles dies nur unter der Voraussetzung ver- 
ständlich wird, dass Baqw/yoi als Volksname gefühlt wurde, 
so verspüren wir hierin deutlich das Ringen zwischen dem 



1) „ Par var mikill fjöldi NorSmanna, er peir kalla Vseringja". Pom- 
manna Sögur (Kopenhagen 1831) VI, 135. 

2) Journal des rnss. Unterrichtsminist., Bd. CLXXVIII, 2. S. 76 ff., 
bes. 123 ff. Vgl. CLXXXIV,2. S. 178 ff. (vgl. oben S. 112 Anm.). 



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122 

älteren Namen fOr die Nordlftoder, ^P«fci ^uid dem jüngeren 
Namen Baqayyoi. Wks insbesondere die erwähnte Verbindung 
beider Namen angeht, so haben wir hier offenbar einen Ver- 
sadi, die Bedeutung des Namens ^Paic «= Skandinawen im 
G'^nsatz zu den Bewohnern Busslands näher zu bestimmen. 
In gewisser Weise lässt sich jene Zusammensetzung mit dem 
von russischen Historikern in neuerer Zeit eingefihrten, fibri^ 
gens nicht gerade glficklichen Namen ^^Warägo^Bussen^* ver«- 
gleichen. 

Indem ich aber so behaupte^ dass der Name Bagayyöi f&r 
die Oriechen ursprünglich ein Yolksnune war, so räume kk 
zugleich gern ein, dass er als solcher mit bestimmtem geo^ 
graphischem Hintergrunde kein langes Leben hatte. Wir 
müssen bedenken, dass die Griechen (nachdem die Bussen sla^ 
wisirt waren) mit den Nordländern meist nur soweit in Be- 
rührung kamen, als diese als Söldner nach Gonstantinopel 
gingen, und dass, bald nachdem das Wort Warcmger als Be^ 
nennung der Nordländer die Oberhand gewonnen hatte, der 
Ersatz der Truppe, die sie gebildet hatten, immer mehr aus 
England bezogen wurde. Es kann uns also nicht Wunder nehmen, 
dass dieser Name allmählich zu einer allgemeinen Beeeich-^ 
nung derjenigen Nordeuropäer verblasste, die im griediischen 
Heere dienten, eine eigene Fremdenlegion bildeten, ebenso h^ 
waffnet waren und die nemliche Stellung einnahmen wie sei-^ 
ner Zeit die Skandinawen. Zu einer solchen Yeränderung d^ 
Wortbedeutung kann man leicht Parallelen finden, wogegen 
die Anwendung eines Wortes, das ursprünglich zur Bezeich'- 
nung einer Leibgarde diente, als Benennung einer Nation, aus 
der diese Garde wesentlich bestand, sicher ohne Beleg ist. 
Ich brauche nur an die „Schweizer Garde *^ der französischen 
Herrscher und die des Papstes heutzutage zu erinnern, welche 
denselben Namen weiter trl^, obwohl sie längst nicht mehr 
ausschliesslich aus Schweizern besteht. Das Wort Zuaven 
war gleichfalls zuerst der Name eines einzelnen arabischen 
Stammes, der die ersten solcher Truppen aushob ; jetzt ist es 
die Bezeichnung aller Arten von Truppen geworden, die ähn- 
liche Uniform tragen wie die ursprünglichen Zuaven. 



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128 

In skaadinawischen Quellen findet aich die Eigenthümlkb- 
Iceit, das8 das echt nordische Wort Vceringjar (Singular V^er^ 
ingr oder V^ringi) seinem Sinne nach halb »udändisch 
wird, sofern es nur die skandinawiscbe Leibgarde im Dienste 
d^ griechischen Kaisers beaeichnet und ebensowenig auf Skan<^ 
dinawen im allgemeinen als auf ii^nd andere fremde Truppen 
in Constantinopel geht. So werden in Hakon Herdibreid's 
Saga cap. 21 ^) die Vaeringjar deutlich den Franken und 
Flamländem g^enübergestellt, deren Stellung in der griechi- 
schen Armee immeriiin dieselbe war. Das Wort kann diese 
Bedeutung nicht in den skandinawischen Ländern erlangt 
haben; es muss vielmehr durch Skandinawen, die in Constan- 
tinq[)el gewesen waren, dahin zurückgebracht sein. Ein ganz 
vereinzelter Fall ist es, wenn wir in einer Saga das Wort 
Vaeringjar in dem Sinne von Skandinawen oder Normannen 
im allgemeinen gebraucht finden. So ist es in der verfafilt- 
nissm&ssig jungen Thidrek*s Saga (von c. 12M n. Chr., und 
nach deren Vorgang in der V6lsunga Saga) der Fall; und da 
Einzelnes in derselben Saga beweist, dass der Autor in Buss^ 
land JBeziehungen hatte, zumal da ihm verschiedene Oertlich- 
keiten daselbst offenbar wohl bekannt sind, so ist es wahr- 
scheinlich, dass der eigenthümliche Gebrauch des Wortes Vaer* 
ingjar in dieser Saga eine Nachahmung der russischen 
Bedeutung des Wortes Vor jag" ist; gleichviel, ob der Autor 
seine Qelehrsamheit zu zeigen wünschte, oder ob er diesen 
Gebrauch wirkUdi praktisch fand ^). Diese Bedeutung ist 
sonst im Norden unbekannt 

üeberblicken wir die hier angeführten Argumente, so 
scheint es mir unfragUch, dass Waräger unter den Völkern 



1) Heimskringla eller Norges Kongesagaer vdg. ved C. B. ÜDget 
(Christiania 1868), p. 776 (= Fonunaima Sögur [Kopenhagen 1830] 
V, 137). 

s) y^ G. Storm, Sagnkredsene om Karl den Store og Didrik af 
B^m hos de nordiske Folk (Christiania 1874), p. 91 sqq. Aehnlich 
scheint das Wort in der kleinen Olafe* Saga (Christiania 1849), p. 88 
gebraucht zu sein: Visringr ein/n i Gardum austr u. s. w. 



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124 



des Ostens stets eine geographische oder ethnographische Bezeich- 
nung war, und dass die Einwohner von Skandinawien, speciell 
die Schweden damit gemeint wurden. Ist dem so, dann 
haben die Griechen ohne Zweifel diesen Namen aus Bussland 
erhalten ^). Die Skandinawen waren, lange bevor die Griechen 
ihre Bekanntschaft machten, in Bussland bekannt; ja eben 
die Bussen führten sie zuerst in Constantinopel ein, und die 
Skandinawen, die später nach Griechenland gingen, reisten 
meist durch Bussland. Eben aus diesem Grunde scheint mir 
die Annahme ungereimt, dass das Wort in Constantinopel ge- 
prägt und später von da nach Bussland hinübergenommen 
wäre. Ob die Araber ihrerseits dies Wort von den Griechen 
oder direkt aus Bussland erhielten, muss unentschieden blei- 
ben; doch lässt die Form des arabischen Namens eher auf 
ersteres schliessen. 

Bedenken wir andererseits, dass der Name seiner Wurzel 
nach unbestreitbar skandinawisch ist, jedoch in altnordischer 
Literatur als halbausländisch aufkritt, so scheint mir nur eine 
Erklärung möglich: eine Erklärung, die gleichzeitig alle 
philologischen und historischen Zweifel löst. Es ist die An- 
nahme, dass das Wort unter den Skandinawen, die in früheren 
Zeiten in Bussand sassen, d. h. unter jenem Stamme, den die 
Slawen Russen nannten, entstanden ist und zwar als Bezeich- 
nung ihrer Landsleute westlich der Ostsee oder jedenfalls der- 
jenigen von diesen, welche die lebhafte Verbindung zwischen 
Altrussland und Skandinawien nach und nach herüberführte. 
Ist diese Annahme richtig, so gewinnen wir in diesem rein 
skandinawischen Namen einen neuen Beweis für die skandi- 
nawische Nationalität der Bussen. 

Die dem russischen Varjag^ (* Vareg'), sowie mittelbar dem 
griechischen Warangos und dem arabischen Warank zu 
Grunde liegende skandinawische Form scheint auf den ersten 



1) Die Form des Suffixes im Griechischen -ayy deutet auf eine Ver- 
mittlung mit einer südslawischen Form vareg\ vielleicht unter gleich- 
zeitiger Anähnlichung an den in verschiedener Hinsicht parallelen Namen 
^Qccyyog, 



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125 

Anblick eher Väring- zu sein als Vceringi, wie die gewöhn- 
liche altnordische Form mit Umlaut des älteren d im (b 
lautet ^). Ganz sicher ist indes diese Folgerung nicht , da 
dies zufällig das einzige sichere Beispiel eines aus dem Nor- 
dischen ins Slawische übernommenen Wortes wäre, das im 
Nordischen den Yocal <b enthält, und wir überhaupt keinen 
Anhalt haben, um mit Sicherheit zu beurtheilen, auf welcher 
Stufe der Umlautswandelung von d zxicb der betreffende nor- 
dische Dialekt zu der Zeit gestanden hat, wo die Entlehnung 
unseres Wortes stattfand. Sehr möglich ist es, dass der Um- 
laut des d erst in einer so geringen Trübung bestand, dass 
es für Slawen natürlicher war, ihn durch a und nicht durch 
einen e-Laut {e oder e) wiederzugeben. Aber wie dem auch 
sei, das nordische Wort muss eine Bildung vom Stamme 
vär- sein. Das Altnordische besitzt mehrere Worte dieser 
Form, darunter sicherlich nur eins, das in diesem Falle g^ 
ii^gt ^, dasselbe, auf das schon früher (S. 116) verwiesen ist. 
Nur die Erklärung des Wortes, die man von eben diesem 
Standpunkt aus allgemein vorträgt, scheint mir willkürlich 
und unhaltbar, wiewohl ich mich natürlich nicht erdreiste, 
diejenige, welche ich an ihre Stelle setzen werde, für völlig 
sicher und unfehlbar auszugeben. 

In verschiedenen germanischen Sprachen findet sich ein Wort, 
dessen älteste Form värä ist (altnordisch vdr-ar, angelsächsisch 
wcer, althochdeutsch wära u. s. w.). Die Bedeutung dieses 
Wortes ist: 1) (Wahrheit), Versprechen, Versicherung, Treue 
(insofern einer bei seiner Versic.herung bleibt) ; 2) (= mittel- 



1) Kunik in Dorns Caspia, S. 250ff. 

2) An einem anderen Orte habe ich die Yermathung ausgesprochen, 
"Vißringi könne eine Ableitung vom altnord. vdr, Frühjahr, sein, ur- 
sprünglich mit besonderer Beziehung auf die Nordländer, die im Früh- 
jahr, wenn die Schiffahrt beginnt, nach Bussland kamen, im Gegen- 
satz zu denen, die dort schon sassen (vgl. angels. aumerlida, das 
Sommerheer, Benennung des Normannenheeres in angels. Ohron. u. d. 
J. 871). Doch lassen sich dagegen zu gewichtige Einwendungen vor- 
bringen. 



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126 

alterL-lst ireuga) Yeriarag, Friede; 3) (in Besag auf denj^i^ 
gen, der die varä des aiuleren hat oder erhl^) Friede ala 
Sicherheit, Schats^). 

Im Altnordisohen ist vor im SiBgolar Name der Gottheit 
der Treue ^); der Plural wirmr bedeutet (Müfade, Terpfiüidete 
Treue, besonders zwischen Mann und Frau, bisweilen zwischen 
persönlichen Feinden *)• Die eigenth&mliohe Bed^itangs&rbft 
ist hier aho ganz dieselbe wie in d«i verwandten Sprachen, 
nemlioh Oelübde als Sicherung; der Begriff Treogelfibda 
eines Kriegers oder Gefolgsmannes ist dieser Worzel dnrch«^ 
gehends fremd. Verwandte Worte im Altnordischen sind das 
AdjectiT varr, friedlich, sicher; behaglich, beqnem; stille 
nthig, ^- und die Sabstantive vmriy Amfenihalt, Sehutz, sowie 
nmra, Behaglichkeit, W&rme; Buhe, Sehnte^). Eine Bildon? 
von derselben Wurzel ist das altnordische eaeringr oder wer^ 
ingi, das offenbar gebildrt ist wie z. B. hysmgi Uysingr, 
Freigelassener (ron ley^a, lOsen, freilassen)^ frelsingi, Freier 
(von frdsi, Freiheit, frdsa^ befreie), bandifigii GefEuigener 
(von Inmd, Band, Fessel), ramingi rcmingr^ Beraubter, selten 
Bäuber (von rtjena^ rauben), aumingij Elender (von aumr^ 
elend) u. a. m. Worte dieser Form haben Umlaut nur, so* 
weit schon das Stammwort den Umlaut hat^), sowie — was 



1) Siehe Müllen ho ff in der Zeitschrift für deutsches Alterthmn 
Bd. XVI, N. P. Bd. IV (1878), p. 149. 

s) Vgl. Bngge, Srnnundaar Edda (Cbristiania 1867), p. 128. 
9) Sigrdrifamäl 23 und 85, in der Sasmundar Edda. 

4) Diese Wörter haben, wenigstens im wesentlichen, nichts zn thun 
mit altnordisch vera, vesa, sein, gotisch visan; vgl. altnordisch üvuerr,. 
ruhelos, böse, unbequem (im jetzigen Ncnwegisch ufHBr, 9vmr^ ruhelos,, 
böse, unwillig), «k^^er», Ünrmhe, offenbar entsf^rechend gotisch unver- 
Jan, böse sein, und tmvtreif Unwille; aber diese gotischen Wörter (su- 
sammes mit tuz^i>€rjcm, zweifeln) sind unlraglich Ton ^vero, der gotischen 
Form für värd, abgeleitet. Doch wiU i^ nickt bestreit», dass in den 
ahn. WörtMB, nachdem 8 iM.r geworden, sich eine Vermischung der beiden 
Wurzefai wir und vets eingeschlieben haben kann. 

5) Vgl. L. P. Leffler im^Nord. Tidskrift forPflologi og Pädagogik, 
N. R. II (1875), p. 15. 



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127 

nicht zu übersehen ist — passive Bedeatong, wo es nur irgend 
m(^glich ist. Mit Bücksicht hierauf ist es sicher das nfiehst* 
liegende, voeringi mit vcerr^ vceri, vtera zusammenzubringen 
und als Grundbedeutung anzusetzen: „ein^, dess^ Stellung 
vertn^smässig gesichert ist, oder der Sidierheit und Schuta 
findet ^^ (die Vorstellung eines Flüchtlings, der Schutz sucht, 
braucht sidi nicht im enttentesten damit zu verbinden) ^). In 
staatsrechtlichem Sinne würde Waräger also ungefähr so viel 
sein wie „Sehutzbürger^, und so wäre es ohne Zweifel ge- 
rade der bezeichnende Ausdruck für die bevorzugte Stellung, 
welche die Nordländer^ die als Eaufleute oder als Krieger 
über's Meer kamen, während ein verwandter Stamm in Buas* 
land herrschte, auf Grund ihrer Nationalität im Gegensatz zu 
anderen, fremden Nationen und vielleicht auch zu den unteiv- 
jocht^ heimische Stämmen eingenommen haben mfiss^ ^). 
Von diesem Gesichtspunkt aus lässt sich der Name mit dem 
angelsädisisdien wcergenga zusammenstellen, das in einem 
alten Glossar „advena^S Fremder, erklärt wird, dessen etgent«- 
Hohe Bedeutung aber ohne Zweifel eb^falls „Schutzgänger, 
Schützlinge^ ist; in langobardischen Gesetzen finden wir das 
entsprechende Wort in der Form waregang mit ganz dem- 
selben Sinn ^). 



1) In einem Verse der Egils-Saga findet sich die dichterische Zu- 
sammensetzung fold-varingiy Erd wohner d. i. Schlange (s. Vigfusson, 
Icelandic Dictionary). Doch ist die Erklärung dieses Ausdrucks strittig. 

2) Auch das isländische (Gesetzbuch Gragäs stellt in yerschiedenen 
Hinsichten z. B. in Mord- und Erbsaehen (VigsloSi 97, ArfeDättr 120, 
125) die Dänen, Norweger und Schweden auf Grund ihrer Nationalität 
den Landeskindem näher als die andern Fremden. 

^) „ Omnes waregang qui de ezteras fines in regni nostri finibus ad- 
venerint, seque sub scuto potestatis nostrae subdederiat, legibus nostris 
Langobardorum vivere debeant etc. *'' Ediotus Bothari e. 367. In Doms 
Caspia, S. 249 ff. 372 ff. 421 hat Eunik diese W(nrte mit dem aitn<^- 
dischen vcßringi schon zuBammengestellt, indem er ihnen allen die Be- 
deutung eines vereideten Gefolgsmannes anweist; aber^ alle schuldige Ach- 
tung vor diesem ausgezeichneten Gelehrten, kann ich diese Deutung 
nicht anders als für gänzlich verkehrt erldären. Wenn %. B. im Angela» 
Oüldäc dryMnes pegn, des Herrn Dienstmann, genannt und zugleich 



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128 

Ist diese Erklärung des Wortes vmring richtig, so würde 
«s also ursprünglich die „russische'^ Benennung der Skandi- 
nawen, die nach Bussland gingen, ihrer dortigen politisch- 
socialen Stellung nach, gewesen und könnte, was sein Alter 
angeht, etwa gleichzeitig mit der Herrschaft der „Bussen" 
in jenen Gegenden entstanden sein. Nach und nach aber 
wurde dieser Name von den Slawen als Nationalname jener 
Leute aufgenommen und zu einer Bezeichnung der Bewohner 
der skandinawischen Mutterlande westlich der Ostsee, beson- 
ders Schwedens, erweitert. In dieser Bedeutung wurde er den 
anderen östlichen Nationen ^ bei denen wir das Wort in Ge- 
brauch finden, übermittelt und verdrängte so allmählich den 
älteren, im Osten für die Skandinawen gebräuchlichen Namen 
Rmsen^ zu derselben Zeit, wo dieser Name seine ursprüng- 
liche Bedeutung verlor. Diese beiden Namen, Bussen und 
Waräger, müssen einst, weit entfernt synonym zu sein, in 
Gegensatz zu einander gestanden haben. Das Verhältnis 
zwischen ihnen muss etwa dasselbe gewesen sein wie zwischen 
einem „Tankee'' und einem Engländer, oder wie unter den 
spanischen Amerikanern das zwischen einem Creolen (criollo) 
und einem „Chapeton" oder einem „Gachupin", wie man 
einen europäischen Spanier nennt. Jedoch wurde der unter- 
schied nach und nach vergessen, zumal die alten Bussen all- 
mählich ihre ursprüngliche Nationalität verloren und slawisirt 
wurden. Deshalb können die russischen Chroniken, der da- 
maligen Bedeutung des Wortes gemäss, die ursprünglichen 
Hussen sehr wohl an einer Stelle als Warägerstamm bezeichnet 
und in einer anderen einen Unterschied zwischen beiden 



als des Herren wdrgenga gepriesen wird, dem man kein Haar krümmen 
4ürfe, so kann man doch daraus nicht schliessen, dass die beiden Worte 
pegn nnd wdrgenga ohne weiteres synonym sind; der letztere -Ausdruck 
bezeichnet ihn ja gerade nur als des Herren. „ Schützling". So ist es 
zu verstehen, wenn Güdläc von sich sagt, der Herr werde ihn als seinen 
wdrgenga nicht in die Holle abführen lassen, oder wenn Nabochodonosor 
vildra wdrgenga, „Schützling der wilden Thiere", dem sie kein Leid 
zufügen, neben deora gesid, „Gkfährte der Thiere", genannt wird. 



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129 

Kamen festhalten. la Skandinawien wurde natürlich das Wort 
Waräger in seiner östlichen Bedeutung nicht gebraucht; 
späterhin wurde es wieder von Skandinawen in Constantinopel 
aufgenommen, wo „Russen" und „Waräger" einander begeg- 
neten und sich verbanden, und so gewann es im Norden sel- 
ber jene beschränkte Bedeutung, in der wir es in den Sagas 
:gebraucht finden. 

Es bleiben hinsichtlich des Bestandes des skandinawischen 
Elements in Russland noch einige Fragen übrig. Zuerst: 
Wie lange hielten die eigentlichen Russen, die herrschende 
Rasse in Kijew, ihre skandinawische Nationalität fest? Als 
dieser Stamm die Herrschaft über die Slawen erlangte, kann 
er verhältnismässig nicht sehr zahlreich gewesen sein: ausser 
den fürstlichen Führern bestand er hauptsächlich aus Kriegern ; 
doch hatten, obwohl wir nichts ausdrücklich darüber erfahren, 
die Russen ohne Zweifel, wie andere Normannenscharen ^), 
Weiber bei sich. Wir wissen z. B., dass Ruriks Sohn Igor 
eine seiner Landsmänninnen Namens Olga (Helga) zur Frau 
hatte, die in Pleskow geboren war. Indes begannen doch 
sicher sofort manche dieser Einwanderer slawische Frauen zu 
heiraten. Unter solchen Umständen erscheint es gewiss um 
•80 begreiflicher, dass die Nachkommen der ursprünglichen Ein- 
wanderer sich bald in Sprache und Sitten der weit zahl- 
reicheren slawischen Bevölkerung, unter der sie lebten *), an- 



1) Vgl. J. Steenstrup, Normannerne 1, 270 sqq. 

2) Hiermit steht ein Punkt in Verbindung, auf den die Anti-Nor- 
jnannisten grosses Gewicht gelegt haben, nemlich das Verbalten der alten 
ünssen gegen die slawischen Götter. In Igors Vertrag mit den Griechen 
von 944 rufen sie „Gott ipog") und Perun (den slawischen Donnergott)" 
au, in Swätoslaws Vertrag von 972 „den Gott, an welchen wir glauben, 
Perun und Wolos, den Viehgott". Auch wird bei Gelegenheit von Olegs 
Friedensschluss mit den Griechen 907 erzählt, dass die Eussen „bei 
ihren Waifen und bei ihrem Gott Perun und beim Viehgott Wolos" 
schwuren; da dies indes nicht im Vertrage selber steht, so darf es 
schwerlich als ein ganz gleichzeitiges Beweisstück gelten. Indes selbst 
wenn wir es gelten lassen, so ist doch unstatthaft, darin einen Be- 
weis gegen die nordische Nationalität der Russen zu erblicken. Man 

Thomsen, ürspr. d. russ. Staates. 9 



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I3Q 

schlössen; und es ist kaum m^lioh, dass sie ihre sk^dina* 
wische Nationalität länger als durch drei oder vier Geschlechter 
bewahrt hätten. Was die Herrsoher&milie betriflH;, so trug^ 
Igors 942 gebomer Sohn den rein slawischen Namen Swäto- 
slaw; und seitdem wurden mit nur wenigen Ausnahmen sla- 
wische Namen in der Herrscherfamilie gebraucht. Als Wla- 
dimir (t 1015), Swätoslaws Sohn von der slawischen Skkvin 
Maluscha, das Ghristenthum als Staatsreligion in Bussland 
einführte (988), machte er das Slawische zur Eirchensprache 
und betrachtete sich damals ohne Zweifel in jeder Hinsicht 
als Slawe, obwohl ihm wahrscheinlich die Sprache seiner 
Ahnen immer noch bekannt war. Einen neuen Aufschwui^ 
nahm das russische Element unter seinem Sohne Jaroslaw 
(t 1054); doch war dies weniger der üeberlieferung des rus- 
sischen Fürstenhauses als vielmehr einer neuen warägischen 
„Eiupfropfung^' zu verdanken. Jaroslaws Mutter war nemlich 
eine Warägerin Bognedf (= Bagnkeiär, Tochter des Bogvo- 
lad' [= Bagnvaldr], Fürsten von Polozk, „der übers Meer 
gekommen war"); sie hatte Wladimir, als er noch Heide 



könnte ja z. B. sehr wohl annehmen, dass diese slawischen Götternamen 
üebersetzongen der betreffenden nordischen Namen seien (Bsrtm = Thor, 
Wcios = Frey, und Bog [falls man' mit einigen F(»r8chem darin eine 
besondere heidnische Gottheit sieht] = Odin); eben diese drei (ThoTf 
Fricco und Wodan, wie Adam von Bremen c. 26 sie in seiner Beschrei- 
bung des Gottesdienstes der heidnischen Schweden nennt) waren die 
Hanptgottheiten der Nordländer. Es ist ja überhaupt eine ganz ge- 
wöhnliche Erscheinung, dass wir heidnische Gottesnamen, ganz wie an- 
dere Worte der Sprache, tibersetzt finden; z. B. wenn auf einer bilinguen 
Votivinschrift aus Cypem derselbe Gott phönicisch Beschef und griechisch 
Apollon heisst, oder wenn wir bei Tacitus lesen, dass die Germatien den 
Mercurius, Mars u. s. w. verehrten! Vielleicht ist nicht einmal diese 
Annahme nöthig. Einem Heiden liegt es gewiss nicht fem, in frem- 
dem Lande die Landesgötter anzurufen, besonders die, welche seinen 
heimischen Göttern näher entsprechen; ygi, Smith, Nestors russiske 
KrÖnike, p. 245. Insbesondere von den Normannen wissen wir gerade, 
dass sie in ihrem Glauben äusserst schwankend und stets bereit waren 
mit allen Göttern gut Freund zu sein; s. Steenstrup, Normannerne 
I, 368 sq. 



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131 

war, mit Gewalt zu seiner Gremahlin gemacht, nachdem er 
ihr ganzes Geschlecht getötet, und von ihr mag Jaroslaw die 
Vorliebe för die nordische Nationalität eingesogen haben, die, 
namentlich in seinen jüngeren Tagen, bisweilen fast wie eine 
Opposition gegen das slawische Element bei ihm hervortrat. 
Die Verbindung mit d«m Norden war unter ihm so lebhaft 
wie kaum je zuvor: er war selber mit Ingigerd, der Tochter 
des 'Schwedenkönigs Olaf, vermählt; unter vielen anderen be- 
kannten Nordländern, die sich bei ihm aufhielten, war auch 
z. B. sein Schwager, der nordische König Olaf der Heilige, 
und Harald Haariiraade, der später seine Tochter Elisabeth 
heimführte. Aber auch er muss sich immer mehr dem sla- 
wischen Element angeschlossen haben; und obgleich noch 
seine Söhne in ihrer Jugend an Jaroslaws Hofe die nordische 
Sprache gelernt haben ^), so unterliegt es doch keinem Zwei- 
fel, dass mit Jaroslaws Tode das letzte Band, welches die 
russischen Fürsten noch mit der nordischen Nationalität ver- 
knüpfte, jedenfalls als zerrissen zu betrachten ist. 

Obwohl also um das Jahr 1000 das Herrscherhaus in Ki- 
jew als wesentlich slawisirt betrachtet werden kann, so folgt 
nicht noth wendig, dass damals das skandinawische Element 
aus ßussland gänzlich verschwunden war. Vieles deutet an, 
dass die russische Basse fortdauernd durch warägische Aus- 
wanderer aus den skandinawischen Ländern ergänzt ward, die 
nicht blos zeitweilig am russischen Hofe oder im russischen 
Heere dienen, sondern auch ständig in Russland sich nieder- 
lassen wollten. Nach Thietmar bestand die Bevölkerung Ki- 
jews noch im Jahre 1018 „wesentlich aus Dänen"*), ein 



1) Jaroslaws Enkel Wladimir Wsewolodo witsch Monomach (f 1125) 
sagt in seiner Vermahnnng an seine Söhne: „Mein Vater hatte, ohne 
die Heimat zn verlassen, fünf Sprachen gelernt ; das rühmen die Fremden 
an uns". Dass eine dieser fünf Sprachen das Nordische war, kann nach 
Karamsin, Geschichte des russischen Reiches (Riga 1820) II, 134 
katmi bezweifelt werden. 

*) „In magna hac civitate {Kitava i. e. Kijew), que istius regni Ca- 
put est, plus quam quadringente (quadraginta ?) habentur ecclesiae et 
mercatus 8, populi autem ignota manus, que sicut omn^s haec provincia 

9* 



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132 

Ausdruck, der wohl kaum buchstäblich zu verstehen ist, sei esdass 
Thietmar hier einmal unter den Dänen Nordländer im allge- 
meinen versteht, oder dass er über die Nationalität des betreffen- 
den nordischen Volkes unrichtig unterrichtet ist *), Aber 
auch andere Gründe berechtigen uns wohl zu dem Schlüsse, 
dass das skandinawische Element im Anfang des elften Jahr- 
hundert in Kijew stark vertreten war. Um diese Zeit dagegen 
hörte der Strom der Verstärkungen aus dem Norden auf; 
denn die abnormen Verhältnisse, welche zu den Zügen der 
Normannen den Anstoss gegeben, hatten längst aufgehört zu 
bestehen. Die vollständige Festsetzung des Christenthums 
hatte dem socialen Leben des Nordens einen ganz neuen An- 
blick gegeben, und der innere Zustand der skandinawischen 
Länder erforderte alle Thatkraft der Bewohner. Etwa das Jahr 
1030 betrachtet man daher als das Ende der Wikingerzeit, 
und 1043 — was damit übereinstimmt — werden zum letzten 
Male die Waräger als Hülfstruppen im russischen Heere er- 
wähnt ^). Die wenigen Skandinawen, die damals im eigent- 
lichen Bussland (d. i. in Eijew) zu finden waren, wurden 
ihrem Schicksale, das sich leicht vorstellen lässt, überlassen. 
Die Sachlage war dagegen in Nowgorod und seinem Ge- 
biet eine andere. Vom russischen Stamme verlassen, hatte 
es beträchtliche Zeit eine völlig unabhängige Stellung als 
Nebenbuhler Kijews eingenommen und gelangte mittelst 
seines blühenden Handels, welchen es seiner günstigen Lage 
und leichten Verbindung mit dem Meere durch den Ladoga- 
see verdankte, zu bedeutender Wichtigkeit. Hier war das 
skandinawische Element noch stärker vertreten als in Kijew, 
da viele Waräger, Skandinawen aus Schweden, besonders aus 



ex ftigitivorum robore servomm huc nndiqne conflaenciam, et maocime 
ex vehcibus Danis, multum se Docentibiis Pecinegis hactenus resistebat 
et alios vincebat." Mon. Germ. bist. Scr. III, 871. 

1) Vgl, J. Steenstrup, Normannerne II, 324. 

*) Georg. Cedrenus, p. 551: nSy t^n'' avrov aystQa^ öaou /u«/t- 
fjLoVf nQOffstaiQtadfieyos Sh xnl avfjL[Aa][ix6v ovx oXiyov ano xiüp xatoi" 
xovvjiDv iv T«r? ngoffaQXTioig tov^Üxsavov vi^aoi^ i^vdSv, VgL Muralt, 
Chronographie Byzantine, p. 627, und Kunik in Doms Caspia, p. 30 sqq. 



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133 

Gottland, in Handelsgeschäften sich hierher begaben. Wie 
stark dieses skandinawische Element war, ist aus Nestors An- 
gabe zu entnehmen, dass Nowgorod „eine warägische Stadt" 
war; und aus anderen Quellen erfahren wir, dass die Gott- 
länder dort im zwölften Jahrhundert eine grosse Gildehalle 
hatten, dass dort eine warägische Kirche war, u. s. w. Aber 
seit dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert mussten 
die Skandinawen den Deutschen Platz machen, und der ein^ 
trägliche Nowgorod-Handel ging in die Hände der deutschen 
Hansestädte über. 

Zum Schluss die Frage : Welchen Einfluss hat zuletzt das 
skandinawische Element auf das eingeborene Element in Buss- 
land geübt, und welche Spuren von seinem Vorhandensein in 
früheren Zeiten hat es hinterlassen? Eins ist sicher: wenn 
wir das Blut analysiren könnten, das in den Adern der herr- 
schenden Basse des heutigen Busslands fliesst, so würden wir 
nur wenige Tropfen aus skandinawischer Quelle darin ent- 
decken. Während in dieser Hinsicht die finnischen Stämme, 
die einst einen so grossen Theil des russischen Beiches be- 
wohnten, wohl einen ziemlich bedeutenden Einfluss geübt 
haben, war die Zahl der Skandinawen dort verhältnismässig 
so klein, dass sie in physischer Beziehung kaum irgend 
bleibende Folgen hinterliessen. 

Dass in Sitten und Gewohnheiten, in gesellschaftlichem Leben 
und staatlichen Einrichtungen in Bussland Spuren skandina- 
wischen Einflusses lange zu finden waren, ist unzweifelhaft. 
Aber wie stark oder wie gering diese Spuren waren, ist eine 
äusserst schwierige Frage. Der Versuch einer Antwort würde 
viele vorläufige Untersuchungen nöthig machen, die nach den 
jetzigen Grundsätzen der Wissenschaft billig unternommen 
werden sollten, aber bis jetzt kaum angegriffen sind. 

Deutlicher gezeichnet sind die Wirkungen einer skandi- 
nawischen Sprache auf die russische. Und noch hier sogar 
bietet eine eingehende Prüfung dieser Frage bedeutende 
Schwierigkeiten. Einerseits führen in dieser Hinsicht leicht 
Aehnlichkeiten irre, die von der ursprünglichen Verwandt- 
schaft zwischen den slawischen und den germanischen Sprachen 



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134 

herrühren (slawisch grad! z. R, russisch gored\ Stadt, ist ein 
echt slawisches W(»'t, verwandt mit altnerdisch garär^ u. a.m.). 
Andererseits werden wir wahrnehmen, dass nicht blos das 
Bassische, sondern ebenfalls die anderen slawischen Sprachai 
eine grosse Menge Worte enthalten, die zweifelsohne germani* 
sehen Ursprungs sind ^); aber wir werden auch beobachten, 
dass diese Worte keineswegs gleichartig sind, und dsas^ sie 
verschiedenen Sprachschichten angehören. So gibt es vide 
alleu slawischen Sprachen mehr oder weniger gemeinsamie 
Wörter, die aus dem Gotischen aufgenommen seia müssen, 
als die Slawen noch örtlich von. der Weichsel zusammenwohn- 
ten; z. B. slawisch stUo^ Glas, vom gotibschen stUds^ Trink- 
becher; slawisch usereg\ usefez\ Ohrring, vom gotischen auaa^ 
hrings, u. a. m. Eine grosse Menge anderer Wörter sind 
theils in neuster, theils in früheren Zeiten aus dfflao: Deoischea 
entlehnt 

Haben wix diese verschiedenen Schichten germanischer 
Wolter sorgfältig getrennt, so werden einige zurückbleibi^ 
die nur im Bussischen und nicht in den s^deren slawischen 
Sprachen vorkommen. In diesen Wörtern sind wir berechtigt 
Denkmäler des skandinawischen Elements zu sehen, das einst 
in der Geschichte Busslaods eine so wichtige Bolle spielte. 
Die Mehrzahl dieser Wörter sind nur in. altmssisdien Schriftr 
stücken zu finden^ zumal da sie Dinge und Begriffe bezeich- 
nen, die jetzt ausser Gebrauch sind. Andere Wörter sind nur 
m bestimmten Mundarten erhalten; aber leider sind die rus- 
sischen Mundarten noch nicht gründlieh untersucht und ich 
kann deshalb keine erschöpfende Liste geben ^). Ich führe 
einige Wörter an, die mit grösserer od» geringerer Wahr- 
scheinlichkeit hierher gerechnet werden können. 



1) Vgl. Miklosichy Die Fremdwörter in den slawischen Sprachen, 
Denkschriften der phiL-hist. Classe der kais. Akademie, Band XV 
(Wien 1867). 

*) Wörter skandinawischen Ursprungs in russischen Mundarten sind 
gesammelt von Grot in seinen ,,Fi]ologiö8skija razyskanija^' (St. Petb. 
1876) I, 456-469. 



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135 

Altrussisch asK, jasV, Büchse, neurossisch jasciK ?k alt- 
nordisch ask-r, altschwedisch as*-er, neuschwedisch ask. 

Altrussisch grid', Leibwächler, Oefblgsmann (der altrvssi- 
«chen Fürsten) =» altawrdisch grüy Wohnort, Hamat mit 
dem Neb^begriff^ eines Di^istTerbältnisses, griäma>Sr^ Diener, 
Miether, altschwedisch griphuna, Weib, das sich Arbeits hal- 
ber in eines anderen Hause aufhält 

Altrussisch jabednik\ ein Beamter im alten Nowgorod; 
vgl. altnocdiseh enibceUi, altsehwedisch isembiti, Amt, Diei^ (?). 
Russisch jakor\ Anker »» schwedisch (mkare (altnordisch 
€ikkeri). 

Russisch mundartlich keri', Flachsbündel =s^ altnordisch 
kerf, kjarf, schwedisch kärfve, Garbe, Bündel. 

Russisch knuf, Peitsche, Q«issel vc altnordisch knüUr, 
altschwedisdb knut-er^ Knoten. 

Russisch lar, Kasten :3a altschwedUsch lary jetzt Zar. 
(Russisch lava, Bank, Lager ^!=s schwedisch lafve?) 
Altrussisch Itidi^ eine Art Eleidangsstück,^ Mantel 737 alt- 
nordisch loäi, Pelzmantel; loa, das Zottige d«8 Zeuges, /^oc^^^x 
(Russisch mundartlich [Archangelsk] rjuza, rjuza, Fisch- 
reuse 5=5 schwedisch rysja, woher audi finnisch rysä.) 

Russisch naundartlich skiba, Sdieibe Brot =9 schwedisch 
skifva. 

Altrussisch skof, Al^be, Schoss ss altnordisch skattr 
(gemeinslawisch = „Vieh"). 

Altrussisch stjag\ Fahne, jetzt mundartlich (Nowgorod, 
Pskow) Stange = altschwedisch stang, altnordisch stöng, 
Stange, Fahne (russisch ja entspricht dem ursprünglichen 
en, an), 

Russisch stuV, Stuhl, vielleicht = altnordisch stöll, schwe- 
disch stol (minder wahrscheinlich = deutsch Stuhl, das rus- 
sisch eher stuV lauten müsste). 

Altrussisch sud\ Name des Bosporus oder des Goldenen 

Homs = altnordisch und schwedisch sund^ Sund, Meerenge. 

Altrussisch sneka, eine Art SchiflF = altnordisch snekkja; 

altfranzösisch esneque, mittelalterlich-lateinisch {isnechia muss 

ebenfalls von den Normannen entlehnt sein. 



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136 

Altrussisch tiun\ tivun\ Haushofmeister, Verwalter (stets 
ein Leibeigner) = altnordisch pjönn, Diener, Sklave; 
altschwediscbe Form würde piun sein. Russisch tiun ent- 
spricht dem Sinne nach dem altnordischen hryti, doch scheint 
pjönn manchmal ähnlich in engerer Bedeutung gebraucht zu 
sein; Tgl. das norwegische Alt-Gulathings-Gesetz, Cap. 198, 
wo pjönn und hryti als die ersten Diener zusammengestellt 
werden. 

Obwohl dieses Verzeichnis nicht erschöpfend zu sein be- 
ansprucht, können wir doch mit Sicherheit sagen, dass die 
Zahl solcher Worte nicht allzu gross ist; immerhin tragen 
sie zur Vervollständigung des Bildes bei, das ich in diesen 
Vorlesungen zu zeichnen versucht habe. 

Wir haben gesehen, dass nach alter russischer üeber- 
lieferung, die durch eine Menge anderer Zeugnisse verschiedener 
Art einmüthig gestützt wird, die erste Ordnung des russi- 
schen Staates Skandinawen zu verdanken ist, dass unter Bus- 
sen bei den Völkern des Ostens in alten Zeiten die Normannen 
verstanden wurden; keine ernste und ehrliche Kritik wird je 
im Stande sein diese Thatsache zu widerlegen. Normannen 
legten den Grund, 'auf dem die eingebomen Slawen einen 
riesigen Bau aufgeführt haben; und der unscheinbare Keim, 
den jene pflanzten, hat sich zu einem der grossesten Beiche 
entwickelt, welche die Erde je gesehen hat. 



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Anhang« 



Altrussische Eigennamen. 

(Vgl. S. 73 ff.) 



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Verzeichnis der AblcOrzungen. 



,DipL S. =x DiplamatariuHL Sußcanmn (Holmiae 1829 sqq.). 

Byh. fol. = Sverikes Eunurkunder, granskade och utgifiie af Bich. 
Dybeck (Stockholm 1860 — 1876), fol. Vol. I: Upland (U). 
Vol. II: Stockhobnslän (St). 

Dyb. 8*= Svenska Rtmnrktmder, utgifiie afRJch. Dybeck (Stock- 
holm 1855—1857), 8^ 

P. = E. Förs.temaan, Altdeutsches Namenbuch. Band l: Per- 
ßonennamen (Nordhauseu 1855 &.). 

Jm ^ Runurkunder, utgifne af J o h. G. L i 1 j e g r e n (Stockholm 1833). 

R. M. = Altnordische Namen im Reichenauer Necrologium (vielmehr 
im liber fratrum conscriptorum; cf^ F. Keller in den Mitthei' 
hing«! der aaitiquar. Gres. m ZÄrich VI [Zürich 1848], 2) bei 
Mone,. Anzeiger für Kunde der deutschjen Vorzeit ^ 4. Jahrg. 
(Karlsruhe 1835), S. 97 ff. 

Rygh = K. Rygh, Norske og islandske Tilnavne (Throndhjem 1871). 

Steph. = The Old Northern Runic Monuments of Scandinavia and 
England, coUected and deciphered by Greorge Stephens, 
voll. I— n (London and Köbenham 1866—1868). 

ad. = altdeutsch, 
ags. = angelsächsisch, 
an. = altnordisch, 
asl. = altslawisch. 

Die Jahreszahlen stehen in Klammern. 



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140 

Adnlb* (944) = an. Audulfr: Auf ULFE L. 70 (= Dyb. 
fol. U. 129); ödolphus Dipl. S. III, 99, Ödulpus ib. 271, * 
Ödhulfus ib. 352. Vgl. ags. Eddumlf, ad. Audulf 
F. 180. 

Adnn' (944) = an. Audunn: Auf .N L. 588 (= Dyb. fol. 
St. 171); .UPüN L. 879 (Södermannland); AUMN L. 1355 
(Westergötland) ; Ödinnus Dipl. S. III, 91. Vgl. ags. 
Eddwine, ad. Audowin F. 179. 

Akteyn (912) = an. Angantyr (ags. Ongenpeöw) ? 

Aknn' (944), Jakun* (1024 u. ö.) = an. Hdhwn(n): HA- 
KÜN sehr oft auf schwedischen Buneninschriften ; z. B. 
L. 312 (=Dyb. fol. U. 1), 83 (= ib. 134), 601 (=ib. 
St. 247) u. a. AKÜN L. 752 (Upland). Hacun (däni- 
scher Jarl) Sax. Chron. 

Aldan* (944) = an. Halfdanr^ auf schwedischen Runenin- 
schriften ganz gewöhnlich: HALFTAN, z. B. L. 20 
(= Dyb. fol. St. 227), 347 (= ib. 64), 453 (= ib. 102), 
669 (= ib. U. 58), 745 (= ib. 110), 761 (= ib. 121, 
Steph. 707), Dyb. fol. ü. 155, Dyb. 8<> 46 u. ö.; HAL- 
TAN L. 824 (Södermannland), 1160 (östergötland), 1337 
Westergötland), 1566 (Sm&land); ALFT^N L. 1014. 
Haldanus Dipl. S. HI, 90, 261. Haidan, Halden, Hai- 
tan, Halbtene B. M. Ags. Healfdene (Beowulf ; Sax. Chron. 
a. d. 871, 875, 876). 

Alyard* (944) = an. Hallvarär: ALVAEP L. 1480 (= Steph. 
812). Halwardus Dipl. S. HI, 86, 91, 93, 95 u. ö. 
(üebrigens haben die Handschriften Alvad\ was auch f&r 
Avlad' stehen kann = an. Hdvaldr [HAVALT, Dyb. 8« 
20 = L. 927] oder Eivaldr, Eyvaldr [Övaldus, Dipl 
S. in, 96, Upl.]; doch ist die Emendation Alvard^ die 
wahrscheinlichere.) 

Amnn^d' (944; Emendation statt des handschriftlichen .^mtn'tj') 
= an. Ämundi: AMUTI L. 820, 825, 835, 840 (Söder- 
mannland); Amundus Dipl. S. III, 100, 101 (Upland); 
Amundi, Amunde, Amende B. M. Oder = an. Hdmundr: 
HAMUNTI L. 750 (= Dyb. fol. U. 115); Hamundus 
Dipl. S. III, 98 (Upland); vgl. ags. Heahmund. Oder 



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141 

= an. Eymundr: AIMUNT L. 959, 1053; EÜMÜNT 
L. 1220; ÜMUT L. 1186. 
Apab'ksar', Apulbkar', Pulfe'ksar', Pupsar' (944), ver- 
derbter Name, vielleicht an. öspakr: USBAKA L. 943; 
OSBAKß L. 1223. 
Ar'fast' (944) = an. Arnfastr, speciell in Schweden und 
Dänemark gebräuchlich: AßNPASTE L. 33, 1050; AE- 
PASTR L. 86 (Upland). Aruastus Dipl. S. IE, 89 (UpL); 
Amfastus Saxo p. 378; Ornivest E. M. 
Askold' siehe Oskold". 

Asmud^ (Vormund von Igors Sohn Swätoslaw, um 945) = an. 
Asmundr, auf schwedischen Euneninschriften und in allen 
skandinawischen Gegenden äusserst häufig; ags. Osmund, 
ad. Ansemund F. 109. Oder = an. Asmoär; Asmuod^ As- 
muot, Asmot E. M. 
Bern' (944) = an. Björn, einer der gewöhnlichsten Namen 
überall in Skandinawien ; auf Euneninschriften BIAEN, 
BIOEN, BITTEN, BIEN u. a., in lateinischen Schriftstücken 
Bero. Ags. Beorn, ad. Bero F. 224. 
Bruny (944) = an. Brün% in Schweden verbreitet, im übri- 
gen Skandinawien nur als Zuname (Eygh p. 8) gebräuch- 
lich. BETJNI aus üpland L. 685, 709, Dyb. fol. ü. 85, 
86 (= Steph. p. 733); aus Södermannland L. 934 
(= Steph. p. 716); Dyb. 8^ 41; aus Nerike L. 1029, 
1038; aus Östergötland L. 1187. Bruno Dipl. S. I, 188. 
Ad. Bruni F. 283. 
Bttdy (1018) = an. Bondi: BUANTI Dybeck, Euna 3, 11; 
BÜTNA (für BÜNTA) L. 348 (= Dyb. fol. St. 65, Steph. 
p. 792); Bondo (Bonno) Dipl. S. III, 95, 101, 584, 
656 (Upland) u. ö.; Bondi, JBonde^ Bondo ^ Bonta E. M. 
Bttjefast' siehe Vujefast'. 

Dir' (862), = an. Byri (in Schweden sicher sowohl Dyri 
als Biuri; von an. d^r, altschwedisch diur, Thier): TITJEI 
L. 265; TIÜEI Steph. 633 (Upland); TIUEA (acc.) L. 
1154 (Östergötland); TUEI L. 65 (Upl.), 1179 (Östergöt- 
land); TIOEI L. 1003; Dyre Dipl. S. III, 100; Tiure 
E. M. Vgl. ad. Dioro F. 337. 



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Bgrl (944) = an. Hegri (eig. „Reiher"; v^. Rygh p. ^5): 
Hegherus Dipl. S. HI, 336. Einea Beleg aus Rnnenin- 
schriften habe ich niobt; indes kommen andere Vogd* 
namen als Personennamen vor: z. B. TRANI („Kranich") 
L. 595 (UpL); SKARPR („Scharbe") L. 978 (Södermann- 
land); HANI ^(„Hahn") Dyb. 8<> 9 (ib.). 

Einigt (944) = an. Hemingr, in allen skandinawischen Län- 
dern verbreitet: auf RunemnschriAen HIMINKR, HIMIKR, 
HENMIKR, HEMIK u. a. Vgl. ags. Eeming. 

Erlisk% Evlisk* (944), vielleicht verschrieben ffir Erlik' = 
an. Erlingr? Vgl. 8Mtk' = Stoßdingr. 

Eton* (944) ? 

Farlof (907 und 911; eig. '^FarVf) = Farulfr, in bestimm- 
ten Theilen Schwedens gebränchlich, im fibrigen Skandi- 
nawien unbekannt: PARÜLPR aus Upland Dyb. fol. St. 
20, 248, L. 434, 439 (= Steph. 618), 602, 827; aus 
Södermannland Dyb. 8® 89, aus Ostergötland L. 1176. 
Farulphus Dipl. S. III, 90 (Upl.), 771. Farvlf Diploma- 
tarium Dalekarli(mm No. 9. Vgl. ad. Farcmlf, Farulf 
F. 400. 

Fost' (911) = Fasti, Fastr; kaum ausserhalb Schwedens 
gebräuchlich, doib aber sehr häufig. Aus üpland L. 151 
(= Dyb. fol. U. 202), 158, 224, 261, 277, 452, 462 
(= ib. St. 104), 463, 464 (= ib. 97), 573 (= ib. 187), 
589 (= ib. 172), 641; aus Södermannland L. 818, 837, 
949; aus ostergötland L. 1133, 1657. Fasto Dipl. S. 
in, 99, 258 (Upl.); Fasi<B ib. II, 394 (Södermannland). 

Frästen' (944), Prasten' (944 dreimal) = an. Pre^einn, 
einer der gewöhnlichsten Namen in schwedischen Schrift- 
stücken: auf Runeninschriften z. B. FRAUSTAIN L. 835, 
842 ; FRAISTAIN L. 467 (= I^b. fol. St. 107), 492 ; FRU- 
ST AIN L. 444 (= Dyb. fol. St. 83), 1111; FRÜSTIN 
L. 479, 589 (= Dyb. fol. U. 172); FRTSTEN L. 728 
(== Dyb. fol. U. 97). 

Frelaf, Frelav', {eig. *Fr'lav\ 911) =Vin. Friäleifr^FriU 
leifr: in Dänemark besonders häufig, aber zufällig ohne Beleg 
aus schwedischen Quellen ; doch nennt das Landnämabök in, 1 1 



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143 

einen Friäleifr ^awkr (d. h. sos Götland) nt ßäureetl. 
Vgl. ad. Fridtdeib F. 427. 

Fradi (944) = an. From*: PKÜJ^A (acc.) L. 10^ (Oster- 
götland); FroÄAö Di0. S. IV, 16. Vgl. ags. Fröda 
(Beowttlf), aä. JFVodo F. 482. 

Fruton (944) ? 

Fur'sten' (944) = an. Porsteinn^ ein im ganzen Norden 
atiBserordentlidi bäafiger Name: anf BaneninBchriffc^ !^ÜB- 
STAIN, tORSTAIN, tURSTIN, tOKSTIN u. a. ; Turstein, 
Dursftein, DuresMn K. M. Slawisch f ^«itspricht hier 
nordisch ß, wie regelmässig griechisch & (z. B. russisch 
Feodor' = gr. QeofwQog); sonst wird p in russischen 
Namen in der Regel diu^h t wiedergegeben. 

Cknner (944) =s: an. Gamall; häufig in Schweden, speciell 
in Upland (z. B. KAMAL L. 166 [= Dyb. fol. U. 206], 
210, 371 [= ib. St 20], 475 [= ib. 114—115], 558 
[=a ib. 204], 651, 781, Dyb. fol. St. 27), selten in Nor- 
wegen, in dieser Form unbekannt in Island (wo G^amli 
sich findet). 

ftrlm' (944) =Ä an. Grimr, im ganzen Norden sehr gewöhn- 
lich: z. B. aus Schweden KRIM L. 608, 1337; KRIMBR 
L. 658-, KIRIMR L. 215 {— Dyb. fol. U. 190). 

G^dy (911 und 944) = KUK L. 862 (Upl.), 1235, was 
entweder = Oöäi von jfoöir, gut (vgl. Gothe Dipl. S. 
ni, 88 ; Ouoda, Ouökb R. M. und ags. Ooda Sax. Chron. 
a. d. 988, ad. Oodo F. 529), oder = Gudi, isländisch 
goä% Priester (vgl. Guäe, Ouda, Cuda R. M.). Auf Island 
kommt keines dieser Wörter als Personennamen, das letzte 
auch in Norwegen nicht vor. Ueber KUtI auf drei däni- 
schen Runensteinen s= an. godi^ vgl. W immer, Rune- 
skriftens oprindelse (= Aarböger for nordisk Oldkyndig- 
hed og Hist. 1874), 231 sqq., 240, 248. 

€l^imar' (944) = an. Ounnarr, äusserst häufig, auch in 
Schweden. Ags. Ouähere, ad. Gumdachar F. 562. 

Ct^miastr' (944) = an. GunnfaMr, Schweden eigenthümlich,^ 
häufiger in der Form Gudfastr, Küf FASTR: z. B. L. 170 
(= Dyb. fol. U. 205), 171 (= ib. 204), 221, 263, 68S 



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144 

(= ib. 74), 748 (= ib. 114) u. ö.; Gtddvastus in Ur- 
kunden. Ounnfastr kommt inj „Sögubrot" als Name 
eines Schweden vor = Outhfast bei Saxo (vgl. auf schwe- 
dischen Runeninschriften KUNVAR und KUf VAR, KÜN- 
BIRN und KUtBIRN, KUNLAIFR und KUf LAIFR u. a.). 
Das r in Ounastr' ist wohl das ausnahmsweis beibehaltene 
altnordische Nominativzeichen. 

Igerd% Ingerd', In^geFd* (911 und 944) = an. Ingjaldr, 
im ganzen Norden verbreitet: in schwedischen Quellen 
z. B. INKIALTR L. 136 (= Dyb. fol. U. 199), 164 
(= ib. 191), 202 (= ib. 176), 408, 478 (= ib. St. 120), 
1311, 1312; IKIALT L. 707 (= Dyb. fol. U. 72), Dyb. 
fol. St. 240; IGIALTR L. 848. Ingeldus Dipl. S. III, 87, 
94, 98, 99, 265 u. a. Ags. Ingdd (Beowulf), ad. Ingild 
F. 784. 

Igor' (944), griechisch ^TyycDQ, ^lyyog^ bei Liudpi*and Inger, 
= an. Ingvarr, in Schweden verbreitet, speciell in üp- 
land und Södermannland. Siehe oben S. 85; ferner IN- 
KVAR L. 436 (= Dyb. fol. St. 128), 484 (= ib. 135), 
601 (= ib. 247), 605, 650 (= ib. 23), 927 (Söder- 
mannland) u. a.; IKVAR L. 437 (= Dyb. fol. St. 127), 
562 (= ib. 236), 1106 (Östergötland) ; INGVAR Dyb. 
fol. St. 81 (= L. 423); Inguarus sehr oft im Dipl. S.; 
Inger R. M. \rgl. ad. Inguheri F. 785. 

^Ix^oQ bei Leo Diac. ed. Bonn. 149 und Cedrenus ed. Bonn. 
II, 405 scheint einer slawischen Form *Ig'mor' zu ent- 
sprechen = an. Ingimar (Ingmarr), ein specifisch schwe- 
discher Name: INKIMAR L. 923 (Södermannland); IKI- 
MAR L. 484 (üpl.), 853 (Södermannland), Dyb. fol. St. 
131; INKMAR L. 435 (üpl.), 1117 (Östergötland); IK- 
MAR L. 266 (UpL); Ingemärus Dipl. S. III, 87 u. ö. 
Vgl. ad. Inguniar F. 785. 

In'gerd* siehe Igel'd'. 

Ingiylad* (944) = an. Ingivaldr, ein specifisch schwedischer 
Name; INKIVALTR z.B. L. 83, 481 (=Steph.p. 788); 
in Urkunden Ingiualdus, Ingeualdus. 

Iskusev% Iskaseyi (944) ? 



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145 

Istr' (944) = ISTRÜR L. 753 (= Dyb. fol. U. 120) ? oder 
= an. JEistr, AIST(R), IST(ß) ? Letzternfalls wäre noch 
fraglich, ob das r das alte Nominativzeichen (s. Gunastr') 
ist oder zum Namen gehört (vgl. Bugge in Aarböger f. 
nord. Oldk. og Hist. 1873, p. 47). 
Iror' (944, 1109 u. ö.) =an. Ivarr, gewöhnlicher skandina- 
wischer Name: z. B. IVAE L. 562 (= Dyb. fol. St. 236, 
Steph. 795), 1135, 1237. 
Jaknn' siehe Akun\ 
JatTjag% JaTtjag% Jastjag' (944) ? 
Kaniear' {Kanimar? 944) ? 
Karr (907) = an. Karl, einer der gebräuchlichsten Namen 

in Schweden. Vgl. ad. Carl F. 303. 
Karly (911) = an. Karli: KAELI L. 1557 (östergötland). 
Wie an. Karl und Karli ohne Unterschied für dieselbe 
Person gebraucht werden, so scheint der KarV von 907 
und Karly von 911 ein und derselbe zu sein. 
Karn* (911) = Kami, acc. KARNA L. 1188 (Östergötland)? 
Sonst unbekannt. Vgl. den Vogelnamen Kam als Zu- 
namen bei Rygh 34. 
Karsey' (944), wo das -ev' wohl nicht das Suffix der posses- 
siven Adjektive ist, sondern zum Namen gehört = an. 
Karlsefni (vgl. AÜRSIPNI L. 315 üpl.) oder Karlshöfuä 
(vgl. Rygh 34; Karies hou¥^ R. M.) ? 
Kary (944) = an. Kdri, in allen skandinawischen Ländern 
häufig: z. B. L. 74 (Dyb. fol. U. 132), 211 (=ib. 186), 
262, 404, 626, 836, 1053. 
Kiek' (944) = KlaWci, KLAKI L. 936, 12.78, 1400 (vgl. 
Klahhi Rygh 36; Andrea diclo Klak Dipl. S. II, 215)? 
oder = Kialki (s. Rydqvist, Svenska spräkets lagar II, 
261)? Einige Handschriften haben VleJcov' oder Slekov* 
statt Klekov\ 
Kor (944) == an. Kollr, häufig in Schweden; z. B. Collo Dipl. 

S. III, 101 (Upl.), Coli Saxo p. 381. 
Kuci (944) vielleicht = an. Kussi (Kalb); als Beiname 
häufig (Rygh 40: Kuf^i, Kudzi, Kuszi, Kuzssi; vgl. 
Erich Kwse Dipl. Dalekarl. n. 236 u. a.), ohne Frage 

Thomsen, Urspr. d. rnss. Staates. 10 



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146 

auch wohl als Personenoame gebraucht, wie das Synoof- 
mum Kalfr z. R L. 61, 76, 187, 499 (= Dyb. fol. 
St 148), 504 (= ib. 147), 607 (= ib. 150) u. ö. 
Vielleicht ist der Nkme EÜSI wirklich auf der In- 
schrift Dyb. fol. St. 196 = Dyb. 8<> No. 69 (aus Sig- 
tuua) anznaetzeii; der Heransgeber wenigstens liest statt 
AUK.USI, da Ußi kein Name ist, AÜK.[K]USL 

Libl (944), verkürzt oder verderbt; vielleicht gehört auch 
vom voraufgehenden Worte (Turduvi statt Turdov") et- 
was dazu. Man kann an Leikvidr, Leifr, Eüeifr, Veleifr 
u. a. denken. 

Lidnl' (911) vidleicht = an. Leiäuifr, Ljödtdfr, IMulfr oder 
*Lindulfr (LITÜLF L. 4 üpl.). Vgl. ad. LaiduIfF. 828, 
Linddf ib. 846. 

Lliit' (975) vielleicht = aa. Ljötr, LIUTE L. 274, Dyb. fol. 
U. 214; vielleidit aber slawisch {ljui\ grausam). 

Malfrid' (Frau, t lOOO) = an. Malmfriär, Mdlfridr 
(acc "fridi). 

Kony (944) =55 Mrnnni (von mcwfr, mann, Mann), der nor- 
wegisch-isländischen Sagaliteratur fremd, aber in Schweden 
und Dänemark verbreitet Manne Dipl. S. I, 53 (Scho- 
nen), III, 92 (üpl.); Manm ib. I, 708 (Smäland). Vgl. 
ags. Manna Sax. Chron. a. d. 921, ad. Mannus, Manni 
F. 903. Nicht zu verwediseln mit an. Mdni (eig. Mond), 
was slawisch M^np lauten würde. Auf Euneninfichriften 
häufig MANI (z. B. aus üplaiMl L. 491, 616, 617, aus 
Södermannland L. 860, 901), ohne Frage meist = Mannt; 
Doppelbuchstaben verwendet die Bunenschrift nicht. 

Mmtur^ oder Mntm*' (944) = *Modpörr? oder *Munp6rr? 

Oleb* oder Uleb* <944) == an. Öleifr, später Ölafr, im 
ganzen Norden äusserst häufig. Slawisch e lässt auf an. 
ei (ai) schliessen, und so finden wir auch auf schwedischen 
Inschriften stets OLAIFK oder ULAIFE. Ags. AnUf. 

Ol'ga (Igoi-s Gemahlin, f 969), griech. '"Ekya = an. Helga, 
S. d. Folg. 

01'g% Ol€«' (t 913) = an. Helgi (vgl. ags. Hälga); wie 
der vorige Name überall in Skandinawiöi verbreitet Die 



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147 

slawiBehe Form war wohl ursprünglich Jäg\ Jd'ga (vgl. 
griech. "£Xya) ; nach einem rassischen Lautgesetz ging je 
in o über: vgl. russ. ölm' 3= altsl. jal«»', Rothwild; russ. 
odii^ = altsl. jedin\ eins; altruss. oljact^ Galeere, vom 
griech. x^^^^op. Vgl. Miklosich, Die Sprache der 
ältesten russ. Chronisten (Sitzgsb. d. Ak. d. Wiss. zu 
Wien, XIV) %. 56. 
Orma « an. Holmi? in Schweden häufig (HULMI L. 388, 
502, 513, 522, 564, 628, 657, 1236; Holma Dipl. 
S. m, 662, IV, 644). 
Oskold' oder Askold' (862) = an. Höskuldr. 
Prasten^ siehe Frästen". 

BJurik% Burlk' (862; vgl. "PtyvQixag Niketas Choniatus 
p. 337 [c 1200]) = an. HroereJcr: HRÜBIKR L. 1096 
(Östergötland); Börik Dipl. S. ffl, 97 (üpl.); Röricus ib. 
II, 8, 37, 88, 102, 105; III, 89, 94, 256 u. ö. Ags. 
Hredric, ad. HrodriCr Ruodrich P. 740. 
Koäld' siehe B>uald\ 

Bog'ned' (Bogvolod's Tochter, Wladimirs Gemahlin, f 1000) 
s= an. RagnheiSr, BagneiSr (aca -eiäi). Vgl. ad. Beckin- 
heid F. 1018. 
Rog'rolod* (,rwar über's Meer gekommen"; Fürst von Po- 
lozk, 980) = an. BagnvcUdr, Bögmaldr. RAHNVALTR 
L. 397 (=5= Dyb. fol. St. 46); RAKNVALT L. 436, 437 
(= ib. 127 r 128); Bagualdus DipL S. III, 87, 260 
(üpl.) u. ö.; Bangualdus ib. III, 90, 94 (Upl.) u. ö. 
Biiald' (911 und 944), Koald* (944) = an. Hröaldr. HRU- 
ALTB Dyb. S^ 2. Hroald (dänischer Jarl) Sax. Chron. 
a. d. 918. Vgl. ad. Hrodowald F. 741. 
Ruar' (912) =5 an. Hroarr. HRUAR L. 1329 (Westergöt- 
land); RUAR L. 1104 (Östergötland) ; RUARI (dativus> 
Dyb. 8^ 46 (Södermaanlsuid; von einem, der „/bV austr 
hedan med Böari''). Boarus Dipl. S. HC, 163. Viel- 
leicht = ags. Hroägdr^ ad. Hrodgar F. 727. 
RuUy' (907 und 911) =r an. HröMeifr, HröOeifr. RU- 
LAIFR L. 1550 (= Dyb. fol. ü. 34); RULEFR L. 174 
(Upl.); RÜLIF(R) L. 143, 165 (= Dyb. fol. Üpl. 208), 

10* 



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148 

973 (Södermannland); Rodlevus Dipl. S. III, 101 (Upl.). 
Vgl. ad. Hrodleif F. 735. 

Sfon^da? (944; kommt nur imGmetiY [8 fan' dp? J vor, die 
besten Handschriften haben das unzulässige Sfandr\ an- 
dere Sfaindr' oder Sfanedri), Prauenname, in dem wohl 
das an. Svan- (vgl. Svanhildr, Svatdaug u.- a.) steckt. 

Sflr'k', Sfir'ka (944) = Sverkir, in Schweden verbreiteter 
Name, auch einiger Könige (vgl. SEßKIB L. 1188); in 
Norwegen und Island in der Form Sörkvir häufiger. 

Slnens' (862) == an. Signiutr (Signjötr), in üpland häufig, 
sonst dem Norden wohl fremd, den Sagas unbekannt. 
SIKNIÜTR L. 204, 360 (= Dyb. fol. St. 70), 669 
(= ib. Upl. 68). SIKNIOT L. 500 (= ib. St. 144). 
SIHNIüTß Steph. 620 (= L. 269, Dyb. fol. St. 271). 
SIHNIÜTA L. 214 (= Dyb. fol. U. 189). Signiatus 
Dipl. S. I, 530. 

Sinko Boric, Islno Eoblrie, Isln'ko Biric (944), ver- 
derbter Name. 

Slndy (944) = Slöäi in Södermannland und Upland häufig, 
sonst unbekannt. Aus Södermannland SLOfI L. 916, 
953 (= Steph. 741), Dyb. 8» 41; SLOM (acc. und gen.) 
ib. 83, L. 966 (= Säve in Kgl. Vitterhets, Hist. och 
Antiquitets Akademiens Handlingar, vol. XXVI [Stock- 
holm 1869], p. 356). Aus Upland: SLüH L. 280; 
SLUf A (acc.) Dyb. fol. U. 142 (= L. 93). Vgl. Rygh 59. 

Stemld' (907 und 911), vielleicht = an. *Steinviär; Namen 
auf 'Viär sind in Schweden sehr häufig (z. B. Ämvidr, 
Björkvidr, Finnvidr, Folkvidr, Holmvidr, Hunvidr, Sig- 
viär u. a.). 

Stengi (geschr. Steggi; 944) vielleicht = an. Steingeirr 
(STAINKIR Dyb. 8<> 40) ? 

Stlr' (944) = an. Styrr. STUR L. 162 (Upl.). Styr Dipl. 
S. III, 98 (ib.). 

Stnd'k', Stndek' (944) = Stceäingr, nur aus Upland und 
östergötland bekannt. Aus Ostergötland STUfIKR L. 1113 
(= Steph. 614); aus Upland STÜPIK L. 128 (= Dyb. 
fol. U. 154); STÖfINKR L. 206 (= ib. 182). (Vgl. 



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149_ 

damit STOK L. 199; STOtBIARN L. 131, 210; STOP- 
KIL L. 210; STüOfKIL L. 143; STüPKIHL L. 633 — 
sämmtlich aus Upland). 

Sren' (944) = an. Sveinn, in Schweden und allen skandi- 
uawischen Ländern häufig. 

8Tenald' (944 u. sp. ; daneben SvenelcF, SventelcP, SvengelcC 
u. a.) = Sveinaldr, in Schweden häufig, übrigens wohl 
unbekannt: SVINALTß L. 469 (= Dyb. fol. St. 113); 
SVAINALTI L. 917 (Södermannland) ; SVAINALTR L. 1123 
(Östergötland). Suanaldus Dipl. S. III, 95 (TJpL); Swe- 
naldus ib. IV, 646. 

:Sq)fyyoq (Scylitz., Gedr. p. 710 u. d. J. 1016) = an. Sveinki 
SAINHI L. 947?) oder Sveinungr (SVAINÜNKR L. 917)? 
oder slawisch (vgl. Kunik in Dorns Caspia p. 366)? 

:2(p4yxeXog (Leo Diac. p. 144), 2(pdyYeXXog,2q)ayeXog{SGy' 
litzes, Cedren. p. 672, u. d. J. 972) = *SveinMl? 

Slbrld' (944) = an. Sigfriär (in den Sagas stets Sigfröär, 
Sigröär: cf. Gislason in Aarböger f. nord. Oldk. og Hist. 
1870, p. 126 sqq.). SIKFIRUPR L. 126 (= Dyb. fol. 
UpL 156); SIKRITR L. 80 (= ib. 148, Steph. 723); 
SlHFRIfR L. 17, 31. Sigfridus Dipl. S. III, 99, 389. 
Vgl. ad. Sigifrid F. 1091. 

Slch'bern' oder Sigobern' = Sigbjörn, der an. Buchlitera- 
tur fremd, aber in schwedischen Urkunden häufig: SIK- 
BIARN L. 294 (= Dyb. fol. üpl. 256), 545 (= ib. 
St. 214); SIHBIARN L. 523, 780 (üpl.); SIKBIURN 
L. 1061, 1133 u. a.; SIBIUN L. 316 (= Dyb. foL TJ. 4), 
1309. SIKBIBRN Säve, Gutniska ürkunder p. 44, Nr. 84 
(=L. 1571); Sigbernus Dipl. S. III, 98, 112, 541. Vgl. 
ad. Sigipero F. 1088. 
Tilen% Tilena, Telina, Tilej, Tirej (944), verderbter 

Name (f ILINIFR L. 492 ?). 
Traan (91 1) = an. (*Pr6andr), Prondr, Prändr. PORONTR 
L. 170 (=Dyb. fol. Upl. 205); MUNT L. 1176 (Öster- 
götland). Thronder Dipl. S. III, 65. Vgl. ad. Throand 
F. 1198. 
TruTOr' (862) = an. Porvarär. In Schweden und Däne- 



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150 

mark geht iW- bisweilen in Pru-, Trt^ Öberr z. B. tRU- 
NltJTß ötatt tUBNIÜTR L. 806; Tkrugotus S^o p. &96^ 
Trugatus Scr. rer. Dan. VIII, 221, TmgUd B. M. :t*tr P(yr- 
gautr; Thrugillus Saxo p. 513, Kpl. S. II, 257, Scn 
rer. Dan. VIII, 233 u. ö., Drukel, DruhU, Truls B. M., 
öchtredisch Truts, dätiisch Tripels ^= au. Pörgüs; Truger 
R. M. :=^ Porgeirr; schwedisch Trwvc (Rääf, Tdre-Mälet 
eller Folkdialekten i Tdre Härad af östei- Götland [örebr(h 
1859] p. 124) Wahrscheinlich ±s= au. Pottidr. (Bayer 
und Kunik [Berufung II, 131 und in Doms CAspia 
p. 402] bringen Truvor' mit dem ZuüÄuren Tkruwar 
bei Saxo p. 383 zuSaiumeö; dies ist aber ohne Frage nur 
eine Verdrehung des eutsprecheudeii Prjügr im Sögubrott 
die Endung -ar giebt das au. Nominativzeichen -r wieder^ 
Wie Ä. B. in Thronddr p. 361 :±= au. Pröndr). 

Tuky (1068) = an. Takt, häufig, speciell in Schweden und 
Dänemark: t. B. TUKI L, 28ö, 469 (:^ Dyb. fol. St. 119), 
667 (:^ib. Ü. 61), 882, 891 U. ö.; Toki, Tuke, Thiwca^ 
DtMchi u. a. R. M. 

Tdb' (944) t- Pölfr, nur in Schweden und Dänemark: 
fÜLPR L. 1120 (Östergötland), 1416 (Söhoöeu). Thoolf 
Dipl. S. III, 459; Tolfo ib. 96; Tolffuer ib. 671. Tho- 
otf, Tholf (Bischof von Drontheim), Adam. Brem. IV, c. 38 
(M. Ö. H. VII, 366, 383). Zolf, Zoolf, Zudf, Dhulp 
R. M. (Miklosich hat aus der LA. einiger Handschriften 
Tuad' in seiner Nedtoi*- Ausgabe Truad gemacht; eine- 
Aenderung, die Überfldssig und schwerlich richtig ist). 

tnr'bern' (944) ±:^ au. Porbjörn, überall im Norden häufig. 
Auf Runeuinschriflen tüRBIORN, ^üBBlüRM, tOR- 
BIARN, f ORBIORN u. a. ; latinisirt Thorbernus, Thurberhus, 

Hut'hTiÜ! (944$ Miklosich nach einigen Handschrifteö 
Tur'bid) = an. Porfridr. tORPRit L. 367 (^ Dyb. 
fol. St. 2). I^ÜRPRIf L. 1098 (Östergötland). Zorbrid 
ß. M. In an. ßüChliteratur Porröär (s. Sibriä"). 

Hütä! (944, zweimal) i±± an. Pördr, einer der häufigsten 
Namen im ganzen Norden; fORtR, tURfR 2. B. L. 96» 
101, 151, 170, 468, 891, 934, 1078 u. ö. 



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^ 



151 



Tilry (944) = an. ßörir (acc. ßöri)^ ebenso verbreitet. 
fUEIB, fORIR z. B. L. 112, 259, 260, 310, 396, 430, 
444, 466, 531, 696 u. ö. In Urkunden Thorirus, Thuri- 
rus, Thuro. 

VW (944) = an. Ulfr? Die Handschriften scheinen UleV 
zu haben, = an. Öleifr (s. OleV)? 

Ustln' (944) vielleicht = an. Eysteinn (auf Runeninschriften 
AUSTAIN, AÜSTAIN, AUSTIN, USTIN [L. 103, 509, 
1169, 1410], ÜSTAIN u. a.)? Doch ist die LA. un^^ 
sicher. (TJUn' = an. Opveginn, Opvaginn, UtVAHIN 
L. 176, 299, OfVAKAN L- 143, 1531?) 

Ver'mud' (907 und 911) = an. Vermundr. (Die LA. 
VeVmud' einiger Handschriften, besonders u. d. J. 907, 
bei der man auf aiu Vilmundr rathen könnte,, ist wohl 
in Ankiiüpfuiig an das ifi slawischen ZusaimnettsettongeB 
hätjflge i>d'^, gross, entstanden.) 

Yolst VoikOT' (944), zwei zweifelhafte Namen. (Die Hand- 
sckriften VoiJcov', Vojsiov' Ihov\ Voistvaikov', v'iskoiß' 
Ikcv* u. a.) 

Vnjefast' (^44) vidkicht *± an. Vefastr. VIFAST(R) L. 41 
(Dyb. fol. U. 42), 318 (:±= ib. 6), 681, 815, 1069, Dyb. 
fol. St. 29. YyfasUr Dipl S. 11, 231, ViuasUr ib. Ht, 89. 
Miklosich Sujefasf, vielleicht = JBöfastr, vgl. Bo- 
fester Dipl. S. I, 188; Bowastus ib* IH, 657. 

VuzleV oder Vuzlel>' (944) ? 



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( 



Register.*) 



Abu-Ischak al Isstachri 37. 

Abu-Said al Balchi 37. 

Achmed al-Kätib 54. 

Aifor 59. 67 ff. 

Al-Birüni 118. 

Aldegja (= Ladogasee) 84. 

Aldegjuborg 84. 

Altslowenisch 8. 

Angläneu 12. 

Annales Bertmiani s. Prudentius. 

Anti-Normannismus 16 ff. 19 f. 26. 

46 f. 50 f. 73. 94. 97. 111. 
Arabische Berichte 24ff._52ff. 
Artaniah (?) 37. 
Askold und Du: 13. 21. 74. 107. 

109. 
Austrvegr 82. 
Awaren 45. 

Barmaniah 37. 
Baruforos 59. 69. 
Basilios 45. 
Bjelo-osero 11. 12 f. 
Bronzezeitalter in Skandinawien 
78. 



Bulgar 10. 

Bulgaren an der Wolga 10. 26. 29; 
an der Donau 19; heutige sla- 
wische 7. 109. 

Chacanus, Chagan, Chakan 9. 29. 

45. 47. 
Ohakan-Rüs 26. 29. 
Chasaren 16. 26. 29. 45. 95. 103. 
Chelandia 19 f. 
Christenthum unter den Slawen 7 f. ; 

in Russland 22. 124. 
Chroniken, russische, 14. 128. Vgl. 

Nestor. 
Chronologie 19. 26. 93 f. 107. 
Constantin Kopronymos 19. 
Constantin Porphyrogennetos 23. 

55 ff. 
Constantmopel 13. 21 ff. 25. 47 ff. 

55. 84. 95. 108. 111 ff. 122. 
CyriUus 7 f. 

Dänen in Kijew 131 f., in Constan- 

tinopel 115. 
Danegeld 86. 



*) Das voraufgehende Namenverzeichnis ist nicht wieder berück- 
sichtigt. 



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153 



ZHr 8. Askold. 
Dnjepr-Stromschnellen 55 f. 
Dregowitschen 8. 
Drewlänen 8. 

Eigennamen der „Bussen" 73 ff. 

137 ff. 
Eisenzeitalter in Skandinawien 78 ff. 
E(?)larid8 6. 

Engländer in Constantinopel 115. 
Ermanrich 6. 11. 
Ersa-Mordwinen (?) 37. 
Essupi 58. 61 f. 

Pinnen 10 f. 79 f. 97. 103. 106 ff.; 

finnische Sprache 79 f. 97. 101 f. 
Finnland 10. 79. 102. 
Foederati 116. 
Franken 109; im mittelalterlichen 

Ghdechisch 42. 

Oardr, Gardariki 83 f. 105. 

aelandri 58. 63 f. 

Goten 6 f. 17. 79 f. 98; = Bewoh- 
ner Gottlands 12. 

Gottland 12. 77. 86. 126. 

Gregor, Insel des heiligen, 60. 

Griechenlandsfahrer 112. 

Griechische Berichte 19 ff. 41 ff. 
57 ff 

Gualani, Guarani (= Waräger) 
116. 

Hadschi Chalfah 118. 

Harald Haardraade 113. 120. 131. 

Hölmgardr (= Nowgorod) 84. 85. 

Ihn Dustah 26 ff. 52. 54. 

Ihn Fadhlan 29 ff. 53. 

Jgor 22 f. 49. 74. 85. 111. 129. 

Inger (= Igor) 49. 74. 85. 

Ingigerd 113. 

Ingwar 85. 

Isborsk 12. 



Itü (Stadt) 9ff.; = Wolga 29. 
Iwan der Schreckliche 117. 

Jakut 29. 
Jaropolk 111. 
Jaroslaw 45. 124. 130 f. 
Johannes Diaconus 48 f. 
Jordanes 11. 

Kijew 9; von den Russen erobert 
13. 28. 107. 109; Hauptstadt 
ßusslands 13. 37. 107 f.; „Dä- 
nen" daselbst 131 f. 

Koenugardr (= Kijew) 84. 

EJrarische Ueberfahrt 60. 

Kriwitschen 8. 12. 

Kroaten 7. 

Ladoga 12. 84. 108. 132. 

Langobarden 109. 

Leanti 59. 70. 

Leo IV., der Chasar 10. 

Leo von Ostia 120. 

Letten 3. 10. 

Litauer 3. 10. 16. 

Liudprand 20. 49 ff. 96. 

Lombardei 109. 

Ludwig der Fromme 42 ff. 96. 

Ludwig II. 45. 

Massudi 25. 54. 

Meren 11. 12. 103. 

Methodius 7 f. 

Mikligardr (= Constantinopel) 84. 

Mordwa, Mordwinen 10. 11.37. 103. 

Muktadir 29. 

Münzenfunde 86 f. 

Murom an der Oka 11. 

Muromen 11. 103. 

Napre2d 59. 70 ff. 
Neasit 59. 64 ff. 

Nestor 8. 12 ff. 19. 22. 106 ff. llOf. 
133. 



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154 



NormanaeB 44. 81 f. 105. 126; 

. Name 42. 51. 9Ö, 106. 10^-, nidrt 
= Slawen 50 f.; Wanderungen 
nach Westen 82, nach Eastland 
82 ff.; Angriffe auf Com^uandt- 
nopel 48» 49, 

Normanni 47. 50 f. 94 Ä 

Norwegen 82. 

Nowgorod 8. 84. 132 f.; von den 
RoMen erobert 12 f. 109; 8kai>- 
diaawiieliea iHemeirt das^st 
lS2f. 

Nurmanen (ä Norweger) 12. 

Olaf der Heilige 181. 
Oleg 13. 22. 74. 109. 
Olga 74. 129. 
Oskold s. Askold. 
Östergötltod 77 f. 86. 99. 
Ostrowuniprach 58. 62 f. 

Palteskja (*= Polo^) 84. 

Permier 37. 103. 

Petschenegen 56. 

Photios 21 f. 

Piräus, Run^BBchrift daher 108 f. 

Plinius 4. 

Polänen 8 f. 12. 13. 111. 

Polen 7. 

Polotschanen 8. 

Polozk 8. 13. 84. 137. 

Predslawa 74. 

Preussen, Pruzzi, Rniteni n. s. w. 

104. 
PrudentiuB 42 ff. 94. V0. ßbos 
(839 n. Chr.). 

Radimitschen 9. 

Ragnvaldr s. RogVolod'. 

ßasi (= Assyrer) 98. 

Reidgotar 99. 

Rhos, griechischer Name der Ruä- 
sen 19 f. 24.41. 103 f.; —Nor- 
mannen 42. 44. 47. 49 ff.; 



= Schweden (839 u. Chr.) 43 ft 
46 f. U. 106. Vgl. Rttfisen. 

Rhusioi (= Russen) 19 f. 41. 104; 
= Normannen 49 ff. 96. 

Riuze 104. 

Bodskarkr o, a. 99 ff. 

Rogned' 130. 

Bog'v^rtod' 7ft. 1^. 

Rosch (bei Ezechiel) 97. 104. 

Boslagen (in Sdmedea) 99ff. 

Rostow 11. 13. 

Qovcios roth 20. 104. 

Roxolani 98 f. 

Roller, Rol>in 99 ff. 

Rfcn (n= Rom) 104. 

BuneninschrifteR is IdkiüMÜnawien 

62. 69. 75. 77 f. 78. 84 f.; an» 

Venedig 114; aus Wolynien 6. 

Rnotsi (finnisch Schweden) 97 ff. 
106. 

Rurik 12 f. 20. 47. 74. 76. 107. 
109. 

Rüs (arabisch ä Russen) 24 ff. 
86. 52 ff. 104. 108; = Norman- 
nen 52 ff. ; vage Bedetrtung 36 f. 
52. 

Rus' (slawisch sa Bussen) 12 f. 
• 102 ff. 106 ff. 

Bush b. Rhusioi. 

„Russen" nicht Slawen 9. 28. 41. 
50 f. ; Sk^dinawefi 13 ff*. 89. 89 
u. ö.; von Finnen und Slawen 
gerufen 12. 107 ff. ; besetzen Ki- 
jew 13. 107. 109; Züge nach 
Griechenland 19 ff. 49 f.; Ver- 
träge 22. 23. 24. 74 f.; dienen 
im griechischen Heere 24. 112; 
Züge nach dem Osten 24 f. ; 
Handel 23. 27. 29 ff. 86; Sitten 
und Gewohnheiten 26 ff. 29 ff. 
52 ff. 88. 126; Seefahrer 25. 26. 
30. 52. 88; Sprache 60 ff. 124 f. 
133 ff. ; Eigennamen 73 ff. 137 ff. ; 
ursprüngliche Heimat 44. 75. 



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155 



77 f. 105 fF.; J^ame dear Nwiasm- 
nen im Osten 42. 44. 47. 4^ ff. 
52 ff. 96. lOß, beaoflidßrs der 
dort ansässigen 54, 106 ff.; kerne 
heimische BenennuHg 94 ff.; Ur- 
sprung und Geschichte äßnlSio.' 
mens 91 ff.; Wieched der Be- 
deutung 109 ff. 

Kussische Sprache durchsetzt mit 

skandinawischen Wörtern 133 ff. 
„Russisches" Meer (= Schwarzes 

Meer) 25. 
Eussland 105. 110; seine früheren 

Bevölkerungsverhältnisse 3 ff. 

Vgl. Russen. 
Ryza, Ryzaland 105. 

Sachsen nach Britannien berufen 

107 f. 
Sagas 82. 112 f. 123. 
Sambatas (= Kijew) 57. 72. 
Sarkel 9 f. 
Sarmaten 4. 94. 
Schiräsi 118 f. 
Schweden, Rhos genannt (839 n. 

Chr.) 43 ff.; Swien 12.108; Be- 

ziehimgen zum Osten 81 ff. 84. 

97 f. 107. 111 ff. 118 ff. u. ö.; 

finnischer Name 97. 99. Vgl. 

Skandinawen. 
Schweizer Garde 122. 
Scythen 9. 41. 
Seiina (= Sulina) 60. 
Serben 7. 
Sevilla 54. 
Seweränen 9. 12. 
Sineus 12. 76. 
Skandinawen, ihre Einwanderung 

79. 98 ; Beziehungen zum Osten 

78 ff. 82 ff. 105 f. 119; Benen- 
nimg im Osten 13. 96. 105. 
117 ff. ; ihre Geschichte in Russ- 
land 129 ff.; Besuche in Grie- 
chenland 86. 111 ff 119 f. 



^kire»^ Name und älteste <srie- 
8ßhaeh*e3ff.; Waaidärungen 7 f . 
80-, m Jluaalaaad 8 f. 37. 108. 
IW f.; vioon Meere afoge- 
ispecrt 10. 88. :97; in Nowgorod 
8. 12. 37. 110; Sprache 8. 110. 
1^.; arabischer Name 25. 
37. 

Slowenen 7; = Nowgorod-ßiawren 
8. 111. 

Smolensk 8. 

Södermannland 77 ff. 85. 

Strukun 59. 70 ff. 

Suomi 102. 

Swätoslaw 10. 74. 130. 

Tabary 26. 
Tacitus 4. 
Tauroscythen 41. 
Tawastrier 103. 
Theophanes Isaakios 19 ff. 
Theophüos 42 f. 
Thietmar 131. 
Truwor 12 f. 74. 
Tschechen 7. 
Tscheremissen 10. 
Tschuden 10. 12. 103. 
Türkisch -tatarische Stämme 9 ff. 
103. 

ülworsi 58. 62. 

Upland 77 f. 85. 99. 114. 

Vaeringjar, V«ringjalid s. Waräger. 

Venäjä (= Russland) 5. 

Venedi, Vinidae 4. 

Venedig, Beziehungen zu Constan- 
tinopel 47 f. ; Löwe mit Runen- 
inschrift daselbst 114. 

Venetianische Berichte 47. 

Verträge der Russen 74 ff. 

Vestrviking 82. 

Wätitschen 9. 12. 



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156 



Waräger (Wännger, Waranger), 
Name der Skandinawen in Rass- 
land 12 f. llOff. 123, in Griechen- 
land 119 ff., bei den Arabern 
118 f.; Leibwache in Constanti- 
nopel 111 ff. 121 f.-, Ursprung 
des Namens 110 ff.; Waräger- 
Meer (= Ostsee) 117 ff. ; Warägo- 
Rossen 122. 

Wenden, Winden 4 f. 



Wene (= Russland) 5 f. 
Werutzi 59. 70. 
Wessen 11. 12. 103. 
Wikinger 51. 81 ff. 87 f. 
Wladimir 45. 111. 130. 
Wladislaw 74. 

Wolga Handelsstrasse 25. 29. 
Wuhiiprach 59. 69. 

Zuaven 122. 



a 



Draok ron Friedr. Andr. Perthes in Gotha. 



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